Reichenau: St. Georg

St. Georg Reichenau-OberzellSt. Georg Reichenau-Oberzell
St. Georg Reichenau-Oberzell

Wer vom Festland über den Verbindungsdamm auf die Insel Reichenau im Bodensee gelangt, wird rechter Hand von der im Ortsteil Oberzell gelegenen Pfarrkirche St. Georg begrüßt. Seit mehr als 1100 Jahren ist das Gotteshaus ein Ort der Liturgie, der Verkündigung des Evangeliums und des Gebetes. Zusammen mit dem Münster St. Maria und Markus (Mittelzell) und St. Peter und Paul (Niederzell) bildet St. Georg das Ensemble der drei erhaltenen romanischen Kirchen der ehemaligen Benediktinerabtei Reichenau.

Zur Geschichte

Die 724 vom hl. Pirmin gegründete Abtei erlebte im 9. bis 11. Jh. eine Blütezeit. Unter den Karolingern und Ottonen gehörte sie zu den bedeutendsten Klöstern Mitteleuropas. Abt Heito (Hatto) III. (888-913) begleitete als Erzkanzler des Reiches den König Arnulf von Kärnten zur Kaiserkrönung nach Rom. Dort erhielt er von Papst Formosus im Jahre 896 die Schädelreliquie des hl. Märtyrers Georg. Wahrscheinlich war dies der Anlass zum Bau der Georgskirche. Noch heute wird die Reliquie unter dem Hochaltar aufbewahrt.

Ansicht von WestenAnsicht von Westen
Ansicht von Westen



Geweiht noch vor der Wende zum 10. Jahrhundert (wahrscheinlich im Jahr 899), wurde die Kirche in der Folgezeit mehrfach umgebaut und erweitert (Krypta und Chor im 10. Jh., Vorhalle im 11. Jh., Vierung im 14. Jh.), hat aber in ihrer äußeren Gestalt wie in der Innenausstattung den mittelalterlichen - mit Ausnahme der gotischen Vierungsgewölbes romanischen - Charakter bewahrt.

Ansicht von OstenAnsicht von Osten
Ansicht von Osten



Seit dem 11. Jh. sind für St. Georg Regularkanoniker (Chorherren) nachgewiesen. Nachdem die Abtei Reichenau im Spätmittelalter und vor allem in der frühen Neuzeit an Bedeutung verloren und das klösterliche Leben Mitte des 18. Jhs. zum Erliegen gekommen war, wurde das Kloster 1803 im Zuge der Säkularisation auch formal aufgehoben. Seitdem ist St. Georg Pfarrkirche für die Gemeinde Oberzell.

Baugestalt und Innenraum

Blick aus der Vorhalle nach SüdenBlick aus der Vorhalle nach Süden
Blick aus der Vorhalle nach Süden

Die Georgskirche ist eine dreischiffige Pfeilerbasilika. Das zellenartig geteilte Querhaus, welches kaum über die Maße der Seitenschiffe hinausragt, ist von außen nicht zu erkennen. Der gerade, fensterlose Chorabschluss, der quadratische Vierungsturm sowie die massiven Stützpfeiler an den Außenwänden der Seitenschiffe geben der Kirche ein gedrungenes Aussehen. Dieser Eindruck wird ein wenig abgemildert durch die sich an die Westapsis anschließende zweigeschossige Vorhalle, die die Kirche in Längsrichtung streckt. Die glatten, hell verputzten Außenwände und die braunen Pult- und Satteldächer verleihen der Außenansicht einen freundlichen Charakter. Leider ist der in den 80er Jahren erneuerte Putz bereits stark in Mitleidenschaft gezogen.


Durch die Vorhalle, die ihr Licht durch zwei Doppelarkadenfenster mit eingestellter Mittelstütze erhält, gelangt man ins Kircheninnere. Hier sind mit Schiff und Chor zwei Bereiche klar voneinander unterschieden. Weil die Krypta nachträglich (wohl im 10. Jh.) eingebaut wurde, ist der Chorbereich mit den zentralen liturgischen Orten (Ambo, Zelebrationsaltar, Hochaltar mit Tabernakel) deutlich erhöht. Ein breiter Aufgang mit zehn Stufen führt vom Mittelschiff hinauf zur Vierung und zum Chor; zu beiden Seiten führen Treppenstufen zur Krypta hinab. Während das Mittelschiff mit den berühmten ottonischen Wandbildern ausgemalt ist, sind das gotische Vierungsgewölbe, der östliche Vierungsbogen und die Chorwände schlicht verputzt. Dadurch wird der Blick auf den Hochaltar mit dem Tabernakel und das große Kruzifix an der Ostwand gelenkt: auf Jesus Christus, der mit seinem Kreuzesopfer die Welt erlöst hat und der sich in der Eucharistie den Gläubigen schenkt.

Krypta und Michaelskapelle

In der KryptaIn der Krypta
In der Krypta

Die Stufen, die zur Krypta hinabführen, münden in einen gelegenen Querstollen. Von diesem zweigt in der Mittelachse der Kirche ein unter der Vierung hindurchführender Längsstollen zur quadratischen Krypta ab, die unter dem Sanctuarium liegt. Vier Säulen stützen das Gewölbe, in dem sich Längs- und Quertonnen durchdringen. In der Raummitte befindet sich ein gemauerter Altar. An der Ostwand sind zwei Wandgemälde (Kreuzesdarstellungen) erhalten.

 

Im Obergeschoss der westlichen Vorhalle befindet sich die Michaelskapelle, zu der man über eine moderne, an der Nordwand gelegene Außentreppe gelangt. Durch zwei Doppelarkadenfenster an der Ostwand der Kapelle kann man in das Langhaus schauen. Diese Wand ist mit der Darstellung der Wiederkunft Christi ausgemalt.

 

Die Wandgemälde

 Wandbild: Die Auferweckung des Lazarus Wandbild: Die Auferweckung des Lazarus
Wandbild: Die Auferweckung des Lazarus

Die großformatigen Wandmalereien im Langhaus sind weltbekannt. Die um das Jahr 1000 entstandenen Bilder zeigen Szenen aus dem öffentlichen Wirken Jesu: Heilungen, die Stillung des Seesturms und Totenerweckungen bezeugen die göttliche Vollmacht Jesu Christi. Die Gemälde gelten als bedeutendster erhaltener ottonischer Bilderzyklus nördlich der Alpen. Die Bildfolge beginnt im Westen auf der Nordwand mit der Heilung des Besessenen von Gerasa (Mk 5,1-12 par); daran schließen sich nach Osten die Heilung des Wassersüchtigen (Lk 14,1-6), die Stillung des Seesturms (Mk 4,35-41 par)und die Heilung des Blindgeborenen (Joh 9,1-12) an. Auf der Südwand folgen von Osten nach Westen die Heilung des Aussätzigen(Mk 1,40-45 par), die Auferweckung des Jünglings zu Nain (Lk 7,1-11), die Auferweckung der Tochter des Jairus mit der Heilung der blutflüssigen Frau (Mk 5,21-43) und schließlich die Auferweckung des Lazaraus (Joh 11,17-44). Die Bilder werden horizontal von durchlaufenden Mäandern und vertikal durch verzierte Bordüren gerahmt. Zwischen den Obergadenfenstern sind die zwölf Apostel abgebildet, die Rundbilder mit den Büstenportraits in den Zwickeln der Arkadenbögen zeigen Mönche (vermutlich Reichenauer Äbte).

 

Die Mäander des Bildzyklus an Nord- und Südwand laufen auch über die westliche Wand des Vierungsbogens. Sie rahmen zwei Bilder von nicht näher identifizierten Heiligen. In der Obergadenzone ist die Verkündigung der Geburt Jesu an Maria dargestellt. Um den Chorbogen ist der Spruch "Christus vincit – Christus regnat – Christus imperat – Christus ab omni malo plebem suam defendat" geschrieben ("Christus siegt, Christus herrscht, Christus befiehlt, Christus möge sein Volk vor alles Böse verteidigen").

 

Im östlichen Teil der Arkadenzone der Mittelschiff-Nordwand befindet sich die "Kuhhaut", eine moralisierende gotische Wandmalerei, die die Schwatzhaftigkeit von Frauen – deren "Blabla" auf keine Kuhhaut gehe - aufs Korn nimmt. Die Westapsis zeigt ein Weltgerichtsbild aus dem 18. Jahrhundert.

Weitere Ausstattung

Das ca. zwei Meter hohe Kruzifix über dem Hochaltar stammt aus dem 18. Jh. Es zeigt Christus im nach Vollendung seines Leidensweges: Das dornengekrönte Haupt ist im Tode zur Seite geneigt. Das Leiden Christi ist auch in mehreren Kunstwerken im Langhaus thematisiert. An der Westwand des nördlichen Seitenschiffs befindet sich eine Ölbergdarstellung aus dem 15. Jh. (mit Ergänzungen aus dem 18. und dem 20. Jh.). In einem schreinartigen Kasten, dessen Hintergrundgemälde die Verhaftung Jesu zeigt, ist die Szenerie im Garten von Gethsemane in zwei Skulpturengruppen dargestellt: Während auf der linken Seite die drei Jünger Petrus, Johannes und Jakobus schlafen, kniet Christus auf der rechten Seite im Gebet. Ein Engel zeigt ihm einen Kelch: Jesus muss den bitteren Kelch des Leidens trinken, aber der Engel gibt ihm zugleich Kraft, den Passionsweg zu Ende zu gehen (vgl. Lk 22,43). An der Südwand zeigt der spätgotische "Geißelchristus" die nächste Station des Leidensweges. In der Ostapsis des nördlichen Seitenschiffs lädt eine im Kern spätgotische Pietà zu Gebet und Betrachtung ein. Jesus hat seinen Leidensweg vollendet, sein Leichnam ruht im Schoß seiner Mutter.




Der Kirchenpatron, der hl. Georg, hat seinen Platz in der Ostapsis des südlichen Seitenschiffes gefunden. Eine Skulptur aus dem 17. Jh. zeigt den Heiligen als geharnischten Ritter. Er ist im Begriff, den sich zu seinen Füßen windenden, schon besiegten Drachen mit einer Lanze zu durchbohren. Ebenfalls aus dem 17. Jh. stammt die Skulptur der Himmelskönigin an der Nordwand: Maria, in kostbaren Mantel gehüllt und mit den Attributen Krone und Szepter versehen, präsentiert dem Betrachter das segnende Jesuskind.

Georgskirche in "Second Life"

Virtuelle Georgskirche in Second LifeVirtuelle Georgskirche in Second Life
Virtuelle Georgskirche in Second Life

Seit November 2008 ist die Reichenauer Georgskirche der zentrale Ort für die Präsenz der Erzdiözese Freiburg in der virtuellen Welt "Second Life". Das Projekt "Kirche in virtuellen Welten" des Erzbischöflichen Seelsorgeamtes Freiburg verfolgt das Ziel, Chancen und Grenzen eines kirchlichen Engagements in dreidimensionalen virtuellen Internet-Welten auszuloten. Zu diesem Zweck wurde die Georgskirche vom Düsseldorfer Illustrator Peter Esser-Künzel in "Second Life" nachgebaut. Dieses virtuelle Gotteshaus dient nun als Ort für Wortgottesdienste und Gebetszeiten, insbesondere für die zwei Mal wöchentlich gebetete Komplet. Durch die Platzierung des über 1100 Jahre alten romanischen Gotteshauses in der virtuellen Internetwelt wird die (fruchtbare) Spannung zwischen jahrtausendealten kirchlichen Tradition und der modernen Medienwelt deutlich.

Text und Fotos: Dr. Norbert Kebekus

Kontakt:

Kath. Pfarramt St. Georg
78479 Reichenau
76133 Karlsruhe
Telefon: 07534 / 999212

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