Konstanz: Münster Unserer Lieben Frau
Turmprospekt, Säulenbasilika und Memorialstiftungen
Der eigenwillige Turmprospekt des Konstanzer Münsters setzt einen weithin in die Bodenseelandschaft wirkenden Akzent. Der blockhaft-geschlossene Turmkörper mit der mittleren Bekrönung des 19. Jh. hebt bis heute den geschichtlichen Anspruch des einstigen Bischofsitzes (590-1821) heraus.
Zur Erinnerung an den historischen Kontext seien kurz folgende Stichworte genannt: Konstanz war überregionales Zentrum der Alamannenmission, größtes Bistum nördlich der Alpen, ottonische Bischofsstadt, freie Reichsstadt und dann - ganz im Fokus von Europa - Schauplatz des bedeutenden Konzils von 1414-1418, Stadt der katholischen Reform und von Fürstbischöfen regiert, die freilich das barocke Meersburg für ihre Hofhaltung vorzogen, bis schließlich nach der Säkularisation dann 1827 Freiburg das Erbe des bischöflichen Sitzes antrat.
Nach einem ungeschriebenen Gesetz folgen die Türme einer Kirchenprovinz dem Leitbild der Bischofskirche. Den Reisenden durch Istrien beispielsweise begleitet über alle heutigen Ländergrenzen hinweg die vertraute Turmsilhouette des Domes von Aquileia.
Dass die achteckige Bekrönung des Konstanzer Mittelturmes von 1853/54 den Freiburger Münsterturm zitiert, ist daher formal nicht überraschend, allerdings auch nicht ohne politische Brisanz. Und nicht zuletzt markiert der massive dreiteilige Turmbau den historischen Baugrund in der Konstanzer Topographie: am Fuß der Westtürme sind jüngst die Mauerzüge des diokletianischen Kastells der Zeit um 300 n. Chr. freigelegt worden, die eine hochwasserfreie Anhöhe als ältesten Siedlungskern von Konstanz umgrenzen.
In der Baugestalt des Konstanzer Münsters verkörpern sich weitere der genannten historischen Bezüge. Der rechteckige Schluss des Altarraumes bewahrt bis heute die Baugrenze, die durch die karolingische Krypta und ihre Außenwand gezogen wurde. Die Stollengänge und Gewölbe des ausgehenden 8. Jh. wie der frühmittelalterlichen Raumerweiterungen tragen seither den Sockel des Altarraumes. Der Innenraum des Konstanzer Münsters ist einheitlich als monumentale, dreischiffige Säulenbasilika (2. H. 11. Jh.) bestimmt, mit je acht Rundstützen aus Rorschacher Sandstein, auf denen klar geschnittene achteckige Blockkapitelle sitzen. Sucht man Vergleichbares in der deutschen Baukunst, so bieten sich salische Großbauten, wie die Stiftskirchen von Goslar oder Hamersleben (gegr. 1111) an.
Bemerkenswerterweise empfand man über Jahrhunderte gerade dieses Raumbild der salischen Säulenbasilika als Verpflichtung. Man behielt die prägende Raumwirkung bei, als das Konstanzer Münster durchgreifend gotisiert wurde. Aus den Rückseiten der Säulen steigen in zarten Übergängen Profile und Rippen der neuen Seitenschiffgewölbe auf, die dem Bau neue Proportionen einschrieben. Seither legen sich um den Kern der salischen Säulenbasilika die breiten Mantelräume der gotischen Seitenschiffkorridore mit den je acht Kompartimenten der Seitenkapellen.
Eine eigentümliche Spannung ist so dem Konstanzer Münster eingeschrieben, zwischen dem strengen Rhythmus der inneren Säulenbasilika und den mit frommen Stiftungen überquellenden Seitenkapellen und Querhausarmen. Auch die neue Einwölbung des Mittelschiffes im späten 17. Jh. führte nicht zu einer durchgreifenden Barockisierung des Bauwerks, sondern zurückhaltend, fast spätgotisch anmutend, überspannt seither ein Netzwerk aus Stichkappen und Rippen den Raum. Und schließlich seien noch zwei Baumaßnahmen herausgehoben, die die Raumachse bestimmen: im Westen die Orgelempore von Lorenz Reder von 1515, die das Formenrepertoire von Gotik und Renaissance verbindet, und im Osten die klassizistische Altarraumausstattung von Pierre Michel d´Ixnard (1724-1795).
Nur wenige Kirchen haben eine so kontinuierliche, alle stilprägenden Jahrhunderte einbeziehende Geschichte. Der Reichtum des Konstanzer Münsters aber erschließt sich aus den zahlreichen Grabmälern, Altären und Memorialstiftungen der Konstanzer Bischöfe und Domherren, die ein Kompendium der Frömmigkeitsgeschichte bieten, auf das aber hier nicht näher eingegangen werden kann.
Text: Prof. Dr. Rainer Warland
Fotos: Fotowerkstatt Franz-Josef Stiele-Werdemann, Konstanz
Das Konstanzer Münster als Pfarrkirche für heute und morgen
Auch dem kunstgeschichtlich nicht besonders gebildeten Besucher des Münsters fällt wohl schnell die stilistische Uneinheitlichkeit dieses faszinierenden Gotteshauses auf. Sie ist die Folge davon, dass in ihm seit über 1000 Jahren Gottesdienst gefeiert wird: Die lebendige Kirche hat ihrem Glauben in allen Epochen Ausdruck gegeben in der Liturgie und in der Kunst. Einen der stärksten Umbrüche brachte sicherlich die Säkularisation von 1803. Selbst der Abriss des Münsters wurde in den Jahren danach erwogen - der Sinn für die Bewahrung des historischen Erbes entwickelte sich erst im Laufe des 19. Jahrhunderts.
Die Neuorganisation des kirchlichen Lebens war 1812 entschieden: Das Münster wurde Pfarrkirche für die Niederburg anstelle von St. Johann. Daneben blieb St. Stefan als älteste Pfarrkirche erhalten. Für die Südstadt wurde die Spitalpfarrei gegründet und ihr die heutige Dreifaltigkeitskirche zugewiesen. Während bis zu Beginn der Neuzeit noch Hunderte von Priestern und Nonnen in der Altstadt tätig waren, sind es heute nur noch wenige. Vom Dominikanerinnenkloster Zoffingen abgesehen, wirken heute vier aktive Geistliche in der Pfarrseelsorge für ca. 7000 Katholiken. Das Gemeindeleben wird vor allem von den aktiven Laien getragen, die im Jahr 2000 einen Gemeinsamen Pfarrgemeinderat für alle Altstadtpfarreien gebildet haben. Die Zusammenarbeit als Seelsorgeeinheit seit 2002 hat Kräfte gebündelt und sich als fruchtbar erwiesen. Das Münster als Konstanzer Hauptkirche wird seine Gestalt und Ausstattung auch in Zukunft fortentwickeln und so auch weiterhin Zeugnis geben vom lebendigen Glauben der Christen am See.
Text: Dr. Matthias Trennet-Hellwig
Foto: Archiv


