Der Dom zu St. Blasien
Unser badischer Landsmann Reinhold Schneider, dieser feinsinnige Dichter und Deuter der christlichen Botschaft, hat die Kuppelkirche von St. Blasien als "das Wort" bezeichnet, "das der Mensch hier im hohen Gebirge gesprochen hat". Dieses Wort gesprochen hat der größte Abt des benediktinischen Jahrtausends, Fürstabt Martin II., aus der Patrizierfamilie Gerbert aus Horb am Neckar.
1768 zerstört ein verheerender Sommerbrand weitgehend die Klosteranlage und die barocke Vorgängerkirche. Es ist die Stunde des Fürstabts und seiner geistigen und architektonischen Revolution, des rigorosen Bruchs mit der barocken Tradition: Un-ter dem persönlich erlebten Eindruck der europäischen Kuppelbauten (wie z.B. Inva-lidendom und Sainte Geneviève [Panthéon] in Paris, Petersdom in Rom und vor al-lem das altrömische Pantheon) ersetzt er das barocke Münster durch ein Hauptwerk des Frühklassizismus in Deutschland, dessen mächtige Kuppelform das Tal be-herrscht und beseelt (Reinhold Schneider). Architekt der zwischen 1771 und 1783 errichteten Abteikirche wird Pierre Michel d’Ixnard, im Dienste benachbarter Adels-häuser, Architekt u.a. der Stiftskirche Buchau, des Schloß Donaurieden, des Chors im Konstanzer Münster und des Sickingen-Palais in der Freiburger Salzstraße. Zeit-weilig wird er wegen Differenzen ersetzt durch den lothringischen Architekten und kurpfälzischen Oberbaudirektor Nicolas de Pigage, Bauleiter ist der fürstlich fürsten-bergische Baudirektor Franz Josef Salzmann.
In der Kuppel mag Martin Gerbert – so vermutet es zumindest Reinhold Schneider – das Symbol seines Strebens gefunden haben. Diese Kuppel ist für die Wirkung im Landschaftsbild angelegt, so dass sich die breite Vorhalle zwischen niedrigen Türmen lagert. Dahinter steigt in schwerer Form die Kuppel empor, weniger als Abschluss empfunden, eher als ein selbständiger Zentralbau. Die äußere Monumentalität oder besser Majestät wird durch den grandiosen Innenraum gesteigert.
Zwischen dem Weihejahr 1783 und der durch die Säkularisation ausgelösten Vertreibung der Mönche 1806/07 weist die klassizistische Hülle im Innern starke spätbarocke oder auch dem Rokoko angenäherte Elemente auf: Silbermann-Orgel mit prächtigen Verzierungen, eindrucksvoll ausgestatteter Altarraum, markante Ausgestaltung des Chorraums, barocke Fresken von Christian Wenzinger in der Kuppel und über dem Chorbogen und bunte Fenster in der unteren Rotundenhälfte. Die Ausplünderung der Kirche nach der Emigration der Mönche und eine Brandkatastrophe an einem klirrenden Februartag 1874 (das Wasser in den Schläuchen der Feuerwehr gefror) verliehen der Kirche eine Ernüchterung, die – nach fast vierzigjährigem Bangen zwischen Abriss und Wiederaufbau – in die Renovierung von 1911 – 1913 einfloß. Die jüngste Restaurierung zum 200. Weihejubiläum im Jahre 1983 durch die Denkmalspflege des Landes Baden-Württemberg (auch Besitzer der Kirche) hat sich für die strenge, klare, nahezu nüchterne Linie der sogenannten Salzmann-Mappe aus der Entstehungszeit entschieden. Aber die Idee, der Wurf und der Ton der ursprünglichen Schöpfung sind selbstverständlich geblieben.


Aus der Vorhalle treten wir in den schmalen Säulenumgang, der die von der Innenkuppel überwölbte Rotunde umfängt. Die einst stumpf-weißen korinthischen Säulen sind seit der Restaurierung 1983 leicht ornamentiert und poliert und verleihen dem Rundbau trotz aller Wucht und Gewaltigkeit einen erhabenen und gleichsam schwebenden Eindruck, der sich bei abendlicher Festbeleuchtung zur Ahnung von einem himmlischen Krönungssaal entfaltet.
Wie ein Triumphbogen erscheint die Öffnung zum einstigen Mönchschor, ein in die Tiefe gestrecktes Rechteck, das in seiner Einheit und Gestaltung der Schloßkapelle von Versailles nachempfunden ist. Eine balustradengeschmückte Empore ist einem Orgelprospekt vorgelagert. Das Ende des Mönchschores findet sich also nicht wie in barocken Klosterkirchen im Hochaltar, sondern in der Orgel, vielleicht Ausdruck der Vorliebe Martin Gerberts für die Kirchenmusik. Die jetzige Orgel der Firma Schwarz aus Überlingen aus den Jahren 1911/1913 ersetzt die einstige Silbermann-Orgel. Fachleute sprechen gern von der "absoluten" Architektur des St. Blasier Domes – eine Absolutheit, die auf eine "überirdische Feierlichkeit gestimmt" sei (Neue Zürcher Zeitung vom 11.12.1969). Demnach bestimmt das Absolute sowohl das Säulenrund des Hauptraumes als auch die auf hohen Sockelwänden präsentierte Kolonnade des Chores, in dem das einstige Mönchsgestühl einer zweckmäßig zeitlosen "Möblierung" weichen musste.
Dieser Blasiusdom, in dessen Türmen sich zehn Glocken zu einem der schönsten Domgeläute Baden-Württembergs vereinen, ist keine Kirche im herkömmlichen Sinne, in ihrer Schönheit und in ihrer gerade auch religiösen Absolutheit erscheint sie zeitlos, nicht auf eine Landschaft und ein traditionsgebundenes Christentum fixiert. In seiner hellen Frömmigkeit und Festlichkeit vermittelt der Blasiusdom das Göttliche schlechthin.
Der Dom zu St. Blasien ist also nicht nur ein besonderes Bauwerk, sondern auch eine Kirche ganz eigener Art. Wer den Dom bei Sonnenschein betritt, darf die Erfahrung machen: Gott ist Licht und Gott ist Weite. Der Besucher wird mit Licht und Weite empfangen, ohne dass ihn dieses gewaltige Bauwerk erdrückt und erschlägt. So kann man es regelmäßig in unserem Gästebuch nachlesen. Eine halbe Million Menschen besuchen das Jahr über unseren Dom. Auf Wunsch erhalten die Besucher auch eine qualifizierte Domführung. Unter pastoraler Rücksicht sehen wir auch die jährlichen internationalen Domkonzerte in den Monaten Juli-September und ein Konzert der Regensburger Domspatzen und das Neujahrskonzert. Letztere bringen bis zu 800 Zuhörer in den Dom. Die jährliche Ausstellung im Dom (zuletzt "Die Bibel in Gesichtern" von Emil Wachter) wird von rund 100.000 Menschen angeschaut. Ein besonderer Höhepunkt waren im Jahr 2007 die Domfestspiele mit rund 600 Mitwirkenden. Unsere Gottesdienste sind immer auch Einladung an die Menschen in den Kliniken von St. Blasien und Gottesdienstteilnehmer aus der Nachbarschaft. Der Dom als Kirche ganz besonderer Art lässt es auch zu, Gottesdienste mit Menschen zu feiern, denen die Eucharistiefeier eher fremd ist. St. Blasien ist auch eine Schulstadt: der Dom ist da der geeignete Raum, auch eine große Zahl von Kindern und Jugendlichen zu versammeln – aus dem Kolleg der Jesuiten, aus der Fürstabt-Gerbert-Schule und aus dem Kindergarten Arche Noah.
Text: Thomas Mutter und P. Georg Kappeler SJ
Fotos: Kunstverlag Josef Fink
Kontakt:
Katholische Kirchengemeinde St. Blasius
Am Kurgarten 13
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Telefax: 07672 / 9549
