Als Präventionsfachkraft an der Koordinationsstelle bin ich seit Januar 2022 für die Dekanate Baden-Baden, Karlsruhe, Pforzheim und Rastatt zuständig. Das Thema Prävention gegen sexualisierte Gewalt begleitet mich aber schon viel länger. Seit 2011 als Jugendreferentin und seit 2014 dann als regionalen Schwerpunkt im Jugendpastoralen Team Mittlerer Oberrhein – Pforzheim. Hier bin ich auch weiterhin Präventionsfachkraft und Ansprechperson.
Einer der Gründe, warum mir das Thema so wichtig ist, liegt schon einige Zeit zurück:
Als 2009/2010 das erste Mal viele Missbrauchsfälle bekannt wurden, habe ich mit der Mutter eines Betroffenen zusammengearbeitet. Ihr Kind wurde in den 90ern von einem kirchlichen Mitarbeiter missbraucht. Die Schilderungen ihrer Erfahrungen haben mich nachhaltig geprägt. Sie mussten sich mit den Dynamiken der Täter-Opfer-Umkehr auseinandersetzen, haben viele Anfeindungen ertragen müssen. Aber sie waren mutig, haben den Täter angezeigt und es kam sogar zur Verurteilung. Im Laufe des Verfahrens kam heraus: der Täter war vorher schon einmal verurteilt worden.
Als ich dann meine Stelle als Jugendreferentin bei der katholischen Kirche antrat, war mir wichtig, in meinem Einflussbereich alles dafür zu tun, dass solche Fälle nicht mehr möglich sind.
Eine weitere Grundlage für meinen Einsatz gegen sexualisierte Gewalt ist sicherlich auch der Leitsatz der kirchlichen Jugendarbeit: "Kirchliche Jugendarbeit fordert und fördert junge Menschen in der Begegnung mit sich selbst, mit anderen und mit Gott, ihre unverwechselbare Identität zu finden, um so fähig zu werden, als Christinnen und Christen in Kirche und Gesellschaft zu handeln." In den Grundlagen der Präventionsarbeit ist dieses Ziel etwas kürzer formuliert: Kirche soll ein sicherer Lern- und Lebensraum für alle sein, die sich kirchlichem Handeln anvertrauen. Es soll eine Kultur des achtsamen Miteinanders gelebt werden. Also nichts Anderes, als das für das wir als Christinnen und Christen sowieso schon stehen: Achte deinen Nächsten und dich selbst! Für mich bedeutet das, dass wir uns grundsätzlich wertschätzend, respektvoll und grenzachtend begegnen. Mit meiner Arbeit möchte ich darauf hinwirken.
Die größten Herausforderungen in der Präventionsarbeit sehe ich aktuell in den fehlenden zeitlichen und personellen Ressourcen, die es braucht, um Präventionsmaßnahmen vor Ort umsetzen zu können. Wie können wir als Institution Kirche kontrollieren und dokumentieren, dass wir ein möglichst hohes Maß an Sicherheit (z.B. durch die Einsichtnahme in erweiterte Führungszeugnisse) gewähren? Wie können wir möglichst flächendeckend für ein grenzachtendes Miteinander sensibilisieren, indem wir Schulen und den Verhaltenskodex für alle einführen und umsetzen? Wo sind in unserer Arbeit Faktoren, die Missbrauch begünstigen bzw. davor schützen? All dies anzugehen, zu implementieren und zur Selbstverständlichkeit werden zu lassen, ist ein großer Kraftakt.
Ich bin dankbar für die vielen engagierten Menschen im Erzbistum, die bereit sind, diesen Kraftakt zu meistern. Das gibt mir wiederum Kraft.
Durch die Umsetzung der Präventionsmaßnahmen (v.a. durch das Schulen und Informieren), erkennen immer mehr Menschen, dass Prävention bei der eigenen Person und mit grenzachtendem Verhalten beginnt. Handlungswege werden immer bekannter, sodass sich immer mehr Menschen trauen, um Hilfe zu bitten. Immer mehr Menschen nehmen Hilferufe ernst und treten aktiv gegen übergriffiges Verhalten ein.
Ich habe das Gefühl, dass wir uns gemeinsam in die richtige Richtung bewegen. Nicht alle sind schon gleich weit gegangen und das Ziel ist auch noch nicht erreicht, aber es geht definitiv vorwärts. Und das bestärkt mich in meiner Arbeit.