„Sich dem Geheimnis der Existenz anvertrauen“

07.09.2026 | Schwester Margareta Gruber OSF spricht im Interview über die Bedeutung des Franz von Assisi für den Frieden

Schwester Margareta Gruber, Franz von Assisi steht gemeinhin für soziale Gerechtigkeit (seine Zuwendung zu den Armen), für die Bewahrung der Schöpfung (sein Sonnengesang), und er ist der große Friedensapostel. Was versteht Franziskus unter Frieden?
Schwester Margareta Gruber OSF: Der franziskanische Gruß lautet pax et bonum (pace e bene), Friede und Gutes. Das heißt, Friede ist unmittelbar mit dem Heil, umfassendem Schalom, verbunden. Er steht für Glück, Freude, Unversehrtheit und Erfüllung, Gemeinschaft unter den Menschen und mit der Schöpfung, letztlich für die unzerstörbare Gemeinschaft mit Gott.
Friede ist also mehr als die Abwesenheit von Gewalt?
Umfassender Friede ist biblisch mit Gerechtigkeit verbunden, mit der Parteinahme Gottes für die Armen und Schwachen. Im Sonnengesang des Heiligen Franz gibt es noch eine weitere Spur: Hier werden diejenigen Menschen seliggepriesen, die Krankheit und Not ertragen. Das bedeutet, die menschliche Sterblichkeit zu akzeptieren ist ein Weg zum Frieden.
Äußerer Friede setzt also inneren Frieden voraus? Wie erreichen wir ihn? Was lehrt uns diesbezüglich die franziskanische Spiritualität?
Das Leben von Franziskus zeigt, dass dieser Weg in den Frieden ein lebenslanger Weg war: das versöhnte Einssein mit sich und ein geschwisterliches Sein mit allem geschaffenen Leben, für den sein Sonnengesang ein Zeugnis ist, hat Franziskus durch viele innere Kämpfe errungen. In einem bekannten Gebet in seinem Geist heißt es: „Herr, mach mich zu einem Werkzeug Deines Friedens“. Das erreichte er, indem er zu lieben begann und seinen konsequenten Weg der Nachfolge Jesu ging. 
Wenn aus Hass Liebe wird, ist das eine ungeheure Umkehrung. Franziskus traut das dem Menschen offensichtlich zu. Welcher Voraussetzungen bedarf es?
Es geht darum, sich trotz der eigenen Verwundbarkeit und Sterblichkeit der Unverfügbarkeit des Lebenssinns, dem „Geheimnis der Existenz“ anvertrauen zu können. Darauf kann sich eine Spiritualität entfalten. Religiös gesprochen geht es darum, sich dem Geheimnis Gott zu überlassen. Das lehren viele religiöse Meister, nicht nur im Christentum, sondern auch im Islam.
 
Franziskus vor dem Sultan, Andrea della Robbia (1435–1525), Umkreis, um 1500 (Sursee, Kapuzinermuseum, Inv.-Nr. 0624)
Damit spielen Sie auf die Begegnung des Franziskus mit dem Sultan an. Franziskus zeigte sich sehr verwundbar, als er 1219 inmitten des fünften Kreuzzugs in den Nahen Osten reist, wo er im Heerlager der Kreuzfahrer logiert. Während einer Waffenruhe lässt er sich über den Nil setzen, um den ägyptischen Sultan zu treffen.
Die Quellen erzählen, dass sich die beiden frei von Polemik über ihren Glauben unterhielten. Franziskus erlebt im Lager der Muslime außerdem ihre Art zu beten. Das muss großen Eindruck auf ihn gemacht haben. Und dann geschieht ihm bei den Sarazenen wider Erwarten kein Leid. Im Gegenteil, der Sultan entlässt ihn in Ehren.
Was lernen wir daraus?
Franziskus hat der „hate speech“ seiner Zeit, der den muslimischen Gläubigen ihren Glauben absprach und sie damit zu Nicht-Menschen machte, widerstanden und stattdessen die Begegnung mit den muslimischen Gläubigen gesucht und ihren Glauben respektiert. Die katholische Kirche hatte übrigens schon im Jahr 1067 festgelegt, dass Muslime und Christen „an den einen Gott glauben, wenn auch nicht auf dieselbe Weise“. Das wusste Franziskus vermutlich nicht, aber er handelte mit einer großen inneren Offenheit.
Welche spirituelle Haltung zeigt Franziskus in dieser aufgeheizten Lage angesichts eines unmittelbar bevorstehenden Kampfes?
Er ist einer, der Grenzen überschreitet, auf Begegnung setzt statt auf Feindbilder, Zuhören statt Kampf, konkrete Erfahrung statt Vorurteile. In ihm ist eine Kraft spürbar, die dem Bösen – dem Hass und dem Vernichtungswillen – widersteht und die Menschen zusammenführt. Im äußersten Fall bedeutet das: auf Gewalt mit noch größerer Liebe zu antworten.
Das kann fürchterlich schief gehen. Ist das nicht naiv?
Franz ist nicht blauäugig, er weiß, was er tut. Er will und kann nicht anders, als aus dem Geist Jesu, das heißt, aus Gott heraus zu handeln.
Das bedeutet in der Konsequenz, bereit zu sein, dafür sein Leben zu opfern?
Für Franziskus war das vermutlich keine Frage; er hatte allerdings nicht das Ziel, absichtlich und gewaltsam ein Martyrium zu suchen. Für ihn ist das Martyrium Ausdruck einer höheren Liebe, nicht Folge einer fanatischen Selbstzerstörung.
Die meisten Menschen sind dafür nicht geschaffen.
Heilige, darunter eben auch die Märtyrer, stehen dafür, dass es Größeres gibt als das irdische Leben und seine Erhaltung. Das kann sehr trostvoll sein, wenn das irdische Leben an seine Grenze kommt. Deshalb sind die Heiligen als Orientierung für die Ausrichtung unseres Lebens wichtig, auch wenn wir ihre Radikalität nicht erreichen.
Welche Rolle können oder müssen Religionen spielen angesichts der aktuellen Kriege in der Welt?
In der neuen Enzyklika von Papst Leo XIV. Magnifica Humanitas stehen folgende bemerkenswerte Sätze: „Bei der Ablehnung der Logik der Gewalt spielt der interreligiöse Dialog eine entscheidende Rolle, weil im Herzen der großen spirituellen Wege eine Botschaft des Friedens liegt. Diejenigen die den Namen Gottes benutzen, um Terrorismus, Gewalt oder Krieg zu legitimieren, verraten sein Antlitz. Im Namen der Religion zu kämpfen bedeutet in Wirklichkeit, die Religion selbst anzugreifen" (Nr. 223). Wenn wir die Logik der Liebe für irrelevant erklären, geben wir die Hoffnung auf eine bessere Zukunft in einer besseren Welt auf.
 
 
Das Interview mit Prof. Dr. Margareta Gruber OSF (Franziskanerin von Sießen, Professorin für Neues Testament und Biblische Theologie an der Vinzenz Pallotti University in Vallendar bei Koblenz) führte Alexander Schwabe.
800 Jahre Franz von Assisi
Diesen und weitere Beiträge zum Franziskanischen Leben in der Erzdiözese finden Sie auf unserer Themenseite www.ebfr.de/franziskusjahr