
Herr Schwake, während des Besuchs von Freiburgs Erzbischof Stephan Burger in Bethlehem und Jerusalem haben Sie ihn kürzlich getroffen. Worüber haben Sie gesprochen?
Wir haben über die neue Initiative des Lateinischen Patriarchen von Jerusalem gesprochen, „Within Your Gates“ („In Deinen Toren“). Ich meine, Erzbischof Burger hat großes Verständnis für die Vision von Kardinal Pierbattista Pizzaballa gezeigt und sieht den Mehrwert.
Welche Idee steckt hinter dem Projekt?
Um die komplexe Situation im Heiligen Land zu analysieren, haben wir ein akademisches, interdisziplinäres Forum auf die Beine gestellt. Es ist für alle gedacht: für katholische und nicht-katholische Christen sowie für Juden und Muslime. Es geht darum, Voraussetzungen für ein friedliches Zusammenleben zu erkunden, vor allem über Forschung und Publikationen.
Um welche Forschungsfelder geht es?
Unser erster Schwerpunkt galt der Sprache. Wie verständigen wir uns überhaupt? Und wie kann Kommunikation verbessert werden? Wie gelingt es, dass Sprache einladend und nicht ausgrenzend ist? Wir haben Kategorien entwickelt: Worte, die das Herz öffnen und Worte, die das Herz verschließen. Die Essays und Artikel darüber werden allmählich veröffentlicht, so dass auch andere mitdenken können.
An welche Themenschwerpunkte denken Sie noch?
Es würde sich lohnen, einmal ganz grundsätzlich über das Thema Handlungsfähigkeit nachzudenken. Wie kann man die Zukunft gestalten? Darüber kann man theologisch und philosophisch nachdenken: Was sagt die katholische und die protestantische Theologie dazu? Was der Islam? Was denken jüdische Theologen darüber, aber auch Politikwissenschaftler und Soziologen? Wenn man die Realität ändern will, muss man sich über die Voraussetzungen dafür im Klaren sein.
Was wären weitere mögliche Themen?
Ein weiteres Thema nennt sich ganzheitliche menschliche Entwicklung. Das hängt eng mit der katholischen Soziallehre zusammen. Wie kann sich Gemeinschaft entfalten? Wie gelingt es, mit Schwächeren solidarisch zu sein? Ein weiteres Thema wäre Spiritualität, im Sinne des hebräischen Begriffs Ruach (Geist), der ja auch den Intellekt einschließt.
Diese Art geisteswissenschaftlicher Grundlagenforschung ist sehr langfristig angelegt. Gibt es Überlegungen oder Methoden, wie man schneller für den Frieden aktiv werden kann?
Unsere Initiative ist verankert in unterschiedlichen Institutionen, im Patriarchat, aber auch in Universitäten und anderen Partnern. Man kann natürlich hoffen, dass diese Institutionen auch sofort Impulse aufgreifen können. Ich denke an Krankenhäuser, Schulen und Universitäten. Wir wagen aber nicht zu sagen, dass unser Forum morgen den Frieden bringen wird. Dieser Prozess wird sicherlich länger dauern. Uns geht es darum, etwas anzubieten, was Hoffnung gibt. Daher beziehen wir Juden und Muslime mit ein.
Wie ist die Resonanz auf Ihr Angebot?
Sehr positiv. Seit dem Start bekommen wir Anfragen von israelischer und palästinensischer Seite, auch aus Jordanien, aber auch in Europa und den USA. Viele schätzen es, dass ein Patriarch sich für diese Sache einsetzt. Er hat Autorität und eine besondere und ehrliche Unbefangenheit, um als Gastgeber dienen zu können. Die Leute wissen, dass er keine Schattenagenda hat.
Christen sind im Heiligen Land eine sehr kleine Minderheit. Werden sie überhaupt wahr- und ernstgenommen?
Die christliche Bevölkerung ist klein, ohne politische oder militärische Relevanz. Wir reden zum Beispiel von etwa 120.000 Christen, die in Israel leben, von denen vielleicht 80.000 wählen können. Auch auf palästinensischer Seite sind sie eine Minderheit. In Gaza gibt es zum Beispiel vielleicht 500–600 Christen unter zwei Millionen Muslimen. Dennoch fallen die christlichen Institutionen ins Gewicht. Die christlichen Universitäten, Schulen und Kliniken sind im allgemeinen Bewusstsein, stehen sie doch allen offen. Die christlichen Institutionen gehören zudem zu den größten Arbeitgebern. Hinzu kommt, dass das Christentum auch als Verbindung zum Westen angesehen wird. Die christliche Perspektive spielt eine große Rolle in der Frage, ob sich deutsche oder amerikanische Politiker für die Region interessieren.
Wie bewerten Sie den Besuch von Erzbischof Burger in diesem Kontext?
Das ist ein gutes Beispiel. Das Caritas Baby Hospital, dessen Schirmherr der Erzbischof ist, ist eine Institution im Westjordanland. Es wird gesehen und geschätzt, dass die reicheren Länder hier kräftig mitfinanzieren. Und man sieht sofort, was es heißt, ein Christ zu sein.
Wie stark strahlt das Caritas Baby Hospital in die muslimische oder jüdische Gesellschaft aus?
Es hat eine starke Wirkung. Die Strahlkraft solcher Institutionen ist auch aus einem anderen Grund wichtig: Wo sonst begegnen Juden und Muslime Christen von Angesicht zu Angesicht?
Werden Christen und ihre Institutionen nicht auch angefeindet?
Ich will nichts schönreden. Viele Muslime und Juden sind Christen gegenüber misstrauisch. Das hat mit negativen Erfahrungen sowohl von Juden als auch von Muslimen in der 2000jährigen Geschichte des Christentums zu tun. Das müssen wir in unserer Arbeit berücksichtigen. Wir fragen uns, wie wir einladend sein können, ohne dass man vor uns Angst hat. Es geht nicht darum, naiv zu sein, sondern darum, wie wir unsere Zugehörigkeit zum Land zeigen können, ohne dem Anspruch anderer Gruppen auf Souveränität zu widersprechen.
Was wünschen Sie sich für eine Unterstützung von außen – auch von der Erzdiözese Freiburg?
Das Wichtigste, was Außenstehende tun können, ist, die Leute hier weiter zu motivieren, über den eigenen Horizont hinauszuschauen, damit sie eine andere Perspektive gewinnen. Und zu zeigen: Wir vertreten gemeinsam unsere Werte. Denn in Kriegssituationen bilden sich schnell Kollektive. Alle verharren dann bei sich selbst. Wir brauchen aber Leute, die das Zusammenleben suchen. Die sagen, Christen, Muslime und Juden haben eine gemeinsame Zukunft und die müssen sie zusammen gestalten. Allein die ruhige Stimme aus Deutschland, die sagt, was Ihr da macht, ist sinnvoll, ist sehr hilfreich. Es stärkt das Selbstbewusstsein.
Erzbischof Burger hat gesagt, wenn man dem Frieden näherkommen will, brauche es Menschen guten Willens. Wie kann man deren Zahl erhöhen?
Jeder Christ kann ein Beispiel dafür sein, was es heißt, guten Willens zu sein. So wie die christlichen Institutionen ein Beispiel dafür sein können, wie man ein gutes Zusammenleben gestalten kann. Wo es heißt, du kannst mitgestalten. Wo man sagt, ich kümmere mich. Dass ich meine Gemeinde und meine Mitgläubigen liebe, ist das eine. Dass ich mich gleichzeitig auch um andere kümmere, ist das andere. Das Caritas Baby Hospital etwa öffnet seine Türen auch für andere. Wir müssen darauf achten, dass unsere Institutionen synodal und einladend sind. Wichtig ist auch, dass wir uns bewusst sind, wie wir reden. Dass wir die Anderen nicht nur kritisieren. Denn das kommt nicht gut an und kann destruktiv sein.
Womit wir wieder bei der Sprache wären. Was haben Sie in Ihrem Institut bereits dazu erarbeitet?
Wir haben zum Beispiel den Gebrauch des Wortes „aber“ thematisiert. Wenn jemand sagt: „Ich kritisiere den 7. Oktober, aber …!“ Oder: „Ich kritisiere, was in Gaza passiert, aber ….!“ Wir haben Auswirkungen der Art und Weise unseres Sprechens untersucht und uns klar gemacht, dass Sprache nicht nur beschreibend ist, sondern auch eine Realität schaffen kann. Politiker – ich will keine Namen nennen – setzen das gezielt ein. Sie wollen mit Sprache gewisse Prozesse in Gang setzen.
Die Sprache kann das Zusammenleben vergiften.
Wir haben Angst vor der Sprache des anderen, weil wir Angst haben, dass der andere damit eine Realität kreieren könnte, die uns negiert, meine Rechte, mich als Mensch. Daher müssen wir es vermeiden, dem Anderen das Gefühl zu geben, dass wir ihn und seine Rechte negieren. Das passiert leider zu häufig. Auch darüber haben wir viel gesprochen.
Eine letzte Frage. Sollte Gadi Eisenkot, der Herausforderer von Premier Benjamin Netanjahu die nächste Regierung in Israel bilden, versprechen Sie sich davon irgendeinen Fortschritt?
Ich bin in politischen Fragen kein großer Experte. Doch ich glaube, dass wir eine Hoffnung haben müssen. Auch wenn uns die Hoffnung nur um der Hoffnungslosen willen gegeben ist, wie Walter Benjamin sagt. Hoffnung ist wichtig. Ob das nun Eisenkot oder jemand anderes ist: Wir bleiben hier, und wenn wir hierbleiben, dann langfristig.

v. l. n. r. Fabian Freiseis, Erzbischof Stephan Burger, Daniel Schwake
(Das Interview führte Alexander Schwabe)
Zur Person: Dr. Daniel Schwake ist Direktor des Akademischen Centers der Notre Dame Universität in Jerusalem (Notre Dame Jerusalem). Der Ort liegt zwischen Jerusalem und Bethlehem. In dieser Funktion leitet er auch das Projekt „Within Your Gates“ („In Deinen Toren“), das interdisziplinäre Forschungsprogramm des Lateinischen Patriarchen von Jerusalem, Kardinal Pierbattista Pizzaballa. Dabei geht es um die Wiederbelebung der universalen Berufung Jerusalems als Ort der Versöhnung.


