Vom Ewigen berührt

29.10.2026 | Was Allerheiligen und Allerseelen über das Leben lehren – das Ende des Kirchenjahres öffnet den Blick fürs Absolute

Freiburg. Zum Ende des Kirchenjahres geht es um Leben und Tod. Allerheiligen und Allerseelen führen den Gläubigen die sogenannten letzten Fragen vor Augen, bevor am 1. Adventssonntag das neue Kirchenjahr beginnt als Zeit der Erwartung und der Vorbereitung auf die Menschwerdung Gottes mit Jesu Geburt. Es sind die Fragen nach Diesseits und Jenseits, nach Seelenheil und Heiligenverehrung und nach dem Ewigen Leben.
 
Die beiden besonderen Tage geben Anlass, die Toten zu betrauern. Doch zugleich auch, die Trauer hinter sich zu lassen. Denn im Glauben an das Ewige Leben kehren sich die üblichen Verhältnisse um: Die Toten sind die eigentlich Lebenden, ewig bei Gott. Und die Lebenden sind diejenigen, denen der Tod noch bevorsteht, Sterbliche, in ihrer Zeit- und Räumlichkeit wie durch einen Schleier vom Ewigen getrennt. So können Allerheiligen und Allerseelen in Wahrheit zu einer Feier der Toten werden, die schon bei Gott leben.

Bernadette Soubirous vermittelt den Zugang zum Heiligen

Die Seligen und Heiligen wähnt der Glaube mit Gewissheit bereits dort. Allen voran Maria, die Mutter Gottes, die mit Sicherheit unmittelbar bei Gott geglaubt wird – daher die Rede von der Unbefleckten Empfängnis: Rein gar nichts trübt ihr Verhältnis zum Göttlichen (erinnert und gefeiert am 8. Dezember, Mariä Empfängnis). Die Heiligen können wichtig sein, nicht etwa, weil sie bei Gott eine besondere Empfehlung für uns abgeben würden, sondern weil an ihnen bereits vollzogen ist, was wir noch hoffen.
 
Die Gelegenheit, der Geschichte einer Heiligen zu begegnen, bot sich in diesen Tagen in der Erzdiözese Freiburg. Eine Reliquie der Heiligen Bernadette machte an zehn Orten Halt, der letzte Stopp ist just an Allerheiligen im Kloster Beuron, bevor der Schrein am 3. November nach Augsburg überführt wird. Die Präsenz des Reliquiars gab Anlass über die Geschehnisse nachzudenken, die über Bernadette berichtet werden. In ihnen kreuzen und überlappen sich die beiden Wirklichkeiten, die irdische und die himmlische. Die Marienerscheinungen durchbrechen jenen Schleier, der das Zeitliche vom Ewigen trennt. Die Müllertochter Bernadette kommt an der Grotte bei Lourdes mit der bei Gott wohnenden Maria unmittelbar in Berührung. Und in ihr, Bernadette, können wir vorausschauend Anteil an der Erfahrung des Ewigen nehmen.

„Der Mensch kann nicht leben, ohne zu knien“

Das Betrachten der sterblichen Überreste oder von Gegenständen vom Ort des außerordentlichen Geschehens mag hilfreich sein, um uns unserer eigenen möglichen Transformation ins Ewige hinein zu vergewissern. Doch die Reliquie an sich ist nicht das Kultobjekt. Von ihr gehen weder magische Kräfte aus noch lässt sich irgendetwas durch sie bewirken. Sie kann allerdings dazu dienen, die Ausrichtung auf Gott einfacher zu finden. Dabei bleibt der anbetende Mensch nicht bei der Reliquie stehen, sondern transzendiert sie, hinein ins Allumfassende. Er kann gar nicht anders.  
 
Fjodor Dostojewski sagt, der Mensch könne nicht leben, ohne zu knien. Demnach gibt es ein menschliches Grundbedürfnis, sich auf ein als größer erkanntes Wesen oder Ziel als einem Gegenüber zu beziehen. Es ist die Sehnsucht nach einem – wenn auch verborgenen – Absoluten. So hängt jeder Mensch seine Seele an etwas, das außerhalb seiner selbst liegt und von dem er sich Rettung, Erlösung, Erfüllung verspricht. Martin Luther schreibt in seiner Auslegung des Ersten Gebots: „Woran Du Dein Herz hängst, das ist Dein Gott.“ Das kann alles Mögliche sein: Geld, Erfolg, Ansehen, Sicherheit oder eben Gott. Für den wahrhaft religiösen Menschen gehört die letzte sowie eigentliche Ehre und Anbetung Gott – nicht einem untergeordneten, vergänglichen Objekt oder Ideal, dessen Verehrung zur Vergötterung verkommt und letztlich enttäuschen wird und den Fragen über Leben und Tod nicht standhält.
 
(asc)