"Sei mutig und stark!"
23.10.2026 |
Weltmissionssonntag unterstützt Kirche in Madagaskar und erinnert an seine hundertjährige Geschichte
Am Sonntag begeht die katholische Kirche weltweit den Weltmissionssonntag, der vor 100 Jahren eingeführt wurde, um nationale Alleingänge in der Mission zu überwinden. Auch in der Erzdiözese Freiburg steht der Aktionstag im Zeichen weltweiter Verbundenheit.
Im Mittelpunkt des diesjährigen Weltmissionssonntag steht Madagaskar. Madagaskar zählt zu den ärmsten Ländern der Welt. Armut, schwache staatliche Strukturen sowie die Folgen der Klimakrise erschweren den Alltag vieler Menschen. Besonders in ländlichen Regionen fehlen oft grundlegende Infrastruktur und medizinische Versorgung. Wo staatliche Hilfe ausbleibt, übernehmen Ordensfrauen und kirchliche Gemeinschaften Verantwortung. Sie begleiten Familien, betreiben Schulen und Gesundheitsstationen und schaffen verlässliche Anlaufstellen für Menschen in Not. Ein Schwerpunkt des Weltmissionssonntags 2026 ist die medizinische Grundversorgung. In vielen Regionen Madagaskars sind kirchliche Gesundheitsstationen die einzige Möglichkeit, ärztliche Hilfe zu erhalten. Mit der Kollekte und weiteren Aktionen unterstützt missio dieses Engagement und stärkt kirchliche Partnerinnen und Partner in Madagaskar sowie in vielen weiteren Ländern des Globalen Südens.
100 Jahre Weltmissionssonntag
Das Wort "Mission" klingt immer noch irgendwie altbacken, fromm, kolonial, ideologisch. Andererseits hat heute fast jedes zeitgemäße Unternehmen ein "Mission Statement". Es beschreibt, wofür man steht, welche Ziele man anstrebt.
Als Papst Pius XI. (1922-1939) im Juni 1926 für die gesamte katholische Kirche einen jährlichen Sonntag der Weltmission einsetzt, will er damit die vielen unkoordinierten Alleingänge von Ordensgemeinschaften und Nationen bündeln. Vier Jahre zuvor schon hatte er dem katholischen Missionswesen ein neues Ordnungsprinzip gegeben - inspiriert von einer jungen Französin: Pauline Jaricot (1799-1862).
Von Einzelinitiativen zum Missionsverein
Die Tochter eines Seidenfabrikanten in Lyon hatte zunächst einen Verein gegründet, um die christliche Mission in China zu fördern. Später folgten Initiativen zur Unterstützung von Arbeitern und Dienstmädchen in ihrer Heimat. Ihr Engagement veranlasste den Papst dazu, ihren Lyoner Missionsverein zu einem päpstlichen Werk zu machen.
Von Jaricot inspiriert war auch der Aachener Arzt und preußische Landtagsabgeordnete Heinrich Hahn (1800-1882). Er gründete 1837 einen Missionsverein. Ein Jahr später griff auch Bayerns König Ludwig I. Jaricots Beispiel auf. Die heutigen Werke missio Aachen und missio München führen ihre Gründungen fort - und sind Mitglieder des inzwischen weltweiten Netzwerks Päpstlicher Missionswerke in 120 Ländern.
Seit dem Ende des 18. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts hatten europäische Missionare in Afrika, Asien und Ozeanien Kirchengemeinden, Schulen und Krankenhäuser aufgebaut. Teilweise war ihre Arbeit mit Europas kolonialer Expansion verflochten. Manche kooperierten mit den Kolonialverwaltungen, andere gerieten mit ihnen in Konflikt.
Über Nationalgrenzen hinaus
Der Erste Weltkrieg dann offenbarte Europas moralischen Bankrott. Staaten, die sich christlich nannten, führten einen industrialisierten Krieg, den sie bis in die Kolonialgebiete hinein austrugen. Bereits Jaricot und Hahn war der nationalistische Zug in den Missionen ein Dorn im Auge: Die katholische Weltkirche ging doch über Nationalgrenzen hinaus.
1919 dann forderte Papst Benedikt XV. (1914-1922), der mit seinen Friedensappellen während des Krieges gescheitert war, Konsequenzen: Missionare außerhalb Europas sollten nicht länger als Vertreter ihrer europäischen Heimatländer auftreten. Die christliche Mission gehöre weder einer Nation noch einem Orden oder einer Missionsgesellschaft.
Sein Nachfolger Pius XI. griff dies auf. Das von ihm 1922 gegründete Päpstliche Missionswerk wurde der Kongregation für die Evangelisierung der Völker unterstellt. Die Aktionen in den Heimatländern der Missionare sollten gebündelt und die katholische Christenheit in einer zielbewussten Missionshilfe zusammengeschlossen werden. Und am jährlichen Sonntag der Weltmission Ende Oktober würde dafür eine weltweite Kollekte gehalten.
Kolonialen Habitus abgelegt
Einen gewissen kolonialen Habitus, der sich in Personalhierarchien - Bischöfe und Ordensobere stammten aus Europa - ebenso zeigte wie in den theologisch-kulturellen Vorgaben des Nordens, haben die Missionswerke inzwischen abgelegt. "Heute sind wir längst Partner auf Augenhöhe, die gemeinsam entscheiden, was mit den Spenden passiert und welche Projekte vor Ort sinnvoll und nachhaltig sind", betonte Dirk Bingener, Präsident von missio Aachen, unlängst im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).
So treffen sich jedes Jahr im Mai die Nationalverantwortlichen der 120 Missionswerke in Rom und beschließen gemeinsam, wofür die weltweiten Spendeneinnahmen des Weltmissionssonntags eingesetzt werden sollen. Dabei hat jedes Werk eine Stimme, unabhängig von Größe und Spendenaufkommen.
Die stark wachsende Kirche des globalen Südens vertritt ihre Interessen und Ansichten inzwischen vehement. Insbesondere das Pontifikat des Argentiniers Franziskus machte ihr dafür Mut. Zudem hat sich der Personalfluss umgekehrt: Mehr und mehr Ordensleute und Priester aus dem Süden - vor allem aus Afrika und Südostasien - kommen nach Europa und sind hier tätig. Auch das ist Mission, mit ihren Chancen und Problemen.
Mentalitätswandel
Der Mentalitätswandel in der Mission zeigt sich auch in der Öffentlichkeitsarbeit. Die Plakate, mit denen missio bis in die 1960er Jahre um Spenden warb, betonten die Unterstützung der eigenen Missionare im Ausland. Allmählich erst rückten die Menschen dort stärker in den Blick: als unerlöste Völker, die bisher noch nichts wissen von Christus als dem Heil der Welt. Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) wuchs das Bewusstsein: Die Kirche im Süden braucht eigene, einheimische Kräfte.
In den 1970er Jahren ging es in der Spendenwerbung zunehmend auch um materielle Not - und um Partnerschaft: Der Norden soll nicht nur spenden, sondern auch verzichten und vom Süden lernen. "Fremde werden Freunde" lautete das Motto der Spendenkampagne 1980. In den 1990er und 2000er Jahren wurden spezifische Themen hervorgehoben: Schulden, HIV/Aids, interreligiöser Umgang, Flüchtlingskrisen sowie Kriege und Konflikte. Das Missionsverständnis wird ganzheitlicher: "Verkündet das Evangelium - zur Not auch mit Worten", wie Papst Franziskus einmal sagte.
Gewisse Konkurrenz
Nationalismen in der Mission hat die katholische Kirche überwunden. Was bleibt, ist eine gewisse Konkurrenz zwischen den christlichen Konfessionen. Dazu haben der Vatikan, der Weltrat der Kirchen und die Weltweite Evangelische Allianz der Freikirchen 2011 den gemeinsamen Verhaltenskodex "Christliches Zeugnis in einer multireligiösen Welt" unterzeichnet.
Dessen Kernpunkte lauten: Mission gehört zum Wesen der Kirche. Sie muss aber die Religionsfreiheit achten sowie jede Form von Zwang, Druck oder materiellen Anreizen zur Bekehrung vermeiden. Dialog, Respekt und christliches Zeugnis gehören zusammen.
(Roland Juchem / KNA)









