Scheitern von Digitalisierungsprojekten
09.10.2026 |
Gedanken zum Thema Scheitern
Ein Digitalisierungsprojekt kann formal erfolgreich abgeschlossen werden und dennoch seinen eigentlichen Zweck verfehlen. Umgekehrt kann ein unerwartetes Forschungsergebnis einen wichtigen Erkenntnisgewinn liefern. Doch wie ist das möglich? Die Antwort lautet: durch Scheitern.
Manchmal ist es auch aus der Archivpraxis bekannt: Ein Aktenbestand ist vollständig digitalisiert. Der Abschlussbericht meldet Erfolg. Doch die Dateien liegen auf einem Gruppenlaufwerk und sind für die Nutzenden nicht auffindbar. War das Projekt also eigentlich gelungen? Eher nicht. Und obwohl es viele Projekte in diesem Bereich gibt, spricht man selten von einem Scheitern bei Digitalisierungsprojekten.
Erfreulicherweise ändert sich dies langsam. So gibt es immer mehr Veranstaltungen, in denen das Scheitern von Projekten offen oder im geschützten Rahmen thematisiert wird. So widmete sich beispielsweise am 02.10.2026 die Konferenz der Young Digital Humanities Berlin/Brandenburg dem Thema „Scheitern in den Digital Humanities”. Scheitern selbst ist dabei ein altes und lang etabliertes Sujet. Seit Jahrhunderten schauen wir dramatischen Figuren in Theater, Oper, Film und Fernsehen beim Scheitern zu. Dies ist jedoch klassischerweise oft das Scheitern der anderen. Dem individuellen Scheitern selbst wird hingegen wenig Raum gegeben. Es ist unangenehm, wird geglättet, in eine narrative Rahmung eingefasst oder bleibt gänzlich unthematisiert.
Dies betrifft auch Projekte aus den Bereichen Digitalisierung, digitale Transformation, Wissenschaft und Forschung. Dies erscheint in gewisserweise auch nachvollziehbar: Gerade in Fördermittelkonkurrenzsituationen kann regelmäßige Ergebnislosigkeit zum Nachteil der eigenen Einrichtung gereichen. Das wiederum kann sich nachteilig auf die Ausstattung, die Stellenplanung und sonstige Ressourcen auswirken. Einhergehend mit zuvor gesteckten Erwartungen und Anforderungen kann dies die intellektuelle Fallhöhe zusätzlich anheben.
Dabei ist Scheitern eigentlich absolut üblich und kann sogar gewinnbringend sein, wenn man ihm den nötigen Raum gibt. Dennoch wird es meist mit Ergebnislosigkeit gleichgesetzt, die nicht immer vorliegen muss. Manchmal fehlen nur "die letzten Meter", um ein gescheitertes Projekt erfolgreich abzuschließen (z. B. das Online-Stellen von Digitalisaten), in anderen Fällen sind die Ergebnisse einfach anders als erhofft.
Betrachtet man die Geschichte, so lassen sich einige spannende Beobachtungen machen: Aristoteles' Leistungen sind beispielsweise in der Formalisierung der Logik, der Systematisierung philosophischer Disziplinen, der Begründung der Tugendethik sowie in der Staatsphilosophie und der Dramentheorie zu verorten. Auch als Biologe hat er einige Leistungen erbracht. Seltener erwähnt werden seine Erkenntnisse, dass das Gehirn zur Kühlung des Blutes genutzt wird (siehe „De partibus animalium”) und dass weibliche Lebewesen, wie z. B. Menschen, Schafe, Ziegen oder Schweine, weniger Zähne haben als männliche (siehe „Historia animalium”). Ein Umstand, der absurderweise jahrhundertelang unhinterfragt blieb, obwohl die Prüfbarkeit dieser Aussagen prinzipiell möglich und einfach war. War Aristoteles also ein gescheiterter Biologe? Mitnichten. Denn dies ist auch eine Beobachtung des Scheiterns: Erfolge supervenieren Fehlschläge.
Was ist Scheitern?
Der Begriff leitet sich von „Scheit”, einem abgespaltenen Stück Holz, ab und wurde im Mittelhochdeutschen und Niederdeutschen als „schīt” verwendet. Seit dem 16. bzw. 17. Jahrhundert wird er als Ausdruck für „in Stücke gehen” verwendet. Es beschreibt im Wesentlichen eine zugeschriebene, unerwünschte Nicht-Normerfüllung innerhalb einer Praxis, die in besonderen Fällen auch den praxiskonstituierenden Möglichkeitsbedingungen entgegenwirkt oder die subjektzentrierte Zugänglichkeit dieser negiert. In schweren Fällen kann Scheitern auch für ein Handlungssubjekt innerhalb des biografischen Lebensentwurfs existenzielle Wirksamkeit erlangen.
Um diese theoretisierte Ebene zu verlassen, sollte man das Scheitern als Kristallisationspunkt lebensweltlicher Praxis betrachten. In diesem Zusammenhang sei auch die Arbeit zum Scheiterntopos in den Digital Humanities und die Gesamtschau eines „greifbaren Scheiterns“ von Tessa Gengnagel empfohlen.
Bezieht man dies nun auf Projektarbeit, so gibt es laut Gengnagel vier Problemfelder, in denen ein Scheitern möglich ist:
- Technologisches Versagen: Die tatsächlichen Ergebnisse einer Technologie entsprechen nicht ihrer vorgesehenen Aufgabe.
- Menschliches Versagen: Es fehlen Fähigkeiten oder Erfahrungen, um Technologien angemessen anzuwenden.
- Arbeitspraktisches Versagen: Selbst gesetzte Ergebnisse, Liefergegenstände oder Meilensteine werden im vorgesehenen Zeitraum nicht oder unzureichend umgesetzt.
- Intellektuelles Versagen: Forschungsannahmen oder die Interpretation der Ergebnisse bleiben oberflächlich.
Reichert man diese Gründe für das Scheitern mit den typischen Verlaufsphasen eines Projektes an, so hat man nicht nur die Möglichkeiten des Scheiterns, sondern auch die phasenbedingten Scheiterungspunkte. Hierzu sei angemerkt, dass je nach Modell oder Ansatz (z. B. Projekt-Phasenmodell nach DIN 69901-2, Wasserfallmodell, V-Modell, Spiralmodell, PRINCE2 u. a.) drei bis n Projektphasen beschrieben werden können.
Woran erkennt man Scheitern?
Prinzipiell ist Scheitern zu allen Zeitpunkten eines Projektes möglich, ebenso wie aus verschiedenen Gründen. Die relevanteste Frage wäre jedoch: Woran erkennt man ein Scheitern? Diese Frage ist nicht ganz trivial. Das Verfehlen von Zielen ist nicht immer messbar und manchmal sind Ziele auch impliziter zu verstehen. Scheitern braucht ebenso wie Erfolg eine Form der Messbarkeit.
Beispiel 1: Ein Digitalisierungsprojekt für einen Aktenbestand kann beispielsweise erfolgreich abgeschlossen sein, doch wenn die angefertigten Digitalisate über Jahre hinweg auf Gruppenlaufwerken liegen, ohne dass sie genutzt werden können – beispielsweise in einem elektronischen Lesesaal –, dann ist das Projekt gescheitert. Sie sind nicht auffindbar, werden nicht online zur Nutzung angeboten und kosten Speicherplatz. Ein solches Projekt kann als gescheitert betrachtet werden, obwohl das Ziel, Akten zu digitalisieren, erreicht wurde.
Beispiel 2: Einführung eines Fachverfahrens: Auch im Transformationsprozess des Verwaltungshandelns können Digitalisierungsprojekte scheitern, obwohl sie nach Vorgabe erfolgreich waren. So kann beispielsweise in einer Abteilung eine neue Software angeschafft, geschult und vermittelt worden sein. In der Praxis wird das Fachverfahren jedoch vielleicht nicht so genutzt, wie geplant. Möglicherweise fehlt auch die Akzeptanz oder der Bezug für die Anwender:innen. Auch dies kann eine Form des Scheiterns sein. Die daraus resultierende relevante Frage ist, welche Konsequenzen man hieraus zieht oder ob es überhaupt Alternativen gibt.
Die Fragen, die wir uns bei Digitalisierungsprojekten also stellen sollten, ist nicht nur: „Wurde das Projekt fertiggestellt?” Sonder auch "Wurde das Vereinbarte erreicht?" "Können die Personen mit dem Ergebnis weiterarbeiten?" "Erfüllt das Projekt einen Zweck?" "Wie nachhaltig ist das Projekt innerhalb der Organisation?"
Wofür kann Scheitern gut sein?
„Gesundes“ Scheitern im Sinne eines Scheiterns in einem geschützten Rahmen kann helfen, Unwägbarkeiten, Grenzen und blinde Flecken in Prozessen sichtbar zu machen. Gerade bei der Einbettung in bestehende technische oder administrative Ökosysteme kann es häufig zu Fehlschlägen kommen, insbesondere, wenn diese nicht flexibel genug auf projektierte oder pilotierte Neuerungen reagieren. Auch stark explorative Projekte können zeigen, was machbar ist und was nicht. Es ist wichtig, zu akzeptieren, dass manche Dinge eben nicht funktionieren (negative Ergebnisse) oder dass die angenommenen Vermutungen sich nicht bestätigen lassen (Nullresultate). Auch wenn diese Ergebnisse vom Erwartungshorizont abweichen, können sie weiterhelfen. Amy Edmondson bezeichnet diese auch als wertvolle Rückschläge bzw. intelligentes Scheitern, das erst weitere Innovationen hervorbringen kann. Leider ist die Akzeptanz derartiger Rückschläge noch nicht überall verbreitet. Dies gilt insbesondere für den Wissenschaftsbereich mit hohem Innovationsanspruch oder für große und „ehrwürdige” Einrichtungen, die ggf. einen Reputationsverlust befürchten.
Tony Franzky

