„Wir sind auf dem falschen Weg unterwegs“

Franz von Assisi als Inspiration und Mahnung – der Kapuziner Michael Maldacker über seine Arbeit im Geiste des Heiligen

Ein stürmischer Tag. Mit einem lauten Knall schließt sich die Tür des Speisesaals. Hier im Kapuzinerkloster, stehen 20 junge Leute vor mir, alle um die 18. Eine Schulklasse, die unser Kloster besichtigen möchte. Bevor ich nach Frankfurt am Main kam, wo ich heute lebe, habe ich in unserem auffällig oberhalb der Salzburger Altstadt gelegenen Kloster zahlreiche Führungen gegeben, meist vor jungen Menschen. Alles Mögliche wollten sie wissen.
 
„Wie ist denn das mit dem Vorbild des heiligen Franz von Assisi für Sie, Bruder Michael? Warum sind Sie eigentlich Kapuziner geworden? Und wie ist das mit Ihrem Gelübde der Armut? Ist die heutige Kirche nah bei den Armen?“ Und so weiter. Viele gute Fragen. Vermutlich wissen die Jungen und Mädchen, die vor mir stehen, gar nicht, dass diese Fragen voneinander kaum zu trennen sind. Auch für mein eigenes Leben nicht, für meine Berufung.
 
Der heilige Franz von Assisi ist für mich Inspiration und Mahnung, Freund und Kritiker, Vorbild in unendlicher Liebe und beherztem Handeln in der Welt. Trotz aller Bemühungen ist er – ganz ehrlich – für mich unerreichbar.

Zeitlose Zuwendung und Hingabe

Seine Zuwendung und Hingabe zu den Menschen ist zeitlos. Seine Liebe ist unabhängig vom Ansehen der Person – von Herkunft, Gesundheit, Beruf, Glaube, Geschlecht, Freund oder Feind. Seine einzige Richtschnur ist die Liebe. Aus Liebe soll alles geschehen und wird alles gelingen.
 
Ich bin Bruder Michael Masseo Maldacker, komme aus dem Erzbistum Freiburg, genauer aus Schönau im Schwarzwald, und bin seit acht Jahren Kapuziner. Ich lebe inzwischen mitten in Frankfurt am Main, in unserem Innenstadtkloster auf dem Liebfrauenberg. Dort leite ich seit Anfang des Jahres die Frühstücksstube „Franziskustreff“ und die dazugehörige Sozialberatung.
 
 
Ohne diese Liebe, die Franz gelebt hat und die mir von Gott geschenkt wird, könnte ich die Ungerechtigkeit in der Welt nicht ertragen. Als Kapuziner in Frankfurt darf ich diese Liebe leben. Unmittelbar. Die Frühstücksstube richtet sich an obdachlose und arme Menschen. Bis zu 200 Personen kommen zu mir und meinem Team jeden Morgen (außer sonntags) und erhalten neben einer köstlichen Mahlzeit mit Kaffee (bis zum Abwinken) auch Wärme, Zuwendung, Gehör und ein – oder mehrere – Lächeln. Unsere Sozialarbeiterin unterstützt die Hilfsbedürftigen bei Behörden- und bürokratischen Angelegenheiten, die viele überfordern.

Uneingeschränktes Teilen des Wohlstandes

Meine Einrichtung ist nicht zufällig nach Franziskus benannt. Franz von Assisi stand immer an der Seite der Armen, nicht der Begüterten. Wenn wir ihn also nach einer Wegweisung für unsere heutige Gesellschaft fragen, bekommen wir von ihm Antworten, die weh tun. Denn wir sind auf dem falschen Weg unterwegs. Das Teilen unseres Wohlstandes mit armen Menschen sollte uneingeschränkt sein. Mit den armen Menschen in unseren Straßen ebenso wie mit den zu uns Geflüchteten aus aller Welt. 
 
Dass Deutschland Abschiebelager außerhalb der Festung Europa einrichtet, wie es die Bundesregierung beschlossen hat – der heilige Franz würde sich darüber die Haare raufen. Ebenso würde er die Einschränkung des Asylrechts ablehnen, er würde es verurteilen, dass Deutschland in verlogenen Beurteilungen Unrechtsregime zu angeblich sicheren Staaten erklärt für eine Abschiebung aus unserem Wohlstandsland.
 
Die Liebe zu den Menschen, um die es dem heiligen Franz geht, ist nur möglich, wenn man fähig ist, sich von Wohlstand trennen zu können. Also: Teilen wir und gönnen wir! Oder auf Alemannisch gsait: „‘s letschdi Hemb het keini Däsche!“ („Das letzte Hemd hat keine Taschen!“). Beim Eintritt in den Kapuzinerorden habe ich mein Auto, meine Wohnung, mein gesamtes Eigentum aufgegeben. Und nie war ich glücklicher als heute.

Liebe aus dem Geldbeutel

„Franziskus, baue meine Kirche wieder auf!“, so hat der heilige Franz Gott vor dem zerstörten Kirchlein in San Damiano bei Assisi vernommen. Wer dieses Zitat vom historischen Zusammenhang trennen kann, hat die Kirche der Zukunft im Blick, „baue meine Kirche wieder auf!“ Wenn Kirche Zukunft haben soll, können wir nicht an den Armen vorbeileben.
 
Der großartige Papst Franziskus rief uns zu: „Die Kirche der Zukunft ist eine Kirche der Armen.“ Das heißt, Christus hat für das ewige Leben zuallererst diejenigen im Blick, die materielle Not leiden, die wir geringschätzen und missachten. Unsere Aufgabe kann deshalb nur lauten: Kümmern wir uns um die Armen. Liebe kommt auch aus dem Geldbeutel. Wir müssen diese Liebe nur zulassen. Großzügig sein. Dann wird auch die Stimmung in diesem Land wieder besser. Wir sollten zufrieden und dankbar sein für alles, was wir haben. Nicht miesepetrig sein, nicht uns abschotten. Daran hätte auch der heilige Franziskus seine helle Freude.
 
Bruder Michael Masseo Maldacker OFMCap
 
800 Jahre Franz von Assisi
Diesen und weitere Beiträge zum Franziskanischen Leben in der Erzdiözese finden Sie auf unserer Themenseite www.ebfr.de/franziskusjahr