Dem Evangelium eine Realität geben

02.11.2026 | Die Franziskanerin Schwester Miriana begegnet im Hospiz dem wahren Leben

Etwas fällt im Gespräch mit Schwester Miriana auf: Sie hört genau hin, überlegt und antwortet zur Sache. Sie weicht nicht aus und versucht Wesentliches zu sagen. Dies hebt sie von vielen Politikern und Funktionären, Dampfplauderern und Sprechraumfüllern ab.
 
Vielleicht hat es mit ihrer Situation zu tun. Die Franziskanerin leitet seit zehn Jahren das Hospiz Karl Josef in Freiburg. Wer hier als Gast Herberge findet, tut dies, um zu sterben. Er wird dieses letzte Heim nicht mehr lebend verlassen. Kein Drumrumreden. Kein Wischiwaschi. Hier geht es um Leben und Tod. Um die sogenannten letzten Fragen und vielleicht auch um letzte Antworten.
 
Tagtäglich mit dem Tod konfrontiert, macht Schwester Miriana dennoch einen heiteren Eindruck. Wohl auch deshalb, weil sie keine Berührungsängste mit ihm hat. Von klein auf ist sie ihm begegnet, hat ihn als etwas Natürliches erlebt. Sie reagiert auf ihn nicht konfrontativ, sondern versteht ihn als eine natürliche Phase des Übergangs. Als einen Prozess, der es ermöglicht, sich mit seinem Leben auszusöhnen, um es im Reinen mit sich zu verlassen.
 
Es fängt mit der Sprache an: „Ich würde nie von ‚Sterbehospiz‘ sprechen“, sagt sie, „denn die Menschen kommen nicht zum Sterben. Sie kommen, um bis zum letzten Atemzug zu leben“. Es gehe nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben.
 
Schwester Miriana hat sich schon als junge Frau zur Hospizbewegung hingezogen gefühlt. Vor ihrer Ordenszeit war sie Krankenpflegerin. „Wir hatten eine Station, auf der fast jede Nacht jemand gestorben ist. Da habe ich gemerkt, dass es nicht egal ist, wie ich arbeite und wie wertvoll eine Begleitung ist, und dass ich sie gestalten kann. Dieser letzte und größte Übergang im Leben ist für mich spannend und wichtig.“
 
Der Tod ist unausweichlich. Vielleicht deshalb ist Schwester Miriana zur Realistin geworden – nicht im Sinne einer bloß am Materiellen verhafteten Wirklichkeit. Ihr Realismus gründet in dem, was vielen als unrealistisch gilt: im Glauben. Dieser Glaube erlaubt es, die tödliche Wirklichkeit auszuhalten, weil er plausibel über sie hinausweist. „Ich glaube fest an ein ewiges Leben – nicht nur als die Fortführung des bisherigen. Wenn der Schöpfer die Welt in dieser Herrlichkeit erschaffen hat, kann das ewige Leben unmöglich dahinter zurückbleiben.“
 
Erst recht realistisch blickt sie aufs Diesseits. Keinen Illusionen aufzusitzen, auch das bringt ihre Arbeit mit sich. „Warum ist eine Frau, die Kinder hat, so schwer krank? Wir erleben manches als ungerecht. Das Leid lösen wir nicht auf und werden es nicht verstehen“, sagt sie. Fragen zum Verzweifeln. Genau da wird ihr der Ordensgründer zur Stütze. In La Verna, wo Franziskus in einer Einsiedelei lebte und stigmatisiert wurde, machte er eine spirituelle Erfahrung. „Franziskus war in großer Not in dieser Zeit“, erzählt die Schwester. Voller Selbstzweifel habe er im Kreuz erkannt, dass er von Gott gesehen ist in aller Drangsal. Es kehrt ihn um, ein großer Lobpreis Gottes sprudelt aus ihm heraus.
 
Und noch etwas gibt ihr der Heilige: Wie er versucht Schwester Miriana das Evangelium zu leben. Nicht nur hehren christlichen Ideen nachzuhängen, sondern die Botschaft Christi ganz und gar ins eigene Dasein zu integrieren. Intensiver, realer geht es kaum.
 
(asc)