Die Wiederkehr des 800. Todestages von Franz von Assisi (1181/82-1226) bedeutet auch über 800 Jahre franziskanisches Leben in Südwestdeutschland. Bereits zu Lebzeiten des Heiligen war die von ihm gegründete Bewegung überaus erfolgreich und verbreitete sich weit über die Grenzen seiner umbrischen Heimat hinaus.
Im römisch-deutschen Reich entstanden im Jahr 1221 erste Niederlassungen, etwa in Speyer und Würzburg. Erstmals belegt ist ein Kloster in der heutigen Erzdiözese dann im Jahr 1229 in Freiburg. In rascher Folge wurden anschließend bis zum Beginn des 14. Jahrhunderts in den Städten Konstanz, Heidelberg, Überlingen, Villingen, Pforzheim, Offenburg, Neuenburg und Breisach Niederlassungen der Franziskaner gegründet.
Die Attraktivität des neuen Ordens lag in seiner auf Armut und Christusnachfolge ausgerichteten Spiritualität, aber auch in seinen bereits früh gewährten päpstlichen Privilegien. So war es den Franziskanern erlaubt, zu predigen, die Beichte zu hören oder auch Laien auf ihren Friedhöfen zu bestatten. Damit trugen sie zu einer deutlichen Erweiterung des seelsorgerischen Angebots bei.
Es lag daher im Interesse der Städte, eine Niederlassung des Ordens in den eigenen Mauern einzurichten. Beispielhaft sei das Franziskanerkloster Offenburg angeführt, dessen Gründung im Jahr 1280 ein Gesuch des Schultheißen und der Bürgerschaft an die oberdeutsche Ordensprovinz vorausging. Auch in anderen Fällen, etwa in Heidelberg, Villingen oder Freiburg, sind Initiativen der Städte oder Stadtherren für die Ansiedlung eines Franziskanerklosters nachweisbar.
Es spricht für den schnellen Erfolg dieser Neugründungen, dass die Klosteranlagen, wie etwa in Freiburg und Überlingen, bereits wenige Jahrzehnte nach ihrer Errichtung erweitert werden mussten, da der ursprünglich angedachte Platz für die schnell wachsenden Konvente nicht mehr ausreichte. Die umfassend von den Städten und ihren Einwohnern geförderten Gemeinschaften kamen allerdings schnell in eine Konkurrenzsituation zum weltlichen Klerus, der sich von den Neuankömmlingen in seinen Kompetenzen und Einkünften bedroht sah.
In vielen Fällen sind daher Konflikte zwischen den neu angekommenen Ordensleuten und dem bereits vor Ort wirkenden Geistlichen belegt. Auch innerhalb des Ordens führte der große Erfolg zu Auseinandersetzungen, da das von Franziskus vorgeschriebene Armutsgebot in einem deutlichen Spannungsverhältnis zum starken Wachstum und der Vielzahl an Zuwendungen und Stiftungen für den Orden und die Gemeinschaften stand.
Nicht nur für Männer, auch für Frauen bot die franziskanische Bewegung neue Möglichkeiten, ein religiöses Leben zu führen. In der Bischofsstadt Konstanz hatte sich um 1250 eine Gemeinschaft von Frauen zusammengefunden und sich dem Orden von St. Damiano angeschlossen. Die Bezeichnung geht auf das Kloster San Damiano in der Nähe von Assisi zurück, in dem die Heilige Klara (1193/94-1251) ein erstes Kloster gegründet hatte. Erst nach ihrem Tod wurden diese Frauengemeinschaften als Klarissen bezeichnet. 1253 siedelten die Frauen von Konstanz in die Nähe von Schaffhausen über, wo das als Paradies bekannte Kloster bis 1836 weiterbestand. Ein zweites Klarissenkloster wurde in Freiburg in den 1270er Jahren gegründet.
Neben den beiden Klarissenklöstern gab es im Umfeld der Franziskaner auch eine Vielzahl von Frauengemeinschaften, die sich nicht an der Regel der Heiligen Klara orientierten. Sie machten sogar den weitaus größeren Teil der religiös lebenden Frauen nach franziskanischem Vorbild aus. Die Bewohnerinnen solcher Häuser oder Sammlungen, wie die Gemeinschaften häufig genannt wurden, verpflichteten sich üblicherweise zur Einhaltung der evangelischen Räte Armut, Keuschheit und Gehorsam, legten aber keine ewigen Gelübde ab. Sie konnten die Gemeinschaft wieder verlassen und auch die Klausur war für die Frauen nicht bindend. Dass diese Gemeinschaften zu Beginn nicht nach einer päpstlich approbierten Regel lebten, erwies sich mit der Zeit als problematisch, da sie schnell in den Verdacht der Häresie geraten konnten.
Daher entstand am Ende des 13. Jahrhunderts die sogenannte franziskanische Drittordensregel, die 1289 von Papst Nikolaus V. bestätigt wurde und genau auf solche Gemeinschaften zugeschnitten war. Mit der Zeit fand diese Regel immer mehr Verbreitung, so dass am Ende des Mittelalters so gut wie keine ursprünglich unregulierten Gemeinschaften mehr existierten, die nicht ihr oder der wesentlich später entstanden dominikanischen Drittordensregel folgten.
Besonders frühe Beispiele von Gemeinschaften, die zuerst ohne Regel entstanden und mehr oder weniger schnell die franziskanische Drittordensregel übernahmen, lassen sich in Konstanz, in Überlingen oder auch in Villingen nachweisen. Im Gegensatz zu den Franziskaner- und Klarissenklöstern, die ausschließlich in Städten gegründet wurden, verbreiteten sich die Drittordensgemeinschaften auch in ländlichen Regionen, vor allem im Bodenseeraum, wo bis zum Ende des 14. Jahrhundert eine Vielzahl solcher Klein- und Kleinstgemeinschaften entstanden.
Ein prominentes Beispiel für die Errichtung einer Drittordensgemeinschaft auf dem Land außerhalb des Bodenseeraums, ist Wittichen. Die Gemeinschaft wurde von der sel. Luitgard zu Beginn des 14. Jahrhunderts als franziskanische Drittordensgemeinschaft errichtet, bevor die Frauen Ende des 14. Jahrhunderts die Klarissenregel annahmen und aus der Drittordensgemeinschaft ein Klarissenkloster wurden.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die von Franz von Assisi ausgehende Bewegung in all ihren Erscheinungsformen schnell im Südwesten des heutigen Deutschlands Fuß fasste. Sowohl was die Anzahl der Gemeinschaften als auch die räumliche Durchdringung angeht, war sie die mit Abstand stärkste und am weitesten verbreitete Ordensfamilie. Besonders attraktiv war sie für Frauen, die sich zuerst häufig in Gemeinschaften ohne Regel zusammenschlossen, die aber im Laufe der Zeit mehr oder weniger alle die franziskanische Drittordensregel übernahmen.
(Johannes Krämer, Erzb. Archiv)
Weiterführende Literatur
Jürgen Dendorfer: Klöster, Stifte und religiöse Gemeinschaften von den Anfängen bis an das Ende des Mittelalters, in: Badisches Klosterbuch. Klöster, Stifte und religiöse Gemeinschaften in Baden und Hohenzollern. Von den Anfängen bis zur Säkularisation, hrsg. v. Ders./Wolfgang Zimmermann, Regensburg 2025, S. 25-69. (https://www.leo-bw.de/themenmodul/kloester-in-bw/einfuehrungen/anfaenge-mittelalter/die-bettelorden)
Gisela Fleckenstein: Die Franziskaner, Stuttgart 2025.
Simon Götz/Gabriela Signori: Im Schatten der Klöster. Einsiedeleien, Klausen und Drittordensgemeinschaften in der spätmittelalterlichen Bodenseeregion, Ubstadt-Weiher 2026.
800 Jahre Franz von Assisi
Diesen und weitere Beiträge zum Franziskanischen Leben in der Erzdiözese finden Sie auf unserer Themenseite www.ebfr.de/franziskusjahr



