Erzbischof Bernhard Boll und sein Maler
25.09.2026 |
- eine kleine Detektivgeschichte
Interessanter ist freilich die Angabe, Küßwieder sei 78 Jahre alt gewesen, denn daraus folgt, dass er 1756 geboren sein muss. In der Tat wurde am 18. März 1756 im Freiburger Münster ein Joseph Anton getauft, Sohn von Franz Andreas Kisswider und Anna Catharina geb. Pflueg. Damit stünde also auch das Geburtsdatum des Erzbischof-Boll-Malers Anton Küßwieder fest und das Rätsel wäre gelöst?
Nicht ganz, denn ein Blick ins Ehebuch führt zu einem anderen Ergebnis: Die Hochzeit von Anton Küßwieder und Magdalena Wagenmann fand am 14. Februar 1792 statt, und beide waren 33 Jahre alt – was offensichtlich nicht zum Geburtsjahr 1756 passt. Und dass Antons Vater laut Ehebuch Mathias Joseph hieß, passt auch nicht. Aber, und damit kommt die Recherche doch noch zu einem Happy End, im Taufbuch gibt es auch den richtigen Eintrag: Am 13. Januar 1759 wurde Anton Johannes Nepomuk geboren, ein Sohn von Joseph Mathias Kisswider und Regina Margeritha geb. Hegler. Taufpaten waren Franz Andreas Kisswider und Maria Anna Fändrich.
Und schließlich gibt es im Generallandesarchiv Karlsruhe eine auf 1794 bis 1795 datierte Akte mit dem Betreff „Beschwerde des Polizeidirektor Schmidlin gegen den Maler Küßwieder wegen respects widrigen und unanständigen Betragens“. Die Detektivgeschichte ist also noch nicht zu Ende – und sie wäre es vor allem dann nicht, wenn die Ausgangshypothese falsch wäre. Was, wenn der Maler A K gar kein Freiburger war?
Im ehemaligen Erzbischöflichen Palais (Münsterplatz 10), in dem seit 1997 die Domsingschule untergebracht ist, hängen im sogenannten Bischofssaal drei Porträts. Zwei großformatige Gemälde der Erzbischöfe Bernhard Boll (Amtszeit 1827 – 1836) und Thomas Nörber (1898 – 1920) in vollem Ornat, sowie ein Brustbild von Hermann v. Vicari (1843 – 1868). Sie zu erkennen ist nicht schwer, aber die Maler zu identifizieren ist nicht ganz so einfach.
Das Nörber-Porträt hat der Maler gut sichtbar, doch schwer lesbar signiert, aber mit hinreichenden paläographischen Kenntnissen sowie etwas Gespür – über beides verfügen Archivarinnen und Archivare in der Regel – lässt sich die Signatur entziffern: Der Künstler war demnach Erwin Emerich (1876 – 1960).
Bei den beiden anderen Bildern ist die Sache nicht so einfach. Das Vicari-Porträt ist offenbar nur ein Fragment eines ursprünglich größeren Bildes, eine Malersignatur ist nicht zu finden. Die Kunsthistorikerin Jutta Dresch vermutet, es könne sich um den erhaltenen Rest des verschollenen Porträts handeln, das Amalie Bensinger (1809-1889) im Jahr 1863 im Auftrag des Domkapitels zu Vicaris 90. Geburtstag malte.
Noch einmal anders verhält es sich mit dem Boll-Bild, denn darauf sind bei genauem Hinsehen die Initialen A und K sowie die Datierung 1832 zu entdecken. Dass dies die Signatur des Künstlers ist, dürfte klar sein, doch wer verbirgt sich dahinter? Bei der Suche nach einer Antwort liegt es nahe, zunächst einmal davon auszugehen, dass es ein Freiburger Maler war. Im Adresskalender für das Jahr 1833 sind zehn „Maler und Vergolder“ aufgeführt, von denen zwei die Initialen A und K haben: A. Keller und Anton Küßwieder. Bei Keller findet sich der Zusatz „Witwe“, was bedeutet, dass er selbst nicht mehr lebt und somit ziemlich sicher nicht in Frage kommt. Für Anton Küßwieder hingegen sprechen eine ganze Reihe von Indizien:
- Im Freiburger Stadtarchiv existiert eine auf das Jahr 1793 datierte, nur vier Schriftstücke umfassende Akte mit der Signatur „C1 Landesherrschaft 3 Österreich, 19“ und dem Betreff „Anfertigung von Portraits der Kaiser Leopold II. und Franz II. durch den Maler Anton Küßwieder (Schriftwechsel des Malers mit der Stadt Freiburg)“. Das Porträt Franz‘ II. war laut Hermann Brommer für das „Städtische Ratszimmer“ gedacht, kam später in die „Kassenhalle der Freiburger Sparkasse“ und befindet sich nach Auskunft von Mirja Straub (Augustinermuseum) heute im dortigen Fundus, ebenso wie einige wenige andere Werke Küßwieders.
- Im Jahrgang 1937 der Zeitschrift „Schau-ins-Land“ findet sich ein Aufsatz von Josef Dotter mit dem Titel „Die Malereien in der Kapelle auf dem alten Friedhof zu Freiburg i.Br.“. Dort wird ein aus Freiburg stammender, angeblich 1759 geborener Anton Küßwieder als möglicher Maler der beiden Seitentafeln des Hochaltars genannt; das Sterbedatum ist laut Dotter unbekannt.
- Im Aufführungstagebuch der Freiburger Domkapelle, das Domkapellmeister Leopold Lumpp (1801 – 1870) konsequent und recht detailliert führte, ist für Samstag, den 11. Juni 1842, ein Requiem für „die † Küßwieder“ vermerkt – demnach war die Familie in Freiburg gut „vernetzt“, denn die Domkapelle musizierte keineswegs bei jedem Requiem. Musiziert wurde das „Requiem Nr. 3“ von Karl Ludwig Drobisch (1803 – 1854), ein Werk für Chor und Orchester, was ein weiterer Hinweis auf gute Beziehungen Küßwieders zur Bistumsleitung sein könnte: Immerhin musste – an einem Werktag – die gesamte Dommusik zusammengetrommelt werden. (In diesem Kontext unwesentlich, aber deswegen nicht uninteressant ist Lumpps Notiz, er habe „das 3te Horn vortheilh[aft] mit Baßpos[aune] besetzt“.)
Damit ist das weitere Vorgehen klar: Laut Totenbuch der Münsterpfarrei starb am 8. Juni 1842 „Maria Magdalena Küsswieder geb. Wagenmann von Endingen, vier und achtzig Jahre alt, Ehefrau des † Bürgers und Kunstmalers Anton Küsswieder von hier“. Anton Küßwieder „Maler und Ehemann der Magdalena geb. Wagenmann“ war, wie sich ebenfalls leicht ermitteln lässt, bereits am 1. September 1834 gestorben. Beerdigt wurde er am 3. September nachmittags um 3 Uhr von Kooperator Adolf Pfister (1810 – 1878). Unterschrieben hat den Sterbeeintrag kein anderer als der damalige Dompfarrer und spätere Erzbischof Ignaz Demeter (1837 – 1842).
Interessanter ist freilich die Angabe, Küßwieder sei 78 Jahre alt gewesen, denn daraus folgt, dass er 1756 geboren sein muss. In der Tat wurde am 18. März 1756 im Freiburger Münster ein Joseph Anton getauft, Sohn von Franz Andreas Kisswider und Anna Catharina geb. Pflueg. Damit stünde also auch das Geburtsdatum des Erzbischof-Boll-Malers Anton Küßwieder fest und das Rätsel wäre gelöst?
Nicht ganz, denn ein Blick ins Ehebuch führt zu einem anderen Ergebnis: Die Hochzeit von Anton Küßwieder und Magdalena Wagenmann fand am 14. Februar 1792 statt, und beide waren 33 Jahre alt – was offensichtlich nicht zum Geburtsjahr 1756 passt. Und dass Antons Vater laut Ehebuch Mathias Joseph hieß, passt auch nicht. Aber, und damit kommt die Recherche doch noch zu einem Happy End, im Taufbuch gibt es auch den richtigen Eintrag: Am 13. Januar 1759 wurde Anton Johannes Nepomuk geboren, ein Sohn von Joseph Mathias Kisswider und Regina Margeritha geb. Hegler. Taufpaten waren Franz Andreas Kisswider und Maria Anna Fändrich.
Wir können also festhalten: Maler des repräsentativen Porträts des ersten Freiburger Erzbischofs ist Anton Küßwieder, geboren am 13. Januar 1759 in Freiburg, gestorben am 1. September 1834 ebenda. Mit diesen Informationen könnten wir versuchen, noch mehr über diesen heute fast völlig unbekannten Maler herauszufinden, der vor rund zwei Jahrhunderten anscheinend in Freiburgs ‚besseren Kreisen‘ gut eingebunden und anerkannt war. Und es gibt noch weitere Spuren, die weiterzuverfolgen interessant sein könnte:
Ein anderer Anton Küßwieder, Ministerialrat im Katholischen Oberkirchenrat in Karlsruhe, wurde 1853 im Rahmen des ‚Badischen Kirchenstreits‘ von Erzbischof Hermann von Vicari, zusammen mit allen anderen Mitgliedern dieser staatlichen Kirchenaufsichtsbehörde, exkommuniziert. Die Vermutung, er könnte mit dem Freiburger Maler verwandt sein, liegt nahe und wäre zu überprüfen.
Ein anderer Anton Küßwieder, Ministerialrat im Katholischen Oberkirchenrat in Karlsruhe, wurde 1853 im Rahmen des ‚Badischen Kirchenstreits‘ von Erzbischof Hermann von Vicari, zusammen mit allen anderen Mitgliedern dieser staatlichen Kirchenaufsichtsbehörde, exkommuniziert. Die Vermutung, er könnte mit dem Freiburger Maler verwandt sein, liegt nahe und wäre zu überprüfen.
Und schließlich gibt es im Generallandesarchiv Karlsruhe eine auf 1794 bis 1795 datierte Akte mit dem Betreff „Beschwerde des Polizeidirektor Schmidlin gegen den Maler Küßwieder wegen respects widrigen und unanständigen Betragens“. Die Detektivgeschichte ist also noch nicht zu Ende – und sie wäre es vor allem dann nicht, wenn die Ausgangshypothese falsch wäre. Was, wenn der Maler A K gar kein Freiburger war?
Christoph Schmider
Quellen und Literatur
- EAF, Kirchenbuch-Mikrofilme: Freiburg, Dompfarrei
- GLA 200 Nr. 1930
- Josef Dotter, Die Malereien in der Kapelle auf dem alten Friedhof zu Freiburg i.Br., in: Schau-ins-Land 64 (1937), S. 3-36.
- Jutta Dresch, Die Historienmalerin Amalie Bensinger (1809-1889) – ein Leben für Kunst und Kirche.
- Christoph Schmider, Beamtenpflicht oder Kirchentreue. Bernhard August Prestinari (1811-1893) und der „Badische Kirchenstreit“. In: Hans Ammerich et al., Zwischen Staatsanstalt und Selbstbestimmung, Stuttgart 2000 (Oberrheinische Studien, 17), S. 141-164.



