Schlägerei in der Kirche zu Buchheim
24.07.2025 |
Sarah Mammola
Der Zufall führt einen manchmal zu unterhaltsamen Geschichten: Wenn einem bei der Suche nach einer Akte schon der Titel „Schlägerei in der Kirche“ in die Hände fällt, kann man es sich nicht nehmen lassen, die Dokumente aus der Pfarrei Buchheim etwas näher zu studieren. Was hatte sich dort vor fast 200 Jahren zugetragen?
Die schmale Akte besteht aus sechs Schreiben, die im knappen Zeitraum vom 1. bis 24. Januar 1827 entstanden sind. Der Briefwechsel fand zwischen dem Bischöflichen Generalvikariat in Konstanz und dem Bischöflichen Dekanat statt, wobei das letzte Schriftstück einen anderen, eindrucksvollen Briefkopf trägt: Das Commando des Grosherzoglich Badenschen Linien Infanterie Regiments Markgraf Wilhelm Nr. 2.
Pfarrer Sebastian Beer schildert den Vorfall folgendermaßen:
…als ich morgens 7 Uhr bey der 2ten Messe die Epistel und das Evangelium den holte in deutscher Sprache vorlas, trug sichs zu, daß der ledige Mathäus Müller seinen sonst angewiesenen Platz auf der Empor-Kirche verließ, und sich einen zu forderst auf der Lienen zueignete. Bald darauf kam der Georg Hajer / Soldat beym Regimente in Konstanz und sagte, daß Müller seinen Platz verlassen solle, indem dieser ihn / dem Hajer / zugehöre. Müller wich aber nicht, Hajer hieß ihn wieder weichen, er gieng aber wieder nicht; nun pakte ihn Hajer bey den Haaren und wollte ihn herausreißen, Müller aber stützte sich an die Lienen und wich wieder nicht; jetzt griff ihn Hajer bey dere Ohren und rieß ihn mit Gewalt weg. Da nun Müller vom Platze vertrieben war, fieng er über Hajer zu schelten und schimpfen an, nannte ihn öfters einen Hurenkerl, der nicht verdiene an der Linen zu stehen – und da das Schimpfen nicht aufhören wollte, wurde Hajer von andern aufgehetzt, zu einer That verleitet / die leider nie hätte geschehen sollen / Hajer schlug nämlich mit seiner Faust Rückwärts und traf den Müller zwischen das Aug und die Naße, so, daß aus selber Blut floß.
…als ich morgens 7 Uhr bey der 2ten Messe die Epistel und das Evangelium den holte in deutscher Sprache vorlas, trug sichs zu, daß der ledige Mathäus Müller seinen sonst angewiesenen Platz auf der Empor-Kirche verließ, und sich einen zu forderst auf der Lienen zueignete. Bald darauf kam der Georg Hajer / Soldat beym Regimente in Konstanz und sagte, daß Müller seinen Platz verlassen solle, indem dieser ihn / dem Hajer / zugehöre. Müller wich aber nicht, Hajer hieß ihn wieder weichen, er gieng aber wieder nicht; nun pakte ihn Hajer bey den Haaren und wollte ihn herausreißen, Müller aber stützte sich an die Lienen und wich wieder nicht; jetzt griff ihn Hajer bey dere Ohren und rieß ihn mit Gewalt weg. Da nun Müller vom Platze vertrieben war, fieng er über Hajer zu schelten und schimpfen an, nannte ihn öfters einen Hurenkerl, der nicht verdiene an der Linen zu stehen – und da das Schimpfen nicht aufhören wollte, wurde Hajer von andern aufgehetzt, zu einer That verleitet / die leider nie hätte geschehen sollen / Hajer schlug nämlich mit seiner Faust Rückwärts und traf den Müller zwischen das Aug und die Naße, so, daß aus selber Blut floß.
Pfarrer Beer selbst hatte nichts vom Vorfall mitbekommen. Er erläuterte, dass ihm die Sache am Stephanstag mitgeteilt wurde und er die Kirche am Folgetag in Begleitung des Ortsvorstehers, Bürgermeisters sowie eines Gerichtsmanns besichtigte. Den Grund für das Schreiben an den Dekan gab er außerdem an: er hatte die Sorge, dass das Blutvergießen zu einer Exekration des Gotteshauses führen könne. Der seit 1802 in Buchheim tätige Pfarrer bat nun seinen Dekan um Anweisungen.
Dekan Franz Xaver Walter schickte den Brief des Pfarrers sowie ein eigenes, am 2. Januar in Sentenhart erstelltes Schreiben, an das Konstanzer Generalvikariat. Er fasste die Angelegenheit zusammen und teilte mit, er habe dem Pfarrer geantwortet, dass keine Entweihung der Kirche durch das Fehlverhalten stattgefunden habe und es folglich keine Rekonziliation brauche. Er bat das Generalvikariat allerdings um eine Entscheidung über die Strafe für das ärgerliche und strafbare Benehmen während des Gottesdienstes. Der Dekan schlug auch gleich vor, dass das Verhalten des Soldaten Hajer beim Großherzoglichen Regimentskommando in Konstanz zur Anzeige gebracht werden solle. Die Strafe sei dann sofort durch das Pfarramt Buchheim vor versammelter Gemeinde in der dortigen Kirche bekannt zu machen. Bei der Gelegenheit, so setzte der Dekan fort, sei eine öffentliche Kirchenbuße für den ebenfalls strafbaren ledigen Purschen Matthäus Müller bestimmt, und dieser zur öffentlichen Abbitte angehalten. Die vorgeschlagene Lösung sollte auf drei Ebenen wirksam sein: die gröblich verletzte Ehre des Gotteshauses wäre wiederhergestellt, der Ärger der Menschen wieder gut gemacht und eine abschreckende Wirkung für ähnliche Verfehlungen in der Zukunft gegeben. Das Generalvikariat in Konstanz stimmte den Vorschlägen des Dekans zu und formulierte eine entsprechende Anweisung.
Am 20. Januar teilte der Oberst des Regiments mit, dass der Soldat Georg Hayer für sein Vergehen mit 45 spanischen Röhrs. ad post bestraft worden sei. Das „spanische Rohr“ war eine Bezeichnung für einen biegsamen Stock aus Rattan, einem Palmengewächs. Hiebe mit dem Rohrstock waren über einen langen Zeitraum hinweg eine verbreitete Maßnahme zur Bestrafung und Disziplinierung, sogar an Schulen.
Während das Jahr 1827 in Buchheim mit der Nachricht über eine handfeste Auseinandersetzung begann, kam es im selben Jahr zu einer ebenfalls handfesten Entscheidung der ganz anderen Art: mit Bernhard Boll wurde der erste Erzbischof von Freiburg und Metropolit der Oberrheinischen Kirchenprovinz feierlich in sein Amt eingeführt - soweit bekannt, passierte dies auch friedlich.
Sarah Mammola
Nutzung
Die vorgestellte Akte kann gerne im Lesesaal eingesehen werden. Die Signatur lautet: EAF, A3/457.
Unsere Beständeübersicht zu den vorherigen Bistümern (Bestände A – Alte Bistümer) finden Sie auf der Homepage. Bei der Bearbeitung der Repertorien kam der ein oder andere kuriose Titel zum Vorschein, aber auch so manche Beschreibung in der Spalte „Enthält u. a.“ weckt Neugierde. Eine kleine Auswahl wird sicherlich ihren Weg in weitere Blogbeiträge finden.

