Wenn das Leben aus dem Takt gerät

24.08.2026 | In der Reha kann seelisch einiges aufbrechen – in der Steinkapelle in Bad Krozingen ist dafür Raum

Freiburg / Bad Krozingen. Felsbrocken sind wild über die Wand an der Stirnseite des Gottesraums gestreut. Regelrecht in ein Gesteinsgewitter geraten die Besucher der Steinkapelle in der Theresienklinik in Bad Krozingen, wo sie eigentlich Ruhe suchen vom Klinik- und Reha-Alltag. Der Raum hat etwas Aufrüttelndes. Mancher Patient mag in dem Splitterregen seinen seelischen Zustand wiederfinden. Denn in einer mehrwöchigen Reha brechen bei vielen existenzielle Fragen auf, die zu mancher Irritation führen können.
 
Während im Krankenhaus akut-medizinisch behandelt wird, bedeutet die Reha eine Phase der Rekonvaleszenz. Patienten sollen sich erholen und für Alltag und Beruf fit werden. In der Reha haben sie dafür etwas, was im Alltag oft fehlt: Zeit. Drei bis sechs Wochen verbringen sie hier. Zeit, in der gewohnte Verpflichtungen wegfallen. Zeit, in der Menschen, die jahrelang funktioniert haben, plötzlich mit sich selbst konfrontiert sind.
 
Pater Edwin Rombach SCJ (li.) und Pastoralreferent Philipp Fuchs, Seelsorger in der Theresienklinik in Bad Krozingen.
 
In diesen Wochen „arbeitet es in einem“, sagt Pastoralreferent Philipp Fuchs, der hier Seelsorger ist. Unbewusste Bedürfnisse können hochkommen, alte Konflikte aufpoppen. „Viele haben sich nie um sich selbst gekümmert“, ergänzt sein Kollege, Pater Edwin Rombach SCJ. Sie hätten immer ihre klassische Rolle als Mutter oder als Ernährer ausgefüllt, hätten sich für Familien und Beruf aufgeopfert. Vor allem Frauen seien es, die diese Gelegenheit nutzten, sich erstmals zu öffnen, mit jemandem über Dinge zu reden, worüber sie noch nie geredet haben, über familiäre Spannungen oder unbewältigte Kindheitserlebnisse. Die Krankheit führe mitunter dazu, über einen Identitätswechsel nachzudenken.

Wirklichkeitssprengendes Ereignis

Wer in der Kapelle Platz und sich etwas Zeit nimmt, erkennt den Ursprung des Steinhagels an der Wand: Er liegt in dem Felsen am Fuße des Kreuzes, der für den Stein vor dem Grab Jesu steht, und der symbolisch mit gewaltiger Sprengkraft explodiert. Seine Trümmerteile fliegen quasi durch die Luft, sie versinnbildlichen das wirklichkeitssprengende Ereignis der Auferstehung.
 
Das Kreuz selbst ist ein sogenanntes Auferstehungskreuz, gestaltet vom Münstertäler Bildhauer Franz Gutmann: Es ist leer, der Korpus fehlt. Doch Spuren seines Leidens sind zu sehen, Blutflecken von den Wundmalen. Das Kreuz ist gespickt mit Nägeln. „Die stehen für unsere Schmerzen. Sie können uns mit hineinnehmen in die Auferstehung, so werden wir verwandelt“, sagt Philipp Fuchs. Auch dies bringt unsere Vorstellung zur Explosion – womit wir wieder bei der Metapher des gesprengten Grabsteins sind.
 
Die Geschichte der Kapelle reicht zurück in die Zeit der Hegner Schwestern. In den 1990er-Jahren wurde die Klinik renoviert und auch die ursprünglich Maria gewidmete Hauskapelle neu gestaltet. Der damalige Kurseelsorger Pater Heinz Faller SCJ wollte einen Raum schaffen, der die Erfahrungen der Menschen in der Reha aufnimmt. Dafür holte er das Gestein selbst aus einem Steinbruch bei Merdingen am Tuniberg, seinem „Heimatberg“. Aus den teils wuchtigen Felsblöcken sind auch Altar, Ambo, Tabernakel und Kerzenständer zusammengesetzt.
 
  

Gequält von ungelösten Fragen

Die Kapelle ist immer offen. Manche Patientinnen und Patienten kommen nachts, wenn sie nicht schlafen können, manche gequält von ungelösten Fragen. Etliche entdecken hier nach langer Zeit wieder einen Zugang zu Kirche und Glauben. „Hier herrscht eine besondere Atmosphäre, Leute können loslassen, sie fühlen sich aufgehoben“, sagt Pater Rombach.
 
Rombach und Fuchs leiten zusammen mit dem evangelischen Kollegen Pfarrer Andreas Guthmann das Seelsorgeteam, dem auch ehrenamtliche Seelsorgerinnen in den Schwarzwaldkliniken angehören. Sie sind für 1200 Betten, sprich Patienten, zuständig. Sie teilen sich die Arbeit auf. Die neurologischen Fälle sind in der Schwarzwaldklinik, die onkologischen und gastroonkologischen in der Breisgauklinik. Hüften und Kniee sowie Herzen sind in der Theresienklinik. Zum Reden nutzen die Seelsorger einen gesonderten Raum in der Kapelle oder das ökumenisch genutzte Haus der Kurseelsorge nebenan.

Kann ich meinem Herzen noch trauen?

Nach einer Hüft- oder Knieoperation geht es darum, wieder beweglich und selbstständig zu werden. Die Onkologie-Patienten sollen Kraft schöpfen zwischen OP und Chemotherapie. Sie treibt die bange Frage um: „Haben die Ärzte alles rausgekriegt?“ Herzpatienten fragen sich, ob ihr Körper den Anforderungen des Alltags wieder gewachsen sein wird: „Kann ich meinem Herzen noch trauen?“
 
Hinter dieser Frage steckt mehr als die Sorge um ein Organ. Das Herz steht für Leben, Belastbarkeit und Verlässlichkeit. Wenn es aus dem Takt geraten ist, kann auch der eigene Lebensrhythmus zerbrechen, das Selbstbild ins Wanken geraten: Passt mein neuer körperlicher Zustand noch zu dem Menschen, für den ich mich bisher gehalten habe?
 
Auch die Rückkehr nach Hause könne zur Herausforderung werden, sagen die beiden Seelsorger: „Halte ich die Übungen und Veränderungen durch, die ich in der Reha gelernt habe? Schaffe ich es, Belastung anders zu dosieren? Kann ich kürzertreten, Aufgaben abgeben, delegieren?“ Ihre Aufgabe sehen sie auch darin, „Menschen dabei zu begleiten, einen anderen Blick auf Probleme zu entwickeln und eigene Reaktionsmuster zu erkennen“.

Die Geschichte von Bedrohung und Neubeginn

Zurück in die Kapelle. Eine weitere künstlerische Note erhielt sie vom Basler Glasmaler Hanns Studer. Er war selbst Patient in dem Reha-Zentrum. Die Kapelle gefiel ihm, die vorhandenen Milchglasfenster entlang der Front zu Linken allerdings nicht. Er versprach, seinen Mitpatienten mit seiner Kunst „eine heilende und aufrichtende Geschichte“ zu erzählen. Die sieben raumhohen Buntglasfenster wurden 1998/99 eingesetzt. Sie zeigen die Geschichte Noahs aus dem Alten Testament.
 
Es ist eine Geschichte von höchster Gefahr, Bedrohung und Neubeginn. Gerade deshalb passt sie an diesen Ort. Auch etliche Patienten und Patientinnen erleben einen Bruch in ihrer Biografie. Eine Diagnose kann das bisherige Leben abrupt verändern, eine Operation die eigene körperliche Wahrnehmung, die Genesung mit all ihren Unwägbarkeiten die Vorstellung von Zukunft. Die farbenfrohen Fenster erzählen von einem Menschen, der durch eine Krise muss und am Ende einen neuen Anfang findet. Ein Neubeginn, eine Neuorientierung, vor denen auch viele Rekonvaleszenten stehen – und die sie besser annehmen und gestalten, wenn ihre Seele nicht von einer Gerölllawine verschüttet werden soll.
 
(asc)
 
Klinikkapellen in der Erzdiözese Freiburg
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