Spüren, dass Gott mir begegnet

19.08.2026 | Diakon Willi Bröhl wirkte in zwei Klinikkapellen in Wolfach. Ein ganz besonderes Material macht sie einzigartig.

Wolfach/Freiburg. Das Ortenau-Klinikum in Wolfach ist mit rund 60 Betten ein relativ kleines Krankenhaus. Entsprechend klein ist die Krankenhauskapelle aus dem Jahr 1916 in neobarockem Stil. Und klein ist das Grüppchen derer, die dort an der monatlichen Eucharistiefeier teilnehmen. 20 Leute passen rein, doch nur eine Hand voll kommt.
 
Dennoch ist der geweihte Raum unterm Dach während der Woche gut besucht. Das zeigt das Fürbittenbuch, in dem sich ständig neue Einträge finden. Das Buch liegt auf dem Ambo aus, der auf einer Achse zwischen Tür und Altar steht. Auf diesem Pult wird gewöhnlich das Evangelium gelesen, so dass der „Altar des Wortes Gottes“, wie Diakon Willi Bröhl sagt, und der Altar der Eucharistie aufeinander bezogen sind, Wort und Sakrament.  
 
Patienten oder Angehörige kommen zum Beten in die Kapelle. Manche schreiben ihre Sorgen und Nöte, ihre Hoffnungen und Dankbarkeit ins Fürbittenbuch: „Lieber Gott, bitte unterstütze meine Mutter bei ihrer Genesung, damit sie bald wieder nach Hause kann. Bitte unterstütze auch meine Familie und mich, damit wir immer das Verständnis, die Geduld und die Liebe aufbringen, die meine Mutter braucht. Danke …“ – und Unterschrift. Oder: „Lieber Gott, ich danke dir dafür, dass ich die OP gut überstanden habe, beschütze mich auch weiterhin, damit ich den Rest der Reha auch noch gut bestehe und noch viele gesunde Jahre im Kreise meiner Familie verbringen darf. In festem Glauben …“ – und Unterschrift.

Die Maserung der Eisbuche voller Töne und Formen

Im Unterschied zu vielen Kapellen erscheint diese nicht überladen, das Nötige genügt. Zwei Schemel, ein schlichter Holztisch als Altar, etwas Stuck um die Fenster, an den Wänden und an der Decke, wenig Glasmalerei und ein paar Stühle. Die Reduktion ist wohltuend. Sie führt dazu, den Blick auf das Material zu lenken, aus dem die sakralen Gegenstände gefertigt sind. Denn die sind aus einem ganz besonderen Holz. Die sogenannte Eisbuche bietet eine faszinierende Musterung, aus der oder in die man stundenlang Geschichten heraus- und hineindeuten kann.
 
  
 
Altar, Ambo, die Stelen für Tabernakel und Marienstatue sind aus diesem Holz. Es kommt aus dem Tal. Eine Firma aus Oberwolfach hat sich die Herstellung ausgedacht und sich das Verfahren patentieren lassen: Abgelagerte Teile der Buche erfahren in einer Kühlanlage einen Kälteschock, so dass der Verwesungsprozess abrupt gestoppt wird. Wird das Holz dann geschnitten, tritt die wunderbare Maserung voller Töne und reich an Formen zutage.
 
Der Diakon Willi Bröhl führt durch die Kapelle und die Symbolik, die das gemaserte Holz bietet. Schon in dessen Herstellung sieht er einen Vorgang, der zeige, dass Totgesagtes plötzlich wieder lebendig wird. Es bekomme eine lebendige Struktur, werde zu neuem Leben. Das ursprünglich Verwesende wird wertvoll. Die Handwerker, welche die sakralen Gegenstände fertigten, erzählt er, standen zuweilen staunend vor der Maserung, dachten, es sei Furnierholz, doch nein, es ist reines, massives Holz.

Ein Kleinod mit großer Strahlkraft

 
Vor Kurzem wurde der Seelsorger nach 31 Jahren kirchlichen Dienstes im Kinzigtal verabschiedet. Der diplomierte Theologe ist inzwischen zusammen mit seiner Ehefrau Renate Bröhl, diplomierte Religionspädagogin, nach Oberbayern gezogen, wo das Paar den Alterssitz bezogen hat. Gewissermaßen als einer seiner letzten Amtshandlungen an alter Wirkungsstätte war es Willi Bröhl ein Bedürfnis, auf einen weiteren Ort neben der Klinikkapelle hinzuweisen, dem seine Leidenschaft galt: auf die Kapelle im Pflegeheim St. Luitgard in Oberwolfach, nur wenige Kilometer von der Klinik entfernt. Dem Ehepaar war es ein Anliegen, eine Stätte zu kreieren, an dem ältere Menschen Trost und Hoffnung finden, im stillen Gebet und in der Feier der Gottesdienste. Zusammen mit dem Bildhauer Michael Huber aus Oberkirch schufen sie ein wahres Kleinod mit großer Strahlkraft.
 
Der Neubau des Pflegeheims wurde im Oktober 2024 nach zwei Bauabschnitten eröffnet, der Altar in der Kapelle vom Freiburger Weihbischof Dr. Christian Würtz geweiht. Ein verschiebbarer Raumteiler aus großen mattierten Glastüren trennt die Kapelle von einem Aufenthaltsraum, der zum Kapellenraum wird, sobald die Türen beiseitegeschoben sind. Zum Vorschein kommt dann der Altarraum. Darin auch wieder minimalistisch, doch gerade deshalb wirkungsvoll inszeniert, Altar, Kerzenständer, Tabernakel und Ambo. An der seitlichen Wand die Marienstatue. Alle Gegenstände sind auch hier aus besagter Eisbuche gestaltet.

Ein scheinbar freischwebender Jesus am Kreuz 

Ein Augenmerk sind Mineralien, die in den Altarfuß eingearbeitet und in die u-förmige, schmale Metallsäule des Ambos eingelassen sind. Sie kommen aus der Grube Clara in Oberwolfach-Rankach, in der viele Wolftäler ihr Brot verdienen. Das Bergwerk birgt die weltweit größte Anzahl verschiedenster Mineralien. Sie stehen für die Vielfalt der Schöpfung und für die menschliche Arbeit in ihr. Die Stoffe Stein, Holz und Metall sind in Harmonie gebracht. Psalmworte wie „Der Herr ist mein Fels“ und „Der Herr ist mein Licht und mein Heil“ sind mit Leben gefüllt. Die Steine im Ambo bezeugen, dass das verkündete Wort Gottes im Leben zum Fels werden kann, und der goldene Altarfuß mit den farbenreichen Mineralien mag einen hineinnehmen in das große Geheimnis der Verwandlung, die sich in der Feier der Eucharistie vollzieht.   
 
Besonders fällt der gekreuzigte Jesus über dem Altar auf, auch geschaffen von Michael Huber. Das Kreuz selbst fehlt, allein die Haltung des Gottessohnes zeigt, dass er an selbigem hängt, jedoch wie in freiem Raum. Hinter ihm auf Glas gemalt eine Aureole, ein illuminierbarer Strahlenkranz in hellen gelben Farben, der auf die Auferstehung dessen deutet, der hier mit ausgebreiteten, geradezu in Empfang nehmenden Armen hängt. Wobei er gar nicht hängt, sondern zu schweben scheint. Eine Aufhängung ist selbst von der Seite aus betrachtet nicht zu sehen.
 
  

Ein Schimmer von Hoffnung in allem Leid

Die Klammer zwischen den beiden Kapellen im Pflegeheim St. Luitgard und in der Ortenau-Klinik ist die Eisbuche, die hier im Tal, wo der Fluss Wolf in die Kinzig mündet, den lokalen Schwarzwald mit der universalen Heilsgeschichte in Einklang bringt. Das einzigartige Holz regt hier wie dort zur theologischen Reflexion an, Voraussetzung jeder Pastoral. Willi Bröhl formuliert es so: „Es ist phänomenal, die Eisbuche ermöglicht es, theologisch-liturgische Aussagen mit Zeichen und Symbolen aus unserem Leben zu unterfüttern.“ Die Musterung der Eisbuche beim Kreuzesstamm im Klinikum etwa erinnere ihn an den Ruf an Karfreitag: Im Kreuz ist Heil / Im Kreuz ist Leben / Im Kreuz ist Hoffnung.
 
Dieser Dreiklang spiegelt für Willi Bröhl, der auf Wunsch auch den Sterbesegen zusprach, die tiefste Erfahrung in der Seelsorge wider. Das Kreuz, die Krankheit, die Grenzen, an die ein Mensch stößt – doch da sind auch diese Augenblicke, in denen Hoffnung wächst, die Mut machen, lebendig machen. „Mir ist wichtig, dass Menschen spüren, dass Gott mir im konkreten Leben begegnet“, sagt er, „damit sie möglicherweise auch spüren, Gott begegnet mir in der Krankheit, in meinem Ringen, im Sterben. Und dass sie merken, da ist auch dieser Hoffnungsschimmer in mir, dass ich am Ende meines Lebens in den liebevollen geöffneten Armen Gottes geborgen bin, und er mich mit seinem ewigen Heil beschenkt“.
 
(asc)
 
Klinikkapellen in der Erzdiözese Freiburg
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