Offenburg, Stadtpfarrkirche Hl. Kreuz
Der Barockturm – Wahrzeichen der ehemaligen Reichsstadt Offenburg
Dem Reisenden, der sich auf der A 5 dem Oberzentrum Offenburg nähert, bietet sich vor der Kulisse der Gebirgskette des nördlichen Schwarzwaldes ein malerischer Anblick: Aus dem Meer der Dächer, Fabrikschornsteine und Hochhäuser weisen Kirchtürme und Dachreiter der unterschiedlichsten Bauepochen zum Himmel hinauf. Der majestätischste unter ihnen überragt mit seinen 69 Metern Höhe alle anderen. Der Eindruck des schlanken Bauwerks, eines der schönsten in der Ortenau, wird durch die Lage der Kreuzkirche nahe an der bis zu zehn Meter hohen Stadtmauer noch verstärkt. Der Turm ist nicht nur Offenburgs bedeutendstes Wahrzeichen. Er markiert auch den Ort der Mutterkirche als Herz aller 15 katholischen Pfarreien, die heute in drei Seelsorgeeinheiten zusammengefasst sind.
Geschichtlicher Überblick
Die urkundlichen Belege für das kirchlich-religiöse Leben in Offenburg beginnen 1182 mit der Ersterwähnung eines Priesters, des „Fridericus sacerdos“. Das Gotteshaus selbst wird 1221 erwähnt und dürfte an der Stelle der heutigen Stadtpfarrkirche inmitten des ältesten Gottesackers der Stadt und des Kirchspiels gestanden haben. Im Jahr 1335 erteilte Papst Benedikt XII. für die Pfarrkirche und die zu ihr gehörige St.-Michaels-Kapelle auf dem Kirchhof einen Ablass. Am Sonntag Laetare 1415, zur Zeit des Konstanzer Konzils, weihte Fr. Marco – ordinis minorum – episcopo Chrysopolitano den neuerbauten Chor samt Saal- und Hochaltar. Am 9. September 1689 fiel diese Kirche dem verheerenden Stadtbrand zum Opfer. „Alle ... kirch und dero höchsten thürmen [wurden] übern hauffen geworffen und der erden gleich gemacht.“ Als bemerkenswerte Zeugen des mittelalterlichen Kirchenbaus blieben der spätgotische Chor und Teile des Langhauses erhalten. Im Juni 1700 schloss die Stadt mit Franz Beer I (1659 – 1722) und Leonhard Albrecht einen Vertrag über den Wiederaufbau der Pfarrkirche. 1726 wurde dem vollendeten Kirchturm, einem Werk des Vorarlberger Baumeisters Johann Elmenreich, das Kreuz aufgesetzt, 1737 entstand der Hochaltar. Die Weihe der Kirche durch den Straßburger Weihbischof Johannes Lantz erfolgte erst im Juli 1791.
Bemerkenswerter Innenraum
Bei der Gestaltung des Inneren beschritt Franz I Beer einen neuen Weg. Über dem Grundriss des Vorgängerbaus, vermutlich einer dreischiffigen Hallenkirche, schuf er „eine jener echten Barockleistungen, bei denen alle alten Bezeichnungen versagen“ (M. Wingenroth) und legte „in den einen Raum in die Mitte eine stark gewölbte Tonne begleitet von Emporen mit flachen Kreuzgratgewölben, die in der Kapitellhöhe der Pfeiler angelegt sind. Die Höhe soll dadurch gesteigert werden. Das weit vorladende Gebälk drückt dagegen: so entsteht eine interessante Baulösung, in der Traulichkeit und Weiträumigkeit miteinander originell verbunden sind. An das sog. Vorarlberger Bauschema, das hier nur mehr teilweise anklingt, erinnert noch der Gedanke an ein Querschiff: das letzte Joch gegen Osten ist längst gestreckt und ohne Empore“ (H. Schnell).
Die Altäre
Im hohen Chor, der den Stadtbrand von 1689 überdauert hat, wird seit der Altarweihe von 1415 das Hl. Opfer dargebracht. Der alles beherrschende Hochaltar (1737/38) ist „ein überdurchschnittlich gutes Rokoko-Werk. Seitlich erscheinen außen die beiden Nebenpatrone der Kirche: rechts der Hl. Ritter Gangolf, der in der 1. Hälfte des 8. Jh. am Hofe Pippins lebte. Gegenüber die Figur des Hl. Aper (franz. Ever), Bischof von Toul um 500. Zu beiden Seiten des Altarbildes links die Hl. Märtyrerin Ursula, rechts die Hl. Helena, die nach der Legende das Kreuz Christi um 335 aufgefunden haben soll. Der lockere, hohe Altarabschluss mit Strebebogen, Girlanden und Engeln schließt mit einem Kreuz, das ein Kronreif umgibt“ (Hugo Schnell). Die Idee des Kronen-Hochaltars geht auf eine Anordnung König Ludwigs XIV. anlässlich der Rekatholisierung des Straßburger Münsters i. J. 1681 zurück und ist in einigen rechtsrheinischen Kirchen der alten Straßburger Diözesen anzutreffen. Auf dem 5,60 m hohen und 3,20 m breiten Hochaltarbild von Joseph Esperlin (* 1707 in Degernau bei Bald Waldsee) ist die Legende der Kreuzerhöhung des Jahres 629 dargestellt. Als Kaiser Heraklius das von den Persern zurückeroberte Kreuz Christi nach Jerusalem brachte, wurde er von unsichtbarer Hand am Weiterschreiten gehindert. Nachdem er Purpurmantel und Diadem abgelegt hatte, durfte er bloßen Fußes die Heilige Stadt betreten.
Die beiden Seitenaltäre (um 1770) sind in der aufwändigen Stuckmarmor-Kunst ausgeführt. Rechts ist die Kreuzigung Jesu dargestellt, links die „Rosenkranzspende an Dominikus“. Dem Gründer des Predigerordens wird nach einer schönen Legende die Einführung des Rosenkranzgebetes zugeschrieben. Als „ignis ardens – brennendes Feuer, das den Erdball erleuchtet, sah ihn seine Mutter vor der Geburt im Traum. Darauf verweist ein Hund mit brennender Fackel im Maul. In die Antependien der beiden Seitenaltäre sind Ornamente aus wertvollem Stuckmarmor (Scagliola) eingelassen: die fünf Wunden Jesu und das flammende Herz Mariä, das nach der Weisung des greisen Simeon durch ein Schwert verwundet ist.
Die Kanzel
Die spätbarocke Kanzel schuf der Offenburger Bildhauer Johann Nepomuk Specker (* um 1745 in der Gegend von Mühlheim a. d. Donau, + 1794). Sieben Alabaster-Reliefs mit Szenen aus dem Neuen Testament zieren den Kanzelkorb: Geburt Jesu, Wallfahrt nach Jerusalem, Gleichnis vom Sämann, Bergpredigt, wunderbare Speisung der Volksmenge, Verklärung, Gleichnis vom verlorenen Schaf. Ein achtes Relief auf der Kanzelrückwand stellt die Apostel „mit Maria, der Mutter Jesu“ (Apg 1,14) bei der Herabkunft des Heiligen Geistes dar.
Das Josefs-Chörle
Das Josefs-Chörle auf der Nordseite hat wie der Chor und die Sakristei den Stadtbrand von 1689 überstanden und atmet noch die Atmosphäre der einstigen spätgotischen Pfarrkirche. An der Außenwand vor dem Josefs-Chörle steht das Epitaph für den Basler Fürstbischof Franz Xaver von Neveu, vor seiner Bischofsweihe 18 Jahre Pfarr-Rektor dieser Kirche. Sein Amt konnte er wegen der Wirren zur Zeit der Französischen Revolution nie ausüben. So blieb er 34 Jahre bis zu seinem Tod (1828) in der alten Reichsstadt Offenburg. Eine Zeitlang war er im Gespräch als Bischof für die Katholiken im Großherzogtum Baden.
Die Deckengemälde
Die Deckengemälde wurden vor 50 Jahren von Freskomaler Heinrich Bickel (1897 – 1965) geschaffen. Die mittleren Bilder – Ursulalegende von der Befreiung aus Kriegsgefahr und die Muttergottes als Beschützerin der Stadt – stehen im Zusammenhang mit einem Gelöbnis aus dem Jahr 1632. Damals ordnete der Rat der Reichsstadt Wallfahrten zu unserer Lieben Frau im Weingarten an und versprach, das Fest der Hl. Ursula, Aper und Gangolf „uff ein tag Ewig Zue feiren“ und Gott um Beschirmung in der Kriegsgefahr durch die Schweden zu bitten. Das große Deckengemälde vor dem Chorbogen stellt die Kirche dar, die bis zur Wiederkunft des Herrn Eucharistie feiert.
Die Orgel
Die Barockorgel von Ignaz Seuffert aus Würzburg (1762) wurde 1784 durch Ferdinand Stieffel um ein klassizistisches Rückpositiv erweitert. Nach vielen Um- und Erweiterungsbauten baute Claudius Winterhalter 2001 ein völlig neues Werk in das denkmalgeschützte Gehäuse.
Kleindenkmale um die Kirche
Um die Kirche herum finden sich wertvolle Kleindenkmale, so das Grabmal des Ritters Jörg von Bach (+ 1538), ein Werk des Meisters Christoph von Urach, eine Kreuzigungsgruppe des Bildhauers Anton Martin (1740) und die Statue des Hl. Erzengels Michael von Leonhard Fivell (1732).
Das wohl wertvollste Denkmal ist der große spätgotische Ölberg, ein Nischenbau aus dem Jahr 1524. Er ist eine seitenverkehrte Nachbildung des Ölbergs im Straßburger Münster, 1498 für den dortigen Thomasfriedhof geschaffen, das als Werk von Veit Wagner gilt.
Text: Werner Scheurer
Fotos: Christoph Hoppe
Literaturhinweis
Stadtpfarrkirche Hl. Kreuz Offenburg, Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg 2004,
ISBN: 3-89870-157-3 (dort weitere Literaturangaben)
Kontakt
Katholisches Pfarramt Hl. Kreuz
Pfarrstr. 4
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