"Auf, werde licht, denn es kommt dein Licht, und die Herrlichkeit des Herrn geht leuchtend auf über dir. ... Bei Tag wird nicht mehr die Sonne dein Licht sein, und um die Nacht zu erhellen, scheint dir nicht mehr der Mond, sondern der Herr ist dein ewiges Licht, dein Gott dein strahlender Glanz. Deine Sonne geht nicht mehr unter, und dein Mond nimmt nicht mehr ab; denn der Herr ist dein ewiges Licht, zu Ende sind die Tage der Trauer"
Zwölf Sterne auf ihrem Haupt - Biblische Betrachtung
Dann erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt. Sie war schwanger und schrie vor Schmerz in ihren Geburtswehen. Ein anderes Zeichen erschien am Himmel: ein Drache, groß und feuerrot, mit sieben Köpfen und zehn Hörnern und mit sieben Diademen auf seinen Köpfen. Sein Schwanz fegte ein Drittel der Sterne vom Himmel und warf sie auf die Erde herab. Der Drache stand vor der Frau, die gebären sollte; er wollte ihr Kind verschlingen, sobald es geboren war. Und sie gebar ein Kind, einen Sohn, der über alle Völker mit eisernem Zepter herrschen wird. Und ihr Kind wurde zu Gott und zu seinem Thron entrückt. Die Frau aber floh in die Wüste, wo Gott ihr einen Zufluchtsort geschaffen hatte; dort wird man sie mit Nahrung versorgen, zwölfhundertsechzig Tage lang.
Offb 12, 1-6
Schauen wir auf das "große Zeichen am Himmel", das der Seher Johannes im letzten Buch des Neuen Testamentes beschreibt. In ganz überirdischen Farben malt er eine Frau, mit der Sonne umkleidet, mit dem Mond zu ihren Füßen und mit einem Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt (vgl. Offb 12,1). Mit ganz ähnlich lichtvollen Farben ist auch im 21. Kapitel der Offenbarung die Heilige Stadt beschrieben, die vom Himmel auf die Erde herniedersteigt: "Die Stadt braucht weder Sonne noch Mond, die ihr leuchten. Denn die Herrlichkeit des Herrn erleuchtet sie, und ihre Leuchte ist das Lamm" (Offb 21,23).
Wir sollten damit rechnen, dass der biblische Schriftsteller auf alttestamentliche Bilder und Verheißungen zurückgreift, um seine Botschaft auszudrücken. Im Buch des Propheten Jesaja finden wir denn auch folgende Verheißung als Aufruf an die Tochter Sion:
(Jes 60,1.19-21).
Die Frau als Zeichen am Himmel trägt ganz offensichtlich die Züge der Tochter Sion. Für den Seher der christlichen Apokalypse sind diese prophetischen Verheißungen bezogen auf die endgültige Verwirklichung des Bundesvolkes in der wahren Tochter Sion. Die Zwölfzahl der Sterne auf ihrem Haupt ist eine Anspielung auf die Zwölfzahl der Stämme des Bundesvolkes, das der Herr sich erwählt hat und das Jesus mit der Wahl der Zwölf im Blick hatte. Seine Botschaft vom Kommen der Gottesherrschaft sollte dem ganzen Bundesvolk mit allen seinen Stämmen gelten.
Dürfen wir davon ausgehen, dass der Schreiber der Apokalypse in diesem Bild gleichzeitig von Maria spricht? Mit großer Gewissheit ist diese Frage mit Ja zu beantworten. Zwar ist die Aussage von den Geburtswehen, in denen die Frau schreit, ebenfalls bereits als eine prophetische Aussage über die Tochter Sion belegt (vgl. Mich 4,10). Doch die dann folgende Aussage: "Und sie gebar ein Kind, einen Sohn, der über alle Völker mit eisernem Zepter herrschen wird. Und ihr Kind wurde zu Gott und zu seinem Thron entrückt" (Offb 12,5), ist für die Christen damals unzweifelhaft auf Jesus Christus bezogen. Damit ist Maria als die Mutter Jesu mit im Bild.
Die Bedeutung ihrer Person reicht weit über dieses Mädchen von Nazaret hinaus und ist eigentlich nur aussagbar in Worten, die ursprünglich der Tochter Sion gelten. In ihrer heilsgeschichtlichen Rolle als Mutter des Messias hat sie Bedeutung für das ganze Volk. Sie ist nicht nur das Mädchen Mirjam als individuelle Person, sondern gleichzeitig Verkörperung des ganzen heiligen Gottesvolkes. Maria ist Tochter Sion in Person. In der Bildersprache der Apokalypse trägt sie eine Krone aus zwölf Sternen für alle, die das Volk Gottes bilden. Wie eine Königin für das ganze Volk steht und dieses Volk auf eine überindividuelle Weise verkörpert, so steht Maria für das neue Volk, das Gott erlöst und bewahrt. In der Botschaft des Sehers steht "der Frau" ein anderes Zeichen gegenüber: "ein Drache, groß und feuerrot, mit sieben Köpfen und zehn Hörnern und mit sieben Diademen auf seinen Köpfen" (Offb 12,3). Hier zeichnet der Seher die Gegenmacht, die das junge Christentum bedroht. Er sieht sie im heidnischen Römerreich, das die Christen verfolgt. Seine Botschaft mitten in der Verfolgung lautet: Gott steht ganz auf der Seite der Frau und damit ganz auf der Seite der jungen Kirche. Der Drache kann ihr nichts anhaben. Der Kampf ist entschieden. Der Sieg ist auf Seiten der Frau und des neuen Gottesvolkes. Sie ist die Siegerin in allen Schlachten Gottes. Der Drache kann ihr nicht schaden. Das ist die große Verheißung, die der Seher Johannes der jungen Kirche in seinem Trostbuch mit auf den Weg gibt. In jeder neuen Verfolgung hat die Kirche neu nach diesem Buch gegriffen und die Wahrheit dieser Verheißung erfahren.
Dr. Peter Wolf
(aus dem Buch "Christsein mit Maria" - mit freundlicher Genehmigung des Autors)
Foto: Schönstatt-Bewegung
