Hochfest Unbefleckte Empfängnis

Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria

Mitten im Advent liegt eines der höchsten Marienfeste, das verkürzt "Unbefleckte Empfängnis" genannt wird. Der offizielle Titel des Festes lautet: "Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria." Der Termin (8. Dezember) ist von dem älteren Fest der Geburt Mariens (8. September) neun Monate zurückgerechnet. Dies ist eine Analogie zum 25. März, an dem die geistgewirkte Empfängnis Jesu im Schoß der Jungfrau Maria neun Monate vor Weihnachten gefeiert wird. Das Fest wurde seit dem 8. Jahrhundert im Osten und seit dem 11. Jahrhundert auch im Westen gefeiert; allgemein hat es sich im 14. Jahrhundert durchgesetzt.

Inhalt des Festes

Dass Maria in einer besonderen Weise von Gott erwählt und in einmaliger Weise begnadet ist, weil sie den Erlöser zur Welt bringen sollte, gehört zur ältesten Tradition der Kirche. Der Engel spricht Maria bei der Verkündigung als "Begnadete" (Lk 1,28) an; in der lateinischen Übersetzung zu Recht wiedergegeben mit "gratia plena", "voll der Gnade".

Die dogmatische Ausformulierung des Festgeheimnisses ist relativ jung: Das Dogma wurde von Pius IX. im Jahr 1854 verbindlich verkündet. Die Kirche glaubt, dass Maria vom ersten Augenblick an ganz im Wohlgefallen Gottes stand und sie deshalb frei von jedem Schatten der Sünde war. Diese Gnade hat Maria nicht selbst verdient, sondern es ist ihr im Blick auf ihre Aufgabe als Gottesmutter und "im Hinblick auf die Verdienste Christi Jesu, des Erlösers" geschenkt.

Der Inhalt des Festes muss gegen manche Missverständnisse geschützt werden: Er bedeutet nicht, dass das Lebens Marias auf wunderbare Weise entstanden wäre; sie wurde vielmehr wie jedes Kind von einem Vater gezeugt und einer Mutter empfangen (nach der außerbiblischen Überlieferung: Joachim und Anna). Aber - das ist der Inhalt des Dogmas von der "unbefleckten Empfängnis Mariens" - für ihr Leben gilt vom ersten Augenblick der Satz "Du bist voll der Gnade". Manche verwechseln auch die Aussage über die "unbefleckte Empfängnis" Mariens mit der Glaubensaussage über die jungfräuliche Geburt Jesu.

Eine Schwierigkeit könnte darin bestehen, dass durch die Unbefleckte Empfängnis Mariens die Glaubenwahrheit über die Allgemeinheit der Sünde (Erbsünde) und die Erlösungsbedürftigkeit aller Menschen bedrohen könnte, wenn Maria eine Ausnahme bilden würde. Maria gehört aber zweifellos zur erlösungsbedürftigen Menschheit; ohne die Gnade Christi stünde auch sie unter die Sünde Adams. Doch durch eine besondere Gnade, die von Christus kommt, wurde sie vor der Sünde bewahrt. Die Bewahrung ist Erlösungsgnade; sie bedeutet nicht, dass Maria keine Gnade nötig gehabt hätte. Im Gegenteil.

Im Blick auf die Ökumene bietet das Festgeheimnis fruchtbare Ansatzpunkte: Wer Maria sagt, sagt Gnade. Ihre vorgängige Begnadung zeigt, dass "alles Gnade" ist. (vgl. den reformatorischen Grundsatz "sola gratia" - allein durch Gnade.) Maria ist "Ersterlöste" und "Vollerlöste" und ist als solche hinein genommen in das Erlösungswerk Christi.

Spirituelle Bedeutung und Ausfaltung

"Ganz schön bist Du"
Die Gottes Gnade macht den Menschen schön und groß. Maria ist – wie Ida Friederike Görres den dogmatischen Fachbegriff "immaculata conceptio" in origineller Weise deutet - "das unverdorbene Konzept" Gottes vom Menschen. Sie ist der durch die Gnade Christi wiederhergestellte ganz harmonische Mensch. In uns allen lebt die Sehnsucht nach dem ganz Unverdorbenen und Ursprünglichen. Diese Sehnsucht findet in Maria ihr Bild.

"Du bist voll der Gnade"
Maria ist das Bild dessen, was Gott uns schenken will. Wir dürfen das Wort, das zu Maria gesprochen wurde, auch auf uns anwenden, wenn wir zu Christus gehören: "Du bist voll der Gnade". Von dieser Gnade werden wir getragen. Unser Leben, das - leider - auch von der Sünde gezeichnet ist, kann heil werden. Die Nähe zu Maria nimmt uns hinein in diese heilende Atmosphäre.

Eva - Ave
Maria ist eine notwendige Ergänzung des Bildes der Frau, wie es in Eva gezeichnet wird. In dem Wortspiel "Ave - Eva" wird das zum Ausdruck gebracht. Auf "Eva" folgt "Ave" (Ave ist der lateinisch übersetzte Gruß des Engels: Ave Maria - sei gegrüßt Maria.) Weil Christus die Sünde Adams erlöst hat, wird auch "Eva" erlöst und bekommt ihr Gegenbild in "Maria". Maria ist das wunderbare Bild der erlösten Frau und aller erlösten Menschen.

Heilige Kirche

Maria ist Bild der Kirche. Jesus sagt in seiner Antwort an Petrus, dass die Pforten der Unterwelt die Kirche niemals überwinden können (vgl. Mt 16,18). Die Kirche ist ihrem Wesen - trotz vieler Sünden und Fehler - wie Maria ganz von der Gnade Gottes gehalten und in diesem Sinne "unbefleckt". Christus will nach dem Epheserbrief die Kirche "herrlich vor sich erscheinen lassen, ohne Flecken, Falten und andere Fehler; heilig soll sie sein und makellos" (Eph 5, 27).

 

Dr. Rainer Birkenmaier

Fotos: Michael Büchner