24.07.2025 |
Impulse aus der Fachkonferenz Engagementförderung zur Diversität und Diskriminierung
Auf der jährlichen Fachkonferenz der Engagementförderung der Erzdiözese Freiburg Mitte Juli ging es in diesem Jahr nicht nur um den inhaltlichen Austausch und die Besonderheiten im Kirchenentwicklungsprozess, sondern es gab auch einen eintägigen Fortbildungsblock zum Thema Diversität und Diskriminierung – ein Thema, das so grundlegend wie herausfordernd ist.
„Im Anfang war die Vielfalt“ – Gottes schöpferische Handschrift
Diversität und Vielfalt sind keine menschliche Erfindung, sondern göttlicher Ursprung. Die Schöpfungsgeschichte zeigt: Gott schafft Unterschiedlichkeit – Tag und Nacht, Land und Meer, Tiere und Menschen. Diese Gegensätze leben nicht voneinander getrennt, sondern in einem ausgewogenen Miteinander und als symbolische Bandbreite all dessen, was dazwischen liegt. Die Vielfalt der Schöpfung ist Ausdruck göttlicher Kreativität und Liebe. Diversität ist also kein „Weltenthema“, sondern ein zutiefst biblisches Motiv.
Vielfalt: mehr als ein Modewort
Manche in unserer Gesellschaft sehen Vielfalt als Bedrohung, dabei bedeutet sie genaugenommen Reichtum. Doch Diversität steht nicht nur dafür, dass man bunt zusammengemischt durch verschiedene Einstellungen und Lebenswelten als Gruppe erfahrungsreicher und damit besser aufgestellt ist – sondern sie steht auch dafür, gut hinzusehen, wo Menschen ausgeschlossen werden. Und genau das ist doch Auftrag von Kirche, einen diakonischen Blick auf die Menschen und ihre Würde zu haben. Erst recht, wenn wir selbst ganz unbewusst die Ausschließenden sind.
Wo Vielfalt (nicht) mitgedacht wird
In einem einfühlsam und hoch spannend moderierten Schulungsblock durch Raphaela Noah Soden aus dem Referat Erwachsenenpastoral/ Ehe-Familie-Diversität im Seelsorgeamt Freiburg wurde sichtbar, wie vielfältig – und dennoch oft unsichtbar – Diskriminierung auch gerade im Alltag unserer Kirchengemeinden wirken kann. Nicht nur Menschen mit Behinderung (etwa im Sehen, Hören oder der Mobilität) können schnell Ausgrenzung erleben, sondern auch beispielsweise Frauen, Senioren, Jugendliche, Flüchtlinge, Alleinerziehende oder Menschen mit Sprachhürden – im Ehrenamt genauso wie im kirchlichen Alltag.
Und wenn wir so gerne sagen „wir sind offen für alle Menschen“, dann würde „alle“ genaugenommen oftmals viel mehr bedeuten als das bewusste oder unbewusste Bild dazu in unseren Köpfen. Und schnell bilden sich im Alltag systematische Benachteiligungen für Menschen heraus. Viele Kirchengemeinden denken bei Barrierefreiheit zwar an Zugangs-Rampen bei Räumlichkeiten oder an den jährlichen Gottesdienst für Menschen mit Behinderung. Das ist gut – aber oft bleibt es dabei. Doch wie steht es um andere Formen von Diskriminierung?
Schon beim Betreten eines Kirchenraums kann sich jemand ausgeschlossen fühlen, etwa wenn Zugänge unklar oder wichtige Hinweise nur in schwer verständlicher Sprache zu finden sind. Frauen stoßen regelmäßig auf klischeehaften und reduzierenden Darstellungen als „helfende Hände“, während Männer als „Leitende Köpfe“ gezeigt werden. Kinder in der Kirche werden eher als laute Störfaktoren gesehen denn als willkommene Kirchenbesucher. Ältere Menschen haben Probleme bei Kopien mit Liedtexten in winziger Schrift oder bei ausschließlich digitalen Anmelde- und Kommunikationswegen. Alleinerziehende werden ausgegrenzt, weil sie Regelmäßigkeit einfach nicht leisten können. Und Jugendliche stellen schnell fest, dass ihre Stimme oft kaum Gehör findet und sie als schnelllaunig, faul und noch nicht erfahren genug hingestellt werden - oder eben gleich ein langjähriges Engagement verlangt wird, obwohl das überhaupt nicht in die aktuelle Lebensphase von Schule, Ausbildung und Übergang in den Beruf passt. Barrieren entstehen zudem durch Sprache: Zu komplexe Flyer- und Website-Texte oder Gottesdienstansprachen erschweren Menschen ohne deutsche Muttersprache das Mitmachen, auch hochtrabende oder binnenkirchliche Formulierungen oder Sprache schließen schnell all jene aus, die nicht zum inneren Kreis der katholischen Kirche gehören. All diese Formen von Ausschluss finden oft unbewusst statt – und doch prägen sie das Erleben und die Orientierungslosigkeit vieler. Und schnell passiert es, dass etwas unbedacht ausgesprochenes Menschen verletzt. Und hier gilt: Nicht die Absicht, sondern die Wirkung zählt. Auch wenn etwas „nicht böse gemeint“ war, kann es andere verletzen oder ausschließen.
Verantwortung tragen wir alle
Wenn Menschen sich verletzt, übersehen oder nicht willkommen fühlen, dann haben wir als Gemeinschaft versagt – auch wenn wir es nicht „so gemeint“ haben. Verantwortung lässt sich nicht abschieben: Es ist nicht Aufgabe der Betroffenen, die Welt zu verändern, sondern unsere Aufgabe, Räume zu gestalten, in denen Menschen sich wirklich sicher, verstanden und angenommen fühlen. Eine gelungene Integration bedeutet nicht, dass die diskriminierte Person sich verändert – sondern die gesamte Gesellschaft um sie herum!
Barrierefreiheit beginnt im Kopf – und im Herzen
Es braucht keine revolutionären Umbrüche. Aber ein paar ehrliche Fragen können helfen: Wer fühlt sich bei uns willkommen – und wer nicht? Wer ist wohlgefühltes Mitglied unserer Gemeinde – und wer bleibt unsichtbar? Welche Barrieren nehmen wir vielleicht gar nicht wahr? Wie verständlich ist unsere Sprache – auf Plakaten, in Gesprächen, auf der Website? Welche Sprache erschließt Räume – und welche sperrt Menschen aus? Welche Eingangstüre ist offen – tatsächlich und symbolisch? Welche unausgesprochenen Erwartungen bei uns könnten Hürden sein?
Und schließlich können kleine Schritte einen großen Unterschied machen: Etwa Infos barrierefreien Zugängen auf Websites, leichte Sprache bei Einladungen, Plakaten oder Informationen, Schulungen zu dem Thema für Haupt- und Ehrenamtliche oder die Beteiligung verschiedenster Menschen bei Planung und Entscheidungen. Ebenso gilt, genau hinzusehen, wenn alte Denkmuster, unsichtbare Machtstrukturen oder architektonische Hürden eine wirksame Teilhabe verhindern.
Der große Gewinn: Wenn wir als Kirchengemeinde Vielfalt nicht nur akzeptieren, sondern bewusst fördern, entsteht Gemeinschaft die, trägt – weil sie alle miteinbezieht. Der Apostel Paulus beschreibt in 1 Kor 12 das Bild des Leibes Christi: Viele Glieder, ein Körper. Auge, Ohr, Fuß und Hand sind unterschiedlich – aber alle gehören untrennbar zusammen. Kein Teil ist wichtiger oder unwichtiger. Kein Teil darf sich über das andere erheben oder es übersehen. Schließlich ist Kirche nicht dazu da, Menschen zu sortieren, sondern Menschen Heimat zu geben. Das ist ein Prozess: mal holprig, oft lehrreich – aber möglich. Die Fachkonferenz war dabei ein Startpunkt: ein Impuls, Offenheit nicht theoretisch zu halten, sondern praktisch zu leben. Das Ziel ist klar: Räume schaffen, in denen jede und jeder sich gesehen, verstanden und aufgehoben weiß – ganz so, wie Gott uns in unserer Unterschiedlichkeit liebt.
Hinschauen. Nachfragen. Weiterdenken.
Die Fachkonferenz hat gezeigt: Diversität und Barrierefreiheit sind nicht „Zusatzthemen“, sondern Ausdruck von gelebter Gemeinschaft und Teil unseres Auftrags als Christen in dieser Welt. Und sie fangen nicht bei der großen Systemfrage an – sondern bei uns. Es muss nicht perfekt sein – aber zumindest ehrlich bemüht und dann Schritt für Schritt.
Wenn auch Sie als Gruppe die Themen Barrierefreiheit, Diskriminierungssensibilität und Vielfalt weiterdenken wollen, bietet die Erzdiözese Freiburg vielfältige Unterstützung. Entweder über die vor Ort begleitende Stelle der Engagementförderung oder einfach direkt Einlesen unter www.ebfr.de/diversitaet.
Und zum Ende noch ein kleiner Denkimpuls, mit dem auch die Teilnehmenden der Schulung gestartet sind: Woran erkennen denn Sie, dass Sie an einem Ort wirklich willkommen und in einem Engagement gut aufgehoben sind? Denken Sie darüber nach – und dann werden Sie Teil davon, das bei sich vor Ort umzusetzen.