
Was die Jugendlichen da machen? Sie bereiten sich auf ihre Firmung vor. Es ist das kirchliche Fest ein paar Jahre nach der Erstkommunion. Und gerade bearbeiten sie das katholische Glaubensbekenntnis. Alle haben ein großes Blatt mit dem traditionellen Text vor sich liegen, darauf steht: „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.“ und so weiter. In der Hand haben alle eine Schere, denn die Jugendlichen sollen das ausschneiden, womit sie nichts anfangen können oder was sie nicht verstehen. Schnell liegen die ersten Schnipsel am Boden.
Als ich das vor ein paar Jahren zum ersten Mal gemacht habe, ist ein Stich durch mein Theologen-Herz gegangen. Man kann doch aus dem Glaubensbekenntnis nicht einfach rausschneiden, was einem nicht passt. Immerhin ist der Text des sogenannten Apostolischen Glaubensbekenntnisses über 1500 Jahre alt. Es steckt alles Wichtige drin, was Christen glauben: Dass Gott alles gemacht hat, dass Jesus Gottes Sohn ist, dass er umgebracht wurde und auferstanden ist. Und dass der Heilige Geist auch heute noch wirkt. Da kann man nicht beliebig was wegnehmen.
Trotzdem finde ich es super, dass die Jugendlichen kritisch auf den Text schauen und bei jedem Wort überlegen: Verstehe ich das? Welche Worte sind wichtig für mich, und welche nicht? Das ist nicht in jeder Lebensphase gleich.
Da geht es mir ja ganz ähnlich. Manchmal ärgere ich mich über die Kirche als Institution. Dann geht mir der Teil im Glaubensbekenntnis mit der „heiligen katholischen Kirche“ gar nicht leicht über die Lippen. Ein paar Wochen später kann das wieder anders aussehen.
Und jetzt zurück zu den Jugendlichen und ihren Glaubenstexten mit den Lücken drin. Da wird es noch richtig spannend. Denn am Schluss legen alle ihre durchlöcherten Blätter passgenau übereinander. Und jedes Mal gibt’s einen Aha-Effekt: Denn nie schneiden alle dieselben Stellen aus. Wenn man die Blätter übereinanderlegt, verschwinden die Löcher und man bekommt wieder das vollständige Glaubensbekenntnis.
Das ist ein schöner Gedanke, der mir immer wieder in den Sinn kommt, wenn ich diesen Text zusammen mit anderen im Gottesdienst spreche. Es gibt immer jemanden, der das glaubt, was ich gerade nicht aus vollem Herzen mitbeten kann. Die Glaubensgemeinschaft der Kirche hält das aus. Und sogar noch mehr: Genau deswegen ist der Glaube so vielfältig und lebendig.
Benjamin Vogel aus Freiburg von der katholischen Kirche.
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