Digitalisierung? Das meint... was genau?

Ein Vorschlag zur Unterscheidung

Digitalisierung ist das Buzzword der heutigen Zeit - und ein Containerbegriff: Man kann vieles reinpacken, jeder versteht etwas anderes darunter. Das stellt nicht nur die Kirche vor Herausforderungen.

 
 
Summary: Wenn von Digitalisierung die Rede ist, sprechen nicht alle vom Gleichen. Denn es gab drei Digitalisierungsschübe, die aufeinander aufbauen und heute faktisch parallel laufen: (1) Bereits Vorhandenes digitalisieren, (2) im Digitalen Neues ermöglichen sowie (3) die digitale Transformation der Gesellschaft. Diese drei Aspekte kann man klar unterscheiden und sie verlangen unterschiedliche Herangehensweisen - auch wenn die Übergänge manchmal fließend sind.
 
Für Organisationen ist die Digitalisierung besonders herausfordernd. Das gilt auch für die Kirche: Weil es (Digitalisierung 1) gar nicht vorrangig um technische, sondern um organisatorische Innovation geht. Weil es (Digitalisierung 2) neben strategischer Weitsicht und Experimentierlust auch erheblicher Frustrationstoleranz bedarf. Und weil (Digitalisierung 3) die durchaus berechtigten Begründungs- und Sinnhaftigkeitsfragen letztlich ins Leere laufen. Denn funktionierende Technik bedarf keiner Begründung (Armin Nassehi), stellt aber Ansprüche: An Übersetzungsfähigkeit und Innovationsbereitschaft, an Kreativität und  Resilienz, sowie die glaubhafte fachliche Expertise im eigenen Feld.
 
Die sogenannte digitale Transformation ist das wirkmächtigste „Zeichen der Zeit“ (GS 4). Sie macht sich seit Ende des 20. Jahrhunderts immer schneller in nahezu allen Lebensbereichen bemerkbar. Davon kann sich auch die Kirche nicht ausnehmen. Sie muss sich dazu verhalten und sollte diesen Prozess in ihrem Bereich verantwortet, umsichtig und ergebnisorientiert gestalten.
 
Aber was genau gibt es denn da zu gestalten? Was ist mit „Digitalisierung“ konkret gemeint? Die Ansichten darüber gehen oft weit auseinander, nicht selten redet man schon bei der Definition aneinander vorbei. Ein Vorschlag zur Begriffsklärung und zu den organisatorischen Konsequenzen.
Digitalisierung 1: Die Verdoppelung der Welt
Digitalisierung zeigt sich zunächst als (wörtlich zu verstehende) „Über-Setzung“ analoger Objekte, Kommunikationen oder Prozesse in digitale. Gemeint ist der rein technische Vorgang des Digitalisierens: Zur Schallplatte gibt es nun die CD, die Landkarte auch als Google-Map, Print geht online, Fernsehen läuft auch als Streaming-Angebot. Das Altbekannte erhält nun das Adjektiv „analog“, um den Unterschied zur neuen Erscheinungsform „digital“ trennscharf zu markieren. Digitalisierung verdoppelt also gewissermaßen die Welt: Analoges bleibt erhalten, kann nun aber auch in digitaler Form auftreten.
Diese Welt-Verdoppelung vollzieht sich schrittweise, beginnend erst bei einigen wenigen, geeignet erscheinenden Objekten (CDs gibt es seit den 1980-er Jahren), greift aber immer mehr um sich. Und sie vollzieht sich tatsächlich nur „gewissermaßen“, denn das Digitale ist keine bloße Kopie, kein virtuelles Surrogat, sondern eine sehr reale neue Form im „echten“ Leben. Analoge und digitale Formen lassen sich leicht und von jedem unterscheiden. Beide Formen haben Vor- und Nachteile, über die sich trefflich streiten lässt. Die meisten Menschen nutzen einfach beides.
 
Für Organisationen bedeutet diese „Digitalisierung 1“ nicht bloß eine technische Umstellung, sie setzt organisatorische Veränderungen voraus - nicht selten überraschend für alle Beteiligten. Wer schon einmal versucht hat, in einer Organisation einen gewohnten Prozess zu „digitalisieren“, kennt die organisatorischen Hürden und Widerstände, die dieser Schritt fast immer mit sich bringt.
„Digitalisieren“ heißt nämlich nicht: So-wie-bisher-nur-eben-digital, sondern setzt ein kritisches Überdenken vertrauter Abläufe und Gewohnheiten voraus. Das will zunächst theoretisch stringent konzipiert sein, muss sich am Ende aber auch konkret und praktisch umsetzen lassen, anders gesagt: Die Digitalisierung muss nicht nur als Technik, sondern auch als Prozess im „analogen Leben" der Organisation Akzeptanz finden. Das ist deutlich anspruchsvoller als es klingen mag.
Digitalisierung 2: Das Erschaffen neuer „Welten“
Darüber hinaus eröffnet das Digitale weitere, zuvor unbekannte Möglichkeiten, die ohne Digitalisierung gar nicht vorstellbar wären. Die Übergänge sind fließend. Drei Beispiele, die allgemeine Bekanntheit erreichten:
(1) Die schon lange populären sogenannten sozialen Medien ermöglichen Echtzeit-Kommunikationen von allen mit allen - zumindest in der Theorie. In der Praxis führen sie zu den viel beklagten Effekten sich selbst verstärkender sozialer Segregation („Filterblasen“, „Echokammern“) und kollektiven Aufregungswellen („Shitstorms“). Sie eröffnen nur schwer überschaubare Räume für öffentliche Diskurse wie auch anonymer Kommunikation, einschließlich Diffamierungen und bewusster Falschinformation - von denen paradoxerweise die allermeisten Menschen dennoch gar nichts mitbekommen. Neben Euphorie wächst zunehmend Skepsis, manchmal bis zum persönlichen „digitalen Detox“.
(2) Ganz anders, je nach Standpunkt verblüffend oder ängstigend, wirkt die kommunikative Performanz der Chatbots. Für die einen werden sie zu Unrecht als intelligent bezeichnet, andere sehen ungeahnte Möglichkeiten, mit gesellschaftlichen Chancen, die man nicht gleich abtun sollte. Die Entwicklung verläuft rasant und exponentiell. Das schon heute Mögliche auch nur zu kennen, verlangt engmaschige Beobachtung und Exploration.
(3) Ebenso radikal, schon im Ansatz, technisch wie gesellschaftlich, war die Erfindung des Bitcoin. Das zugrundeliegende Prinzip ist nicht leicht zugänglich und bleibt daher vielen fremd. Man kann an diesem Beispiel gut illustrieren, wie die Relevanz gesellschaft etablierter Institutionen (in diesem Fall: Banken) durch Digitalisierung unterspült werden könnte
Erkannt und genutzt werden solche Effekte - wenig überraschend - zuerst von gesellschaftlichen Gruppen, deren Anliegen in den tradierten Institutionen nicht willkommen sind. Die rasche Akzeptanz außerhalb des gesellschaftlichen Mainstreams ändert allerdings nichts an der strukturellen Radikalität dieses neuen Zahlungskonzeptes, das keine kontrollierenden oder kontrollierbare Institutionen mehr kennt.
Hier sollte die Kirche besonders aufmerksam sein: Der ohnehin von vielen beobachtete Relevanzverlust der Institution Kirche könnte durch die Digitalisierung noch beschleunigt werden. Sie ist Risiko und Chance zugleich.
 
Im Feld der „Digitalisierung 2“ schlummert daher das größte unentdeckte Potential. Nützliche und nutzbare Möglichkeiten zu (er-)finden, erfordert Kreativität, Mut zu Experimenten und die Bereitschaft, auch Fehlschläge hinzunehmen. In Organisationen ist dafür strategische Weitsicht nötig, eine reflektierte Distanz zur gewohnten eigenen Organisationskultur und (am unwahrscheinlichsten) die Bereitschaft, diese gegebenenfalls grundständig umzubauen. Da gibt es noch viel zu entdecken, nicht nur für die Kirche.
Digitalisierung 3: Die Transformation der alten Welt
All diese digitalen Entwicklungen lösten bekanntlich eine gesamtgesellschaftliche Transformation aus, deren Tragweite und Folgen kaum überschätzt werden können. Einige der einschlägigen Stichworte lauten: Fragmentierung, Dezentralisierung und Deinstitutionalisierung. Positiv gewendet geht es um Selbstermächtigung und Autonomisierung (wie z.B. durch Bitcoin) und die synchrone Unmittelbarkeit von Kommunikationen (Social media). Möglich werden auch hochdifferenzierte Steuerungs- und Automatisierungsmechanismen vieler technischer (Stichworte: Internet der Dinge, KI), aber auch gesellschaftlicher Prozesse, eingeschlossen unbemerkter Manipulationsmöglichkeiten - und manches andere mehr.
 
Ob diese Entwicklungen der Gesellschaft insgesamt nützen, sie positiv entwickeln oder eher nicht, wird kontrovers diskutiert. Man kann mit guten Gründen sehr verschiedene Meinungen vertreten. Das ändert nichts daran, dass diese Entwicklungen längst laufen und rasch voranschreiten. Sie lassen sich bestenfalls ein wenig einhegen, vielleicht in Detailfragen korrigieren, insgesamt aber nicht aufhalten. Denn funktionierende Technik bedarf keiner besonderen Begründung. Sie „suspendiert Konsensansprüche und absorbiert Dissensansprüche schlicht dadurch, dass sie funktioniert.“  (Armin Nassehi)
Aufsteigende Herausforderungen
Alle drei Aspekte zählen zur Digitalisierung, sie sind sachlich klar unterscheidbar und erfordern ein differenziertes Herangehen. „Digitalisierung 1“ braucht Translation, also die technische Über-Setzung von Analogem in Digitales. Das ist vor allem für Organisationen herausfordernd und weniger eine technische als eine organisationsentwicklerische Aufgabe. „Digitalisierung 2“ bedarf zudem der Kreativität, sie braucht freies Denken und die Bereitschaft zur Innovation im eigenen Bereich, wenn wirklich Neues entstehen soll. Schon im ersten Feld dürfte es in der Kirche noch erheblichen Nachholbedarf geben, im Großen wie im Kleinen. Das zweite Feld wird bisher eher experimentell und von nur wenigen beschritten, kaum jedoch systematisch erkundet. 
 
Im dritten Feld meldet sich Kirche hingegen gerne zu Wort, gerne auch kritisch - wenngleich folgenlos. Das liegt nicht zuletzt daran, dass sie die Konsequenzen der Digitalisierung für den „Code der Religion“, die Unterscheidung von Transzendenz und Immanenz (Niklas Luhmann) eher selten in den Blick nimmt, obwohl es für diese theologische Kernaufgabe offensichtliche Anknüpfungspunkte gibt.
 
Lieber beansprucht sie die Rolle der ethischen Reflexionsinstanz, um im gesamtgesellschaftlichen Diskurs den Euphorisierten mit moralischen Überlegungen Einhalt zu gebieten und den digital Überforderten ein wenig Orientierung. Beides kann allerdings nur gelingen, wenn man in allen Feldern der Digitalisierung glaubhafte fachliche Expertise vorweisen kann.
„Digitalisierung 3“ bedarf daher vor allem der selbstkritischen Reflexion dieser weitgehend autonom verlaufenden, sich selbst verstärkenden Entwicklung - wohl wissend, dass die individuellen wie gesamtgesellschaftlichen Interventions- und Steuerungsmöglichkeiten beschränkt sind und der Adaptionsbedarf im eigenen Bereich groß.