
"Die NS-Verbrechen waren damals möglich, weil viele weggeschaut und keinen Widerstand geleistet haben, als es noch möglich gewesen wäre", sagte Zentralratspräsident Josef Schuster. "Heute ist nicht 1938, aber wir schlagen trotzdem Alarm. Um den wachsenden Antisemitismus zu bekämpfen, braucht es mehr Zivilcourage und Mut von allen." Schuster sagte, jüdisches Leben sei auch heute in Deutschland wieder bedroht. "Es droht aus der Öffentlichkeit zu verschwinden." Wer behaupte, Antisemitismus habe keinen Platz in der deutschen Gesellschaft, verleugne die Realität. "Der Hass auf Juden hat sich seinen Platz genommen", sagte Schuster.
Mehr Geld für Erinnerungsarbeit
Die baden-württembergische Landtagsvizepräsidentin Muhterem Aras forderte, mehr Energie und Geld für die Erinnerungs- und Gedenkarbeit aufzubringen. Es brauche neue, moderne Formen, um an die NS-Verbrechen zu erinnern und so die Demokratie heute zu sichern, sagte die Grünen-Politikerin. "Der Schutz der Grundrechte obliegt nicht nur dem Bundesverfassungsgericht, sondern wir alle müssen dafür einstehen." Der katholische Freiburger Erzbischof Stephan Burger rief dazu auf, gegen jede Form von Menschenverachtung Widerstand zu leisten. Er appellierte auch, sich für ein würdiges Totengedenken der im Lager Gurs gestorbenen Menschen einzusetzen. Etwa bei der Neugestaltung und Pflege der Massengräber und Friedhöfe.
Jüdisches Leben nicht wegzudenken
Die evangelische badische Landesbischöfin Heike Springhart sicherte den jüdischen Gemeinden im Südwesten ihre Solidarität und Unterstützung zu. "Wir stehen an Ihrer Seite und gemeinsam für ein Land, aus dem jüdisches Leben nicht mehr wegzudenken ist." Vor dem Festakt stimmte der badische Landesrabbiner Moshe Flomenmann am Denkmal für die deportierten Juden am Freiburger Hauptbahnhof ein Totengebet an. Bei dem folgenden stillen Trauerzug durch die Stadt legten die Teilnehmer Rosen an den Rand des Gedenkbrunnens auf dem Platz der Alten Synagoge ab. Eine Schülergruppe stellte ihre Graphic Novel zu einem Gurs-Gedenkprojekt vor.
Neues Gedenkformat
Bislang fand die zentrale Gedenkfeier immer in Frankreich statt, künftig soll sie abwechselnd in Deutschland und in Gurs organisiert werden. "Wir haben die Verantwortung, dass niemand die Erinnerung verdreht und die Opfer vergisst", sagte der Freiburger Oberbürgermeister Martin Horn. Am frühen Morgen des 22. Oktober 1940 begannen in Baden und der damaligen Saarpfalz die Deportationen der jüdischen Familien. Oft unter dem Applaus ihrer nichtjüdischen Nachbarn. Die Menschen wurden per Bahn und Lastwagen in das Internierungslager Gurs am Fuß der Pyrenäen gebracht. Südfrankreich war damals Teil des mit Deutschland verbündeten Vichy-Regimes.
Die Verschleppung gilt als erste große, systematische Deportation von Juden durch die Nazis. Aus Baden wurden 5.617 Juden, aus dem heutigen Rheinland-Pfalz 825 und aus dem heutigen Saarland 145 Juden deportiert. Unter den Deportierten waren viele ältere Menschen. Viele starben. Weitere wurden später ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau gebracht, wo fast niemand überlebte.
(vh/KNA)