06.10.2026 |
Katholische Kirchengemeinde öffnet St. Venantius für Begegnung, Vielfalt und gelebte Demokratie
Wertheim. Bunte Häuser im Altarraum, Fußspuren mit Worten aus dem Grundgesetz und Menschen, die miteinander ins Gespräch kommen: Bei der Langen Nacht der Demokratie am 2. Oktober 2026 wurde die Kirche St. Venantius zum Ort der Begegnung und des gemeinsamen Nachdenkens. Unter dem Motto „Demokratie fällt nicht vom Himmel“ beteiligte sich die Katholische Kirchengemeinde an Tauber und Main an der Wertheimer Veranstaltung. Organisiert wurde der kirchliche Beitrag vom Gemeindeteam St. Venantius, unterstützt von Ehrenamtlichen aus der gesamten Pfarrei. Anregungen hatte der diesjährige Katholikentag in Würzburg gegeben.
Schon vor der beleuchteten Kirche luden eine Feuerschale und warmer Tee zum Verweilen ein. Die Katholikentagsfahnen mit der Aufforderung „Hab Mut, steh auf!“ verbanden das Eintreten für Demokratie mit dem christlichen Auftrag, Verantwortung für andere zu übernehmen.
Im Kirchenraum erhielt Vielfalt eine besonders anschauliche Gestalt: Schülerinnen und Schüler des Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasiums hatten unter dem Motto „Wertheim ist bunt“ zahlreiche Gebäude aus Wertheim und Umgebung gestaltet. Gemeinsam bildeten sie eine farbenfrohe Stadtlandschaft vor dem Altar. Darüber setzten die Fahnen der Erzdiözese Freiburg und der Caritas mit dem Satz „Unser Kreuz hat keine Haken“ ein deutliches Zeichen: Christlicher Glaube ist mit Rechtsextremismus, Nationalsozialismus und der Ausgrenzung von Menschen unvereinbar.
Dass Demokratie vom eigenen Handeln lebt, konnten die Besucherinnen und Besucher an verschiedenen Stationen erkunden. Sie konnten im Bilderrahmen Gesicht für Demokratie zeigen, eigene Möglichkeiten des Engagements aufschreiben oder sich mit Kinderrechten beschäftigen. Ein Spiegel stellte die persönliche Frage: „Liebst Du Deinen Nächsten wie Dich selbst?“ Auf Untersetzern ließ sich mit einem Brandeisen die Botschaft „Würde unantastbar“ festhalten – eine Erinnerung daran, dass Menschenwürde im Alltag geschützt werden muss.
Den Mittelpunkt bildete ein gemeinsames Quiz mit drei Stationen. In gemischten Kleingruppen beschäftigten sich die Teilnehmenden mit praktischen Situationen aus dem Alltag. Dabei ging es um Fähigkeiten, die auch eine demokratische Gesellschaft braucht: einander zuhören, unterschiedliche Sichtweisen ernst nehmen und gemeinsam Lösungen finden. Ein Armbändchen mit dem Motto des Abends gab diesen Gedanken mit auf den Weg.
Der gemeinsame Abschluss der Langen Nacht in St. Venantius war ökumenisch gestaltet. Diakon Reiner Thoma eröffnete ihn mit Gedanken zu „Einigkeit und Recht und Freiheit“. Er verband diese demokratischen Grundwerte mit seinem Glauben und betonte: Zusammenhalt braucht keine Gleichförmigkeit, sondern Raum für unterschiedliche Meinungen und eine klare Absage an Hass und Ausgrenzung.
Anschließend spielte die Schauspielgruppe der Convenartis die Schlussszene ihres Spiels. Während der gesamten Veranstaltung hatte sie immer wieder gefragt: Wer sind die Eltern der Democratia? Die Auflösung war ein Spiegel. Darin sah das Publikum sich selbst. Die Verantwortung für die Demokratie und ihr Grundgesetz liegt bei jeder und jedem Einzelnen.
Dieses Bild griff die pastorale Mitarbeiterin Caroline Herzog in ihrem Redebeitrag auf. Wie Eltern für ein Kind müssten Menschen für die Demokratie sorgen: sie begleiten, schützen, stärken und ihr Raum zur Entwicklung geben. Diesem Auftrag kommen sie mit unterschiedlichen Erfahrungen, Ideen und Fähigkeiten nach. Gerade diese Vielfalt sei eine Stärke – und zugleich eine Aufgabe. Demokratie brauche die Bereitschaft, Verschiedenheit auszuhalten, die eigene vertraute Umgebung zu verlassen und sich von anderen Sichtweisen berühren zu lassen.
Die evangelische Dekanin Wibke Klomp schloss mit einem freien Friedensgebet. Gerahmt wurde die Abschlussveranstaltung vom Orgelspiel von Prof. Carsten Klomp.
Der Abend machte sichtbar, wie vielfältig Kirche ist und wie weit ihr Auftrag über die Feier von Gottesdiensten hinausreicht. In St. Venantius kamen Glaube, Kunst, gesellschaftliche Verantwortung und ehrenamtliches Engagement zusammen. Eine bunte Kirche zeigte Haltung und lud zum Mitgestalten ein. Denn Demokratie fällt nicht vom Himmel. Sie braucht Menschen, die Verantwortung übernehmen.