Erzbischof Burger im KNA-Interview zur humanitären Katastrophe im Krisenstaat Südsudan

24.09.2026 | "Mutige Frauen haben mich extrem beeindruckt"

Freiburg. Der Freiburger Erzbischof Stephan Burger und der Chef der katholischen Entwicklungsorganisation Misereor, Andreas Frick, sind für Projektbesuche in den stark christlich geprägten Südsudan gereist. Eine Woche lang ging es um Unterstützung für Flüchtlinge, um Bildungsarbeit und Frauenrechte. Misereor und Caritas engagieren sich seit langem in dem 12-Millionen-Einwohner-Krisenstaat, der von der Weltöffentlichkeit vergessen scheint. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) schildert Burger seine Eindrücke.
Herr Erzbischof, Südsudan bleibt auch 15 Jahre nach seiner Unabhängigkeit ein Krisenstaat. Die Hälfte der Bevölkerung hungert. Korrupte Clans ringen um die Macht. Es gibt viel zu wenig Ärzte und Kliniken. Welche Eindrücke bringen Sie von Ihren Projektbesuchen mit?
Mich haben vor allem der Lebensmut und die Energie der Menschen beeindruckt. Selbst unter eigentlich aussichtslosen Bedingungen geben sie nicht auf und versuchen, sich Perspektiven zu erarbeiten. Das Ziel der von Kirche und Misereor geförderten Projekten ist es, genau diesen Mut zu stärken. Sei es in Berufsbildungsprojekten, in Kliniken oder in Gefängnissen.
Laut Vereinten Nationen wird eine heute 15-jährige Südsudanesin mit größerer Wahrscheinlichkeit während ihrer Schwangerschaft oder an Geburtskomplikationen sterben, als dass sie einen Schulabschluss erwirbt. Wie kann sich diese skandalöse Statistik ändern?
Der Leiter einer von einem katholischen Orden finanzierten Klinik in der Region Rumbek berichtete uns, dass sein Krankenhaus in der Anfangszeit eigens einen Schwerpunkt auf Geburtshilfe gelegt hat. Bevor er kam, sind Frauen mit Geburtskomplikationen reihenweise gestorben, bevor sie medizinische Hilfe erhielten. Entscheidend ist auch der schnelle Transport in die Klinik. Aber auch seine Klinik ringt um die Finanzierung.
Engagiert sich die Kirche auch für Bildung?
Ja, denn wie das Gesundheitswesen ist auch das staatliche Schulwesen in weiten Landesteilen faktisch zusammengebrochen. Gehälter für Lehrer werden vielfach schlicht nicht mehr bezahlt. Vielerorts sind die Schulen von Ordensgemeinschaften und Kirche die einzigen funktionierenden Bildungseinrichtungen. Dort leisten sehr couragierte Pädagogen extrem wichtige Arbeit. Wir konnten auch ein Berufsbildungsprojekt besuchen, wo Schlosser, Mechaniker und Schreiner ausgebildet werden. Berufliche Qualifikation ist der Schlüssel für Entwicklung und Aufbau. Aber die Kirche kann nicht alle Lücken füllen. Langfristig werden erst dann alle Kinder und Jugendlichen eine Chance auf Bildung und Ausbildung haben, wenn sich staatliche Strukturen stabilisieren.
Internationale Beobachter sehen dazu aber kaum Hoffnung?
Unser Eindruck war, dass vielerorts ein starkes Familien- und Clan-Denken dominiert. Die Verantwortung für die gesamte Gemeinschaft und das Ziel, für Chancen für alle zu arbeiten, sind weniger ausgeprägt.
Vor dem Krieg im benachbarten Sudan sind Hunderttausende nach Südsudan geflohen. Sie konnten auch mit Menschen in einem großen Flüchtlingscamp sprechen. Wie ist ihre Situation?
Ihre Lebensumstände sind menschenunwürdig. Die hygienische Situation ist katastrophal. Es gibt derzeit keinerlei Perspektive für eine Besserung. Und dennoch war auch dort die Energie spürbar, sich nicht dem Schicksal zu fügen. Es gibt improvisierte Märkte und Tauschhandel. Ohne Lebensmittelhilfen würden die Menschen aber nicht überleben können. Jeder Liter Speiseöl und jeder Sack Getreide retten hier Leben. Extrem beeindruckt haben mich auch die mutigen Frauen der "Women and Equity Organisation", die sich gegen patriarchale Strukturen zur Wehr setzen. Sie engagieren sich beispielsweise in der Prävention von sexualisierter Gewalt und Missbrauch.
Ende Dezember soll es endlich die ersten freien Parlamentswahlen im jüngsten Staat der Welt geben. Kann das der langersehnte Schritt zu Stabilität sein oder überwiegt die Angst, dass die politischen Auseinandersetzungen erneut zu Gewalt oder sogar Krieg führen?
Bei Lichte besehen werden im Südsudan keine freien Wahlen stattfinden, die demokratischen und rechtsstaatlichen Ansprüchen genügen. So sind gar nicht alle Bürger registriert, schon gar nicht die Hunderttausenden Flüchtlinge. Es gibt keine klaren Wahlbezirke, niemand weiß bislang, wo er überhaupt wählen soll. Unabhängige Beobachter erwarten, dass es bei der nun angekündigten Wahl eher darum geht, eine Art Legitimierung für die in den vergangenen Jahren entstandenen Machtstrukturen im Staat zu schaffen.
Was könnte Deutschland zur Entwicklung und Demokratisierung des Landes beitragen?
Ich halte es für wichtig, den Menschen vor Ort weiter die Botschaft zu senden, sie nicht alleine zu lassen. Sich nicht aus der Entwicklungsarbeit zurückzuziehen. Wie es vielerorts leider gerade geschieht. Uns wurde berichtet, dass vor allem die Kürzungen der USA schlimme Folgen haben. Die Menschen wissen, wie isoliert ihr Land international ist. Umso größer ist die Dankbarkeit, wenn sie Unterstützung erhalten, um sich neue Lebensperspektiven zu erarbeiten.
 
(KNA)