Pfarrarchivpflege will gelernt sein
04.09.2026 |
Wie ein Lernangebot entsteht - Teil 2
Die Württembergische Archivdirektion bot in den 1950ern mehrwöchige Kurse zur kirchlichen Pfarrarchivpflege an. Daran beteiligten sich auch Teilnehmer aus der Erzdiözese Freiburg. Sie lernten ganz praktisch, die Registratur zu ordnen und nach einer vorgegebenen Struktur zu führen, Archivalien zu verzeichnen sowie ein Findbuch zu erstellen. Theorie durfte nicht fehlen, denn eine Herausforderung bestand darin, die Registratur und das Archiv voneinander zu trennen, aber auch die Besonderheiten der kirchlichen Verwaltung kennenzulernen. Mit den Dekanatsbeauftragen für kirchliche Archivpflege definierte die Diözese Freiburg zudem einen Aufgabenbereich, damit das Thema und das erworbene Wissen darüber auch in die Fläche getragen werden konnte. War das ein Erfolgsrezept?
Mit Prof. Dr. Wolfgang Müller stand eine fachkundige Ansprechperson zur Verfügung, die alle Dekanatsbeauftragten für kirchliche Archivpflege mit Theorie, Arbeitsmaterialien und praktischen Hinweisen versorgte, die keinen mehrwöchigen Kurs absolviert hatten. Er bot Besprechungen an und bereiste die Dekanate, suchte dabei den Austausch mit den beauftragten Geistlichen. Diese interne Weiterbildung funktionierte zunächst, doch sie hing im Wesentlichen vom herausragenden Engagement einer konkreten Person, Herrn Müllers, ab. Da die Zuständigen für Archivpflege allesamt Geistliche waren, welche sicherlich nicht von Langeweile geplagt waren, rutschte die Erledigung der Aufgabe in der Prioritätenliste de facto immer weiter nach unten.
Die (Weiter-)Entwicklung eines überdiözesanen Lehrangebots
Unabhängig von den Freiburger Vorgängen hatte die Bundeskonferenz der kirchlichen Archive in Deutschland die Versäumnisse in zahlreichen Diözesen bereits in den 1960ern moniert. Sie erarbeitete im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz ein Lehrangebot, welches nunmehr seit 1974 zur Verfügung steht: den Volkersberger Kurs. Er richtete sich anfangs an Registratoren und Archivare.
Damit schlug die Bundeskonferenz einen neuen Weg ein: Nicht die Pfarrer sollten die Aufgaben übernehmen und darin geschult werden, sondern man setzte auf Professionalisierung. Nicht unwesentlich für diese Grundsatzentscheidung dürfte Rom gewesen sein, konkret ein päpstlicher Erlass von 1960, welcher für die Amtsausübung der italienischen Kirchenarchivare eine fachliche Vorbildung festlegte. Die Erkenntnis, dass es qualifiziertes Fachpersonal für die Schriftgutverwaltung und das Archiv braucht, hatte man auf staatlicher Seite zwar früher, aber immerhin löste die Einsicht in den folgenden Jahrzehnten beachtliche Anstrengungen und Investitionen in den Aufbau neuer Strukturen aus.
In der Beschreibung heißt es, der Volkersberger Kurs sei ein „Basisqualifizierungsangebot für Seiteneinsteigerinnen und -einsteiger ins Archivwesen und die Laufende Schriftgutverwaltung der katholischen Kirche in Deutschland“. Die Lehrpersonen für die einzelnen Einheiten sind selbst in kirchlichen Archiven tätig und bringen nicht nur ihre Fachkenntnisse ein, sondern auch ihre Berufserfahrung.
Die große Nachfrage sorgte dafür, dass das Kursangebot kontinuierlich weiterentwickelt und um weitere Formate erweitert wurde. Die Dozentenkonferenz und der Vorsitzende der Bundeskonferenz nahmen und nehmen sich der Aufgabe an. Seit 2012 können einzelne Themenmodule als Fortbildungen absolviert werden, seit wenigen Jahren der „Volkersberger Kurs PRO“. Die Weiterbildungen sind zudem offen für die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft der Ordensarchive (AGOA) und der Arbeitsgemeinschaft der Archive der überdiözesanen Einrichtungen und Verbände (AGAUE).
Wie sieht das Lehrangebot inhaltlich aus?
Die vergangenen Kursprogramme vermitteln einen Eindruck über die Inhalte. Zu den Grundlagen der Schriftgutverwaltung gehören beispielsweise die Themen Kirchliche Strukturen, Zentrale Aufgaben der Schriftgutverwaltung, Aktenplan, Aktenverzeichnis, Posteingangs- und Vorgangsbearbeitung, Dokumentation sowie praktische Übungen.
Der Einführungskurs in kirchliche Archivarbeit (Volkersberger Kurs PRO, 2023) bestand aus den Einheiten Einführung in die Geschichte und Grundstrukturen der katholischen Kirche in Deutschland und ihre Archive, „Eigenarten“ kirchlichen Schriftguts und seiner Verwaltung, Archivkunde und Aktenkunde, Archivisches Verzeichnen, Rechtliche Grundlagen des kirchlichen Archivwesens, Grundstrukturen des katholischen Archivwesens sowie Einführung in die laufende Schriftgutverwaltung.
In Modul I (Kurs 2018/19) ging es vertiefend um die archivischen Kernaufgaben der Aussonderung, Bewertung, Übernahme und Erschließung. Der Fokus lag hier auf den Themen Aussonderung, Bewertung/Bewertungskriterien, Verzeichnung und Erschließung (Internationale Verzeichnungsstandards, Stufenerschließung, effiziente Erschließungsverfahren) und der Nutzung von Archiven.
Was passierte derweil in Freiburg?
Zum einen wurde die Professionalisierung in der Schriftgutverwaltung und im Archiv durch das Erzbischöfliche Ordinariat mitgetragen. Die Archivleitung wurde beispielsweise einem fachlich ausgebildeten Archivar übertragen. Auch bei den Mitarbeitenden wird mit Blick auf die KAO darauf geachtet, das Personal über Fort- und Weiterbildungen zu fördern.
Zum anderen entstanden zwei Außenstellen des Erzbischöflichen Archivs Freiburg: eine in Sigmaringen für das Diözesangebiet in Hohenzollern und eine in Eberbach für den Norden der Diözese. Diese Archivstellen widmen sich vorrangig der Pfarrarchivpflege und -beratung.
Das Thema Pfarrarchivpflege ist an der Stelle nicht abgeschlossen, insbesondere vor dem Hintergrund der innerkirchlichen Strukturreformen und Zusammenlegung von Pfarreien (inklusive Pfarrarchiven). Daneben bringt die Digitalisierung weitere Herausforderungen mit sich, denen nur mit Expertise begegnet werden kann. Die Erfahrungen aus der Vergangenheit zeigen, dass die kontinuierliche Professionalisierung das wirksamste Mittel für den dauerhaften Erhalt sowie die Nutzung von kirchlichem Schrift- und Kulturgut sind.
Sarah Mammola
Zum Nach- und Weiterlesen
- Beate Sophie Fleck/Ulrich Helbach: Charakteristische Berufsanforderungen aus der Sicht katholisch-kirchlicher Archive, in: Beruf und Berufsbild des Archivars im Wandel, hrsg. v. Marcus Stumpf (Westfälische Quellen und Archivpublikationen 25), Münster 2008, S. 121-131.
- Homepage des Volkersberger Kurses:
- Mitteilung der Bundeskonferenz der kirchlichen Archive in Deutschland (2008): https://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/presse_import/07-bundeskonferenz_der_kirchlichen_archive.pdf
- Christoph Schmider: „...ein vollständiges und genaues Inventarium über sämmtlich vorhandene Pfarracten...“ Bemerkungen zur Pfarrarchivpflege in der Erzdiözese Freiburg, in: Kommunale und kirchliche Archivpflege im ländlichen Raum. Geschichte, Probleme und Perspektiven am Fallbeispiel des Gemeinde- und des Pfarrarchivs Kreenheinstetten, hrsg. v. Landkreis Sigmaringen (Heimatkundliche Schriftenreihe des Landkreises Sigmaringen 5), Sigmaringen 1997, S. 79-107.
- Wolfgang Schumacher (OCarm): Wie kam es zur Gründung der Arbeitsgemeinschaft der Ordensarchive?, in: Ordenskorrespondenz 4 (2017), S. 452-463. Online abrufbar: https://www.orden.de/fileadmin/user_upload/Schumacher_Ordensarchive_17.pdf