Lied zum Sonntag (SWR Kultur) mit Ruth Schneeberger aus Friesenheim

20.09.2026 | „Ordo virtutum“ von Hildegard v. Bingen

Heute Morgen schnuppern wir mit unserem Lied zum Sonntag in einen ganz eigenen Musik-Kosmos hinein.
 
Instrumentalmusik
 
Es ist ein musikalisches Singspiel, vermutlich sogar das erste in der Musikgeschichte überhaupt. Komponiert hat es Hildegard von Bingen, und es heißt „Ordo virtutum“, was man mit „Reigen der Tugenden“ übersetzen kann. 
Es ist das Jahr 1150, und die Universalgelehrte Hildegard hat gerade ihr eigenes Kloster gegründet, sie kann sich in ihrer kreativen Schaffenskraft voll entfalten. Sie ist Naturwissenschaftlerin, Medizinerin, Theologin und politische Beraterin. 
Und dann komponiert Hildegard auch noch! Und zwar wie damals üblich einstimmige Vokalmusik.
Vielleicht ist ihre Musik für unsere Ohren heute unüblich, aber mich fasziniert daran, welchen Kosmos Hildegard erschafft. Ihre Zeit war ja so streng und auch brutal. Die Kreuzzüge beginnen, schwere Krankheiten grassieren, es ist einfach dunkel. Und genau in diese Zeit hinein schreibt Hildegard so viel von Licht, Kraft und Gesundheit.   
In ihrem Singspiel sucht die menschliche Seele ihren Weg durchs Leben. 
Hören wir im ersten Teil, wie die noch gesunde und glückliche Seele Gott um Licht bittet. „Nach dir seufze ich, und alle Kräfte rufe ich an.“ 
 
“Ad te suspiro, et omnes virtutes invoco.“
„O felix anima…et o dulcis creatura Dei, que edificata es in profunda altitudine sapientiae Dei…“
 
Hildegard muss eine ganz besondere Autorität ausgestrahlt haben, in Visionen sieht sie immer wieder das „wahre Licht“. Für sie ist es Gott selbst.
Was auch immer in Hildegard vorgegangen ist: es war ihr wichtig, dass der Mensch Gott sehen kann, dass man ihn sogar atmen und schmecken kann. Also lässt Hildegard in ihrem „Ordo virtutum“ neben dem Teufel vor allem gute Kräfte auftreten, sie nennt sie Tugenden: Liebe, Geduld, Demut, Gottesfurcht. 
Diese Tugenden hören wir nun folgenden Text singen: „Nos autem omnes in excelsis habitamus“ – „Wir wohnen alle in der Höhe bei Gott.“ Diese Gewissheit wird mit einer Tanzmusik gefeiert. 
 
„Nos autem omnes in excelsis habitamus“
Tanzmusik
Auf die beschwingte Tanzmusik folgt in Hildegards Werk, dass sich die Seele verirrt. Sie verheddert sich so, dass sie vor lauter Durcheinander nicht mehr sieht, was richtig für sie ist. Manchmal weiß man nicht mehr, was wahr und was falsch ist, welcher inneren Stimme man folgen soll. 
 
Mit Hildegard von Bingen verbinden viele die großen Heilkräfte der Natur, und auch in ihrer Musik geht es um Heilung. Niemand muss sich quälen, Gott ist mit seinen Kräften und seinem Licht längst da. Seine himmlischen Tugenden werben um jeden Menschen, und drängen sich doch niemals auf. Wer das entdeckt, lebt auf. Davon war Hildegard überzeugt. 
 
„Wer wache Augen hat, der sehe. Wer wache Ohren hat, der höre und schreibe meine Worte ins Gewissen seiner Seele ein. Amen.“
 
Musik: „Ordo virtutum“ (Hildegard von Bingen“, Ensemble Ordo virtutum, Aufnahme von 1997 in der Klosterkirche Alpirsbach
 
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