Lied zum Sonntag (SWR Kultur) mit Janik Hollaender aus Freiburg

Nun ruhen alle Wälder

Heute Morgen um kurz vor acht Uhr blicken wir bereits in Richtung Tagesende und wollen uns einem der bekanntesten Abendlieder widmen: Paul Gerhardts „Nun ruhen alle Wälder“. 
 
Nun ruhen alle Wälder,
Vieh, Menschen, Städt und Felder,
es schläft die ganze Welt;
Ihr aber, meine Sinnen,
auf, auf, ihr sollt beginnen,
was eurem Schöpfer wohlgefällt.
 
„Nun ruhen alle Wälder“ hat eine besondere Strophenform, die für alle weiteren Abendlieder stilbildend geworden ist. Paul Gerhardt hat sie erfunden: Erst sechs gereimte Zeilen, dann ein überlanger Schlussvers. Auch das berühmte Lied „Der Mond ist aufgegangen“ von Matthias Claudius folgt dieser Abendliedform.
 
Die ungewöhnliche Strophenform leitet sich aus der melodischen Vorlage ab: das im 16. Jahrhundert außerordentlich populäre Lied: „Innsbruck ich muss dich lassen“. Schon die erste Zeile dieses Renaissance-Liedchens nennt das zentrale Thema: Abschied. Wer die Melodie des Liedes in dieser Zeit hörte, der hörte auch immer die Abschiedsthematik mit. 
 
Innsbruck, ich muss dich lassen,
ich fahr dahin mein Straßen,
in fremde Land dahin.
 
Das Lied war im 16. Jahrhundert so populär, dass unzählige Nachdichtungen geschrieben wurden. Dabei hat man in den weltlichen Fassungen oft nur das Ziel des Abschieds ausgetauscht: „Leipzig, ich muss dich lassen“ oder „Mein Lieb, ich muss dich lassen“. Geistliche Dichter dagegen haben den Abschied selbst ins Zentrum gerückt. Aus dem Lied über den Abschied von Innsbruck wurde ein Lied über den Abschied von der Welt: „O Welt, ich muss dich lassen“.
 
Paul Gerhardt greift diesen Welt-Abschied metaphorisch auf und macht daraus einen Abschied vom Tag. Das Abendlied ist also mehr als nur ein Lied über den Tagesausklang. Der Abend und die Nacht stehen dafür, dass das Leben endlich ist.. Das Zubettgehen wird zum täglichen Bild für das Sterben.
 
Wo bist du, Sonne, blieben?
Die Nacht hat dich vertrieben,
die Nacht, des Tages Feind.
Fahr hin! Ein andre Sonne,
mein Jesus, meine Wonne,
gar hell in meinem Herzen scheint.
 
Die Nacht und den Abend als Sinnbild für den Tod zu verstehen ­ das hört sich fast schon etwas morbide an. Aber trotzdem finde ich den Gedanken sehr tröstlich. Denn was Paul Gerhardt nicht ausspricht, aber aus seiner christlichen Auferstehungshoffnung heraus voraussetzt: Keine Nacht bleibt ewig. Auf jede Nacht folgt ein neuer Morgen. Auf jeden Sonnenuntergang ein neuer Sonnenaufgang.
 
Auch euch, ihr meine Lieben,
soll heute nicht betrüben
kein Unfall noch Gefahr.
Gott laß euch selig schlafen,
stell euch die güldnen Waffen
ums Bett und seiner Engel Schar.
 
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