Eine partnerschaftliche Beziehung mit Geschichte und Zukunft

29.07.2026 | 40 Jahre gelebte Partnerschaft mit der Kirche in Peru

Freiburg/Lima. Menschen aus allen Teilen Perus nehmen weite Wege nach Lima auf sich, die deutsche Delegation tausende Kilometer und viele Stunden Anreise: Sie alle kommen im Juli zusammen, weil ihnen diese Partnerschaft etwas bedeutet, freuen sich die Verantwortlichen. Erzbischof Stephan Burger spricht von einem „fulminanten Empfang“. Die Begeisterung wolle er mit nach Hause nehmen und anderen davon erzählen, „wie schön es ist, diese Partnerschaft zu leben“. Und genau darum geht es bei dieser Delegationsreise: um die Schönheit einer Verbindung, die einmal als Patenschaft begann und längst weit darüber hinausgewachsen ist.
 
 
Seit 1986 verbindet die Erzdiözese Freiburg eine Partnerschaft mit der katholischen Kirche in Peru. Aus Kontakten werden Begegnungen, aus Begegnungen Freundschaften. Gemeinden lernen einander kennen, Familien nehmen Gäste auf, Partnerschaftsgruppen tauschen Briefe und Nachrichten aus, sammeln Spenden, begleiten Projekte und besuchen sich gegenseitig. Vor 40 Jahren schon ist aus der Patenschaft eine Partnerschaft, aus der eher zufälligen Zuordnung eine Beziehung geworden, die trägt, bilanzieren die Verantwortlichen über die Zeit. 
 
Vor Ort wird den Freiburger Delegationsmitgliedern vor Augen geführt, wie die Menschen in Peru und Umgebung leben, was ihre Region prägt und woran ihre Gemeinden arbeiten. Kulinarik, Musik und Tanz gehören dabei ebenso zur Begegnung wie Gespräche über Armut, politische Krisen, Glauben oder gesellschaftliche Verantwortung. „Wer Partnerschaft ernst nimmt, interessiert sich für die ganze Wirklichkeit des Gegenübers“, heißt es unisono. So sind Partnerschaftsgruppen aus unterschiedlichen Regionen Perus angereist. Sie bringen Speisen aus ihrer Heimat mit, Musik und Tänze, Berichte aus ihren Gemeinden und Einblicke in ihre Projekte. In San Vicente de Paúl in Lima kommen Menschen zusammen, die eine gemeinsame Geschichte verbindet. Die Jubiläumsfeiern geben der Vielfalt Raum. Langjährig Engagierte werden geehrt. Viele von ihnen tragen die Partnerschaft seit Jahrzehnten, oft ehrenamtlich. 
 

Eine Beziehung, die gewachsen ist

Die Partnerschaft lebt zugleich aus einer gemeinsamen geistlichen Quelle: dem gemeinsamen Glauben an den Dios de la vida, den Gott des Lebens. Sie zeigt sich im Gebet füreinander, in fröhlichen Eucharistiefeiern, in der Anteilnahme am Leben der Anderen. Der Glaube verleiht ihr eine Tiefe, die auch dann trägt, wenn Entfernungen groß sind, Erwartungen sich nicht erfüllen oder Krisen das gemeinsame Leben erschüttern, wird weiterhin deutlich.
 
Erzbischof Stephan greift in seinem Grußwort die biblische Bedeutung der Zahl 40 auf. Sie erinnert an Zeiten der Prüfung, der Vorbereitung und des Neuanfangs: an den Weg Israels durch die Wüste, an Mose auf dem Sinai und an die 40 Tage Jesu vor seinem öffentlichen Wirken.
 
Auch die Peru-Partnerschaft kennt solche Zeiten. Menschen mussten einander zunächst kennenlernen. Manche Erwartungen waren groß, nicht alle erfüllten sich. Dennoch blieben Glaube, Hoffnung und Liebe die Grundlage des gemeinsamen Weges. „Wo Gott ist, da ist Zukunft“, sagt Erzbischof Stephan. „Sie haben Zukunft. Wir haben Zukunft.“
 

Partnerschaft als Communio

Weihbischof Dr. Peter Birkhofer begleitet den Bereich Weltkirche und die Peru-Partnerschaft seit dem Jahr 2013. Für ihn steht sie mitten in den großen Fragen einer globalisierten Welt. Papst Franziskus habe immer wieder eine „Globalisierung der Werte“ und eine „Globalisierung der Liebe“ gefordert. Darin sieht Birkhofer auch einen Auftrag für die weltkirchliche Arbeit. Partnerschaft braucht nach seiner Überzeugung echte Kommunikation. Menschen müssen einander zuhören, Erfahrungen teilen und bereit sein, die Welt mit den Augen des Gegenübers zu betrachten. Ein solcher Austausch schafft Communio: Gemeinschaft mit Christus und Gemeinschaft untereinander.
 
Auf der Reise bekommt diese theologische Überlegung klare Konturen: In San Juan de Lurigancho taucht die Delegation in die pastorale Wirklichkeit eines dicht besiedelten Stadtgebietes von Lima ein. Die Delegation bekommt Einblicke in eine Pfarrei, in der gerade einmal vier Priester rund 60.000 Katholikinnen und Katholiken seelsorglich begleiten. Kirche geschieht dort in Kapellen, Schulen, sozialen Einrichtungen und Gesundheitsangeboten. Die Kirche verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz, den Menschen solle vermittelt werden, dass Gott sie liebe. Daraus erwachse der Auftrag, sich nicht nur um die religiösen, sondern auch sozialen, gesundheitlichen und sonstigen Bedürfnisse der Menschen zu kümmern.
 
In der in den Anden gelegenen Erzdiözese Huancayo erhält die Partnerschaft ein junges Gesicht. Zwischen dem Colegio San Pio X und den Klosterschulen Unserer Lieben Frau in Offenburg ist eine Schulpartnerschaft entstanden. Lehrpersonen zeigen den Gästen den Schulalltag. In wechselnden Gesprächsrunden treffen Schülerinnen und Schüler auf die Delegationsmitglieder. Hier zeigt sich, wie Partnerschaft weiterwachsen kann: Junge Menschen übernehmen nicht einfach die Formen früherer Generationen. Sie bringen ihre eigenen Fragen mit, suchen direkte Begegnung und entwickeln neue Wege des Austauschs. 

Wenn aus Feiern gemeinsames Trauern wird

Das regionale Erdbeben in der Nacht zum 19. Juli verändert am Dienstag (21. Juli) abrupt den geplanten Ablauf der Reise. Die Delegation fährt am Vormittag nach Pumpunya. Menschen sind gestorben, Häuser eingestürzt oder schwer beschädigt. In der Gemeinde wird der Toten gedacht. Die Delegationsmitglieder beten mit den Angehörigen, hören zu und gehen durch den betroffenen Ort. Wenige Tage zuvor feiern sie noch ausgelassen das Jubiläum der Partnerschaft. Nun stehen sie vor zerstörten Häusern und trauernden Familien, deren Lebensgrundlage von einem Moment auf den anderen zerstört wurde. Freude miteinander teilen und im Leid beieinanderbleiben: Auch das gehört zur Beziehung, die 40 Jahre gewachsen ist.
 
Den Blick für die schwierigen Seiten des peruanischen Alltags öffnet auch der Besuch in Callao. Die Partnergemeinden berichten von Erpressung, organisierter Kriminalität und Auftragsmorden. Gewalt reicht tief in das Leben von Familien und Gemeinden hinein. Zugleich begegnet die Delegation Menschen, die unter diesen Bedingungen füreinander einstehen, Gottesdienst feiern und ihre langjährige Verbindung nach Friesenheim pflegen.
 

Alte Wurzeln, neue Wege

Die Reise zeigt, wie sich die Partnerschaft verändert: Gemeindepartnerschaften bleiben ihr Herzstück. Daneben entstehen neue Formen: die Schulpartnerschaft zwischen Huancayo und Offenburg, die Zusammenarbeit der Caritasverbände und das gemeinsame Engagement für Menschenwürde, Menschenrechte und die Bewahrung der Schöpfung in einer zunehmend globalisierten Welt, in der die großen Fragen und Herausforderungen nur gemeinsam bearbeitet werden können.
 
Die Erzdiözese Freiburg unterzeichnet dazu während der Reise eine Verpflichtungserklärung mit vier peruanischen Ortskirchen. Sie greift Fragen auf, die beide Seiten betreffen: Rohstoffabbau, verschmutztes Wasser, bedrohte Lebensgrundlagen und die Rechte indigener Gemeinschaften, aber auch Konsum und wirtschaftliche Verantwortung in Deutschland. Kirche muss sich dem stellen und Partei ergreifen, insbesondere für Arme, Bedrängte und Marginalisierte, wird unterstrichen. Dazu gehöre auch, politisch zu werden und Einsatz zu zeigen für alle Menschen jenseits ihrer Religionszugehörigkeit, für das gemeinsame Haus und zukünftige Generationen.
 
Eine solche Partnerschaft braucht Menschen, die Beziehungen pflegen und neue Kontakte möglich machen: Die Hauptabteilung 5 – Weltkirche, Ökumene und Weltanschauungen – des Erzbischöflichen Ordinariats Freiburg bereitet die Delegationsreise gemeinsam mit der Peru-Kommission und den Partnerinnen und Partnern vor Ort vor. Als Peru-Referentin hält Simone Valenzuela viele dieser Fäden zusammen. Sie koordiniert das umfangreiche Programm, stimmt sich mit den Beteiligten in Peru ab und begleitet eine Partnerschaft, die von sehr unterschiedlichen Gruppen und Initiativen lebt.
 
Während der Jubiläumsfeiern wird auch ein personeller Übergang sichtbar. Jürgen Huber, der die Partnerschaftsarbeit in Peru über viele Jahre prägte, übergibt einen symbolischen Staffelstab an Tiberio Szeles. Ein neuer Abschnitt beginnt. Die Arbeit der vergangenen Jahrzehnte bleibt dabei das Fundament.
 
Bischof Jorge Enrique Izaguirre, der die Partnerschaft auf der lateinamerikanischen Seite koordiniert, dankte den Freiburgern für die „ganz besondere Verbindung, die uns vereint und die uns auch weiter mit Kreativität und Enthusiasmus verbinden wird“. Es seien 40 Jahre, in denen der Glaube miteinander geteilt werde, die Ideale und auch die christlichen Werte. Der Erzbischof bedankte sich für das gemeinsame Zeugnis – in Lima, in der Erzdiözese Freiburg und in ganz Deutschland.   
 
(Dorothée Kissel)