SWR 4 Sonntagsgedanken mit Anna Niem aus St. Peter

28.06.2026 | Verletzungen machen schön.

Ich stöbere manchmal gerne auf Wühltischen, wo kleine Schmuckstücke oder Accessoires angeboten werden. Oft suche ich lange, bis ich das Richtige gefunden habe. Es soll ganz ohne Kratzer und Fehler sein, eben einfach schön!
 
Aber was ist eigentlich „schön“? Werbeclips gaukeln mir oft vor, was gesellschaftlich angeblich gerade schön und angesagt ist: junge Gesichter, durchtrainierte Körper, stylische Kücheneinrichtungen… Wenn ich am Wühltisch nach dem perfekten Stück suche, dann habe ich anscheinend solche Schönheitsideale im Hinterkopf.
Eine liebe Bekannte hat mir dagegen neulich erzählt, dass sie es ganz anders macht. Sie sucht extra nach dem Teil, das einen kleinen Fehler oder eine winzige Unregelmäßigkeit hat. Etwas, das es unverwechselbar und besonders macht. Toller Gedanke eigentlich!
 
Die japanische Technik des Kintsugi setzt genau an dieser Stelle an: Kintsugi ist eine bestimmte Art, zerbrochene Keramikgegenstände zu reparieren. Die Scherben werden kunstvoll wieder zusammengeklebt. Dabei werden die geklebten Stellen nicht kaschiert. Im Gegenteil: Die Risse werden vergoldet und dadurch strahlend sichtbar. Wenn man sich diese reparierten Sachen anschaut, kann man richtig sehen, wie unvollkommene und zerbrochene Stellen einem Gegenstand eine neue unnachahmliche Schönheit verleihen.
 
Und was macht Schönheit bei uns Menschen eigentlich aus? Ich erinnere mich an eine Fotoausstellung, die ich einmal gesehen habe: viele, viele Portraits, und ausschließlich Gesichter alter Menschen. Jede Runzel, jedes Fältchen war da zu sehen. Und das gewollt – ohne Anti-Aging-Creme oder sonstiges Makeup. Diese Ausstellung hat nicht dem Schönheitsideal heutiger Werbung entsprochen. Aus den Gesichtern der Ausstellung hat eine ganz andere Art von Schönheit geleuchtet, eine tiefe, innere Schönheit. Udo Jürgens hat mal getextet: “Und willst du alles hören, was aus meiner Seele spricht, dann brauchst du nicht zu fragen, schau in mein Gesicht.” Gesichter alter Menschen sind nicht auf den ersten Blick schön, sondern spiegeln eine Seele wider, die ein langes Leben durchlebt und in vielem auch durchlitten hat.
 
Jeder Schmerz, jede Verletzlichkeit, alles, womit mich das Leben enttäuscht hat, wo ich durch Krisen gehe, schreibt sich in mein Gesicht ein. Natürlich auch das, was mich freut, worauf ich hoffe, worüber ich lache, … Aber es ist und bleibt alles da in einem ungeschminkten Gesicht, auch das, was wir am liebsten verstecken.
 
Im japanischen Kintsugi werden Risse zerbrochener Gefäße nicht versteckt, sondern vergoldet, sodass sie auf ganz neue Weise schön werden. So kann ich auch in meinem Leben den Blick einmal bewusst auf das lenken, was mich verletzlich macht, wo ich Niederlagen und Krisen erlebt habe. Und mir Zeit nehmen, liebevoll damit zu arbeiten. Als junge Erwachsene hatte ich eine tiefe Krise. Damals hat mir jemand empfohlen, mal mit einer Therapeutin darauf zu schauen. Das habe ich weit von mir geschoben. Ich habe lieber vor anderen versteckt, was mir das Leben so schwer macht. Irgendwann viel später hat mich das wieder eingeholt, und ich habe dann doch therapeutische Hilfe in Anspruch genommen. Ganz im Geheimen, niemand durfte davon wissen.
 
Inzwischen sehe ich das anders: Ich habe gemerkt, wie sehr mir das, was ich in der Krise erfahren habe, und die innere Arbeit damit geholfen hat. Nicht nur, dass es mir besser geht, sondern auch meine Arbeit als Seelsorgerin hat ganz viel gewonnen an Tiefe und Erfahrung, die wiederum anderen Menschen zugutekommen. Ich verstecke mich nicht mehr damit. Denn meine verletzten Stellen haben mich zu der gemacht, die ich heute bin. Und so sehe ich manchmal gerade den Schmerz anderer Menschen aus ihnen herausleuchten, ähnlich wie die goldverzierten Risse in den japanischen Gefäßen.
 
Innere Größe, die aus Verletzungen entsteht, begegnet mir auch in der Bibel. Jesus Christus wird nicht als ein unverletzlicher Superheld dargestellt. Er weicht dem Schmerz dieser Welt nicht aus, lässt sich verletzen und sogar ans Kreuz nageln. Und findet so in ein neues Leben. Als er auferstanden ist und seinen Jüngern wiederbegegnet, ist er ganz neu und verändert, aber seine Wunden sind noch sichtbar, sie leuchten auffällig aus ihm heraus. In den biblischen Geschichten wendet sich Jesus immer wieder bewusst den Menschen zu, die krank sind, die leiden oder ausgeschlossen werden. Und er steckt sie mit seiner Gesundheit und seiner inneren Schönheit an, sodass sie am Ende gesünder und gereifter sind als vorher. „Du, Gott, bist unsere Schönheit und Stärke“, heißt es in einem Psalm.
 
So will ich meinen Schmerz und meine Verletzlichkeit nicht verstecken, sondern Zeit investieren und sie Gott hinhalten, dass sie heilen dürfen. Sodass meine größten Schwächen mit der Zeit zu meinen größten Stärken werden können. – Und ich glaube, wenn ich das nächste Mal an einem Wühltisch stehe, suche ich mir bewusst das Teil mit dem schönsten Fehler aus…
 
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