„Wie können wir Schwestern Brückenbauerinnen des Friedens in der Welt sein?“ Und: „Wie können wir die Botschaft der Liebe zur Schöpfung verkünden, wie dies vor über 800 Jahren der Heilige Franziskus getan hat?“ Mit diesen Fragen haben sich die Franziskanerinnen der internationalen Kongregation „School Sisters of St. Francis“ im Kloster Erlenbad in Obersasbach während ihres Generalkapitels befasst. Und diese Fragen werden sie sich laut Deborah Fumagalli aus Milwaukee/USA in den nächsten Jahren in ihren Niederlassungen auf vier Kontinenten stellen, wie die Generaloberin zum Abschluss des ersten Generalkapitels seit 150 Jahren in Deutschland sagte.
Zum Auftakt und Abschluss des vierzehntägigen Kapitels mit dem Leitthema „Vom Geist entflammt, bringen wir Frieden in die Welt“ feierten die knapp 40 Schwestern Gottesdienste im Kloster Erlenbad in Obersasbach mit Domkapitular Peter Kohl und zum Abschluss auch mit Spiritual Werner Bauer. Das Generalkapitel repräsentiert insgesamt rund 500 Schwestern, die weltweit tätig sind. Mit der Wahl Obersasbachs als Ort der Versammlung kehrte der franziskanische Orden zu seinen Wurzeln zurück.
„Wir haben in die Zukunft geschaut“
Die Schwestern aus Indien, Lateinamerika und den USA versammelten sich dabei am Grab ihrer Gründerin, Mutter Alexia (Franziska Höll) aus Bühlertal, legten Rosen nieder und beteten in ihren jeweiligen Sprachen. Alexia hatte 1874 im fernen New Cassel/Wisconsin (USA) den Grundstein für eine internationale Kongregation gelegt, indem sie die School Sisters of St. Francis gründete.
Zwischen dem Anfangs- und Schluss-Gottesdiensten tagte das Generalkapitel aus Platzgründen in Bad Herrenalb. „Wir bringen aus Amerika das Charisma der Gründerinnen mit, die mit viel Gottvertrauen auswanderten, sich um Menschen kümmerten und Kindern Bildung ermöglichten“, sagte Schwester Deborah Fumagalli am Rande des Treffens. Sie wurde erneut zur Generaloberin gewählt. Am Ende des Kapitels resümierte sie: „Wir haben in unsere Zukunft geschaut.“ Sie und ihre Mitschwestern sähen die Zeichen der Zeit und wüssten, dass es Glaube und Kirche derzeit nicht einfach hätten, und auch der Nachwuchs in den Klöstern größtenteils ausbleibe. „Wir wünschen uns gerne junge Frauen, die zu uns kommen“, sagte Schwester Deborah.
Franziskanische Spiritualität für die Welt
Die alte und neue Oberin berichtete nach dem Konvent von neuen Leitlinien, die die Schwestern erarbeitet haben. Sie sollen Orientierung bieten in den Missionsstationen im Sinne des Heiligen Franziskus, dessen Todestag sich dieses Jahr am 3. Oktober zum 800sten Mal jährt: mit den Themen Frieden, Gerechtigkeit, Menschenwürde und Bewahrung der Schöpfung. Diese Leitlinien würden vor Ort weiter beraten und umgesetzt. Für sie selbst sei die Frage wichtig, wie die Schwestern durch ihre tägliche Arbeit und die franziskanische Spiritualität Frieden in die Welt bringen und dafür sorgen können, dass Menschen gut miteinander zusammenleben.
„Die Würde jedes Menschen muss gewahrt werden und die sozialen, gesellschaftlichen und politischen Systeme müssen so gestaltet werden, dass sie die Menschlichkeit unterstützen.“ Wie Franziskus es vorlebte, so hätten die Schwestern auch weiterhin den Auftrag, sich um die Bewahrung der Schöpfung zu kümmern und den Menschen auch die Liebe zur Schöpfung zu vermitteln.
Neuanfang im Haus „Portiunkula“
Wie aber steht es um das Mutterhaus in Erlenbad heute – 150 Jahre nachdem Schwester Alexia nach Amerika auswanderte? Die Franziskanerinnen von Erlenbad verkauften vor einigen Jahren ihr 100 Jahre altes Klosterhaus und errichteten 2022 in der Nähe ein „Kleines Kloster“. Diesem gaben sie den Namen „Portiunkula“ – „kleiner Flecken Land“ –, in Anlehnung an die Kapelle bei Assisi, von der aus der Franziskaner-Orden seinen Anfang nahm und in der der heilige Franziskus starb.
Obwohl der Verlust ihres bisherigen Klostergebäudes mit seiner wunderschönen Kirche schmerzt, geht es für die Franziskanerinnen von Erlenbad dem Bekunden nach hoffnungsvoll weiter. „Wir hier sind die Mutterprovinz von allen, wir müssen unsere Wurzeln stärken und hoffen auf neue Früchte“, sagt die Leiterin der Europäischen Region, Schwester Erna-Maria Zimmerer, die mit Schwester Anna-Maria Weinmann das Kapitel vorbereitet hatte. Die vergangenen Jahre der Neuorientierung in Obersasbach hätten viele Kräfte gebunden, doch nun gehe der Blick der Erlenbader Schwestern als Teil der neuen Kirchengemeinde Acher-Renchtal nach vorne. „Ich würde gerne wie früher in unserem Haus Hochfelden Angebote der franziskanischen Spiritualität machen“, so Schwester Erna-Maria.
Mit 70 Dollar und wenig Gepäck nach Amerika
Im Generalkapitel wurde die enge Verbundenheit mit jener Franziska Höll deutlich, die sich als Franziskanerin Alexia nannte, sich um Waisenkinder kümmerte – und deren Begeisterung harte Prüfungen bestehen musste. Denn während des Kulturkampfes übte der Staat Druck auf die Kirche aus. So wurde die Existenz ihres Waisenhauses in Schwarzach in der Nähe von Bühlertal in Frage gestellt, und der Badische Landtag beschloss am 2. April 1872 ein Gesetz, das den Mitgliedern von Orden die Lehrtätigkeit in Schulen und Heimen untersagte.
Davon waren auch die anfänglich drei Schwestern betroffen, obwohl sie die staatliche Lehrerinnenprüfung abgelegt hatten. Um das Heim zu erhalten, hätte es nur einen Ausweg gegeben: Die Schwestern hätten sich von ihren Gelübden dispensieren lassen und ihre Lehrtätigkeit als Laien fortführen müssen. Doch die Schwestern Alexia (Franziska Höll), Alfons (Paulina Schmid) und Clara (Helene Seiter) beschlossen, sich dem Staat nicht zu beugen. Zu viel Herzblut steckte in ihrem Bemühen, sich um die vielen Kinder zu kümmern, die ohne das Waisenhaus eine elende Zukunft gehabt hätten. Die Franziskanerinnen legten ihre Ordenskleider nicht ab, sondern wanderten stattdessen mit 70 Dollar, wenig Gepäck und viel Gottvertrauen nach Amerika aus. Hier startete Mutter Alexia den Neuanfang und gründete 1874 ihre School Sisters of St. Francis.
Von Deutschland nach Indien und weiter nach Afrika
Mutter Alexia blieb auch in der alten Heimat nicht untätig. 1895 richtete sie das europäische Mutterhaus im Sanatorium Erlenbad und im Marienheim in Obersasbach ein. Bereits 1936 gingen Erlenbaderinnen als Missionarinnen nach Indien, während in den 1960er Jahren Schwestern aus Indien nach Obersasbach kamen. Hier wurden sie zu Krankenschwestern, Hebammen oder Erzieherinnen ausgebildet, kehrten in ihre Heimat zurück und gründeten Stationen mit Dorfarbeit, Krankenpflege und Schulen. Diese hatten einen so großen Zulauf, dass es heute zwei Provinzen mit mehr als 200 Schwestern und 40 interessierten Frauen gibt.
Von der indischen Südprovinz gingen Schwestern nach Tansania. „Es war immer der Traum von Mutter Alexia, eine Mission in Afrika zu gründen“, so Ponthakkan Rosebell, Oberin der südindischen Provinz. „Wir haben dort vier Stationen, 20 afrikanische Frauen in der Ausbildung und fünf Schwestern mit Gelübde.“ Da in Tansania noch keine Einnahmen erzielt werden, würde die Arbeit durch indische Schwestern finanziert, die in Deutschland arbeiten. „Deshalb bin ich mit großer Dankbarkeit hier im Kloster Erlenbad bei Mutter Alexia und ihrer Vision von einer weltweiten Gemeinschaft, von Frieden und Nächstenliebe“, sagte sie während des Generalkapitels an deren Grab.
(Roland Spether, Sasbach)









