Rückschau auf die Tagung "Aufarbeitung, Aufbau und Aufbruch"
14.11.2025 |
Für die Tagung vom 6. bis 8. November kamen Expertinnen und Experten sowie Interessierte aus verschiedenen Bistümern zusammen. Die Veranstalter luden Fachkundige aus Geschichtswissenschaft und Theologie ein, um fünf Themenschwerpunkte in vergleichender Perspektive zu beleuchten. Das Format war bereits 2021 anlässlich der Jubiläumstagung zur Oberrheinischen Kirchenprovinz (1821-2021) gewinnbringend umgesetzt worden. Das diesjährige Treffen nahm sich die Zeitspanne zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Beginn des Zweiten Vatikanischen Konzils vor. Ging man mit der Haltung hinein, dass zum Wiederaufbau doch bestimmt schon alles gesagt wurde, wurde man eines Besseren belehrt.
In seinem Einführungsvortrag bot Prof. Dr. Florian Bock ein Panorama über die langen 1950er Jahre und schickte einige Beobachtungen zu den Schwerpunktthemen der Tagung voraus. Der Zeitraum könne als ‚Sattelzeit‘ verstanden werden, in der viele Phänomene parallel auftraten, gefolgt von einer doch greifbaren Polemisierung innerhalb des katholischen Milieus der 1960er Jahre.
Sektion „Aufarbeitung NS und Besatzungszeit“
Zunächst wurden die turbulenten Nachkriegsjahre in den Blick genommen. Festzustellen war, dass eine Aufarbeitung der Diktatur und der Kriegsgeschehen nicht stattfand. Das zeigte sich nicht zuletzt an der teils kritischen Haltung gegenüber der Entnazifizierung sowie an der Ausstellung von Entlastungsschreiben (sog. Persilscheine). Die meisten Bistumsleitungen bemühten sich um ein gutes Auskommen mit den Besatzungsmächten, weil sie nur so ihre Aufgaben der 'Rechristianisierung' des katholischen Milieus wahrnehmen und den gesellschaftlichen Führungsanspruch laut eigenem Selbstverständnis realisieren konnten. Für die seelsorgerische Betreuung der „displaced persons“ (Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene, Vertriebene) wurde vor Ort nach pragmatischen Lösungen gesucht, ebenso für die materielle Versorgung der Zivilbevölkerung.
Sektion "Konfessionsschulen und Schulstreit"
Auf dem Gebiet der Schulformen beschrieben alle Beiträge, wie sehr die Kirchenleitungen um die Gleichstellung der Bekenntnisschulen (oder Konfessionsschulen) mit den staatlichen Volksschulen bemüht waren. Mit Einwirkung auf die Erziehungsberechtigten warben sie für die Entscheidung für konfessionelle Einrichtungen. Interessant war außerdem, dass sich Gemeinschaftsschulen (oder Simultanschulen) dort durchsetzen konnten, in denen sie bereits vorher etabliert waren. Die Thematik veranschaulicht die politische Dimension der Kirche in der Nachkriegszeit, ging es hier doch um die Durchsetzung vergangener Übereinkünfte zwischen Staat und Kirche.
Sektion "Caritas"
In der folgenden Sektion wurden Schlaglichter auf das Handeln zentraler Akteure geworfen, die sich am Aufbau der Caritas in den jeweiligen Bistümern beteiligt hatten. Nach Kriegsende konnte vielerorts auf ältere Strukturen zurückgegriffen werden. Die Einrichtungen der Caritas erwiesen sich bei der Unterstützung von Hilfsbedürftigen als leistungsfähig und innovativ. Fast überall entstanden Verteilungsstätten für Kleidungs- und Nahrungsmittelspenden, Beratungseinrichtungen, Alten- und Pflegeheime, Krankenhäuser sowie Wohnungen - teilweise mit Beteiligung von Ordensgemeinschaften. Beeindruckend war in der Zusammenschau die Bandbreite des karitativen Angebots, das in den 1960er Jahren noch um die Förderung der Ökumene, Hilfe für Suchterkrankte und internationale Zusammenarbeit erweitert werden konnte.
Sektionen "Laienkatholizismus" und "Bewegungen"
Die beiden letzten Sektionen widmeten sich verschiedenen Formen des Engagements von Laien. Auch hier waren die Betätigungsfelder und Entwicklungen so vielfältig, dass sie sich nur schwer resümieren lassen. Beispielhaft wurden die Erneuerungsbestrebungen in den Bereichen Liturgie, Bibel sowie Ökumene, pädagogische Ansätze in der Jugendarbeit, Friedensbewegungen wie Pax Christi und die Katholische Aktion besprochen. Die in den Vorträgen genannten Verbände, Vereine, Jugend- und Interessensgruppen bildeten Strömungen, die unmittelbar in der Praxis wirkten und Veränderungen ‚von unten‘ anstießen. Sie konnten sich mehr oder weniger in einem Umfeld durchsetzen, das noch von Klerikalismus sowie der programmatischen Rechristianisierung unter bischöflicher Leitung geprägt war. Zahlreiche Geistliche trugen die Reformanstöße mit, noch bevor sie in Teilen auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil aufgegriffen und festgeschrieben wurden.
Resümee und Ausblicke
Den Schlusskommentar leitete Professorin Dr. Daniela Blum mit den Ergebnissen aus den Vorträgen und einigen Feststellungen aus den Diskussionsbeiträgen ein. Sie lenkte den Blick insbesondere auf die Ambivalenz (‚Janusköpfigkeit‘) der betrachteten Zeitspanne sowie ihre Schattierungen, denn die 1950er Jahre zeichneten sich durch eine beachtliche Pluralität der Denkrichtungen, Bemühungen und Handlungen aus.
Außerdem benannte Frau Blum einige Leerstellen, welche einem mangelnden Forschungsinteresse in der Vergangenheit und der Aktenlage in den Archiven geschuldet sind. Zu nennen wäre hier zuvorderst die Rolle der Frauen, deren Verdienst in der Nachkriegszeit nicht genug gewürdigt wurde und zu denen ohnehin wenig Schriftgut vorliegt. Ebenso wäre eine tiefere Auseinandersetzung mit der Thematik der Kirchenbauten spannend oder auch die Perspektive der zahlreichen Ordensgemeinschaften.
Weitere lohnenswerte Anschlussfragen kamen in der Diskussionsrunde hinzu, beispielsweise die in manchen Vorträgen benannten Reformanregungen und Impulse zur Zusammenarbeit aus Frankreich beziehungsweise in den französischen Zonen. Die stärkere Berücksichtigung der Räume (Bistumsgrenzen, Besatzungszonen innerhalb der Bistümer, Ländergrenzen, internationale Zusammenarbeit, Rom), begriffliche Schärfungen ('Sattelzeit', 'Spannungsfeld') oder die Verbindungen zwischen Kirche und Staat schienen ebenfalls vielversprechend für neue Erkenntnisse zur Nachkriegszeit.
Zum Gelingen der Tagung trugen zum einen die Referentinnen und Referenten bei, zum anderen der Zuschnitt der Sektionen mit der dezidiert vergleichenden Perspektive. Auf diese Weise war es in den Diskussionsrunden möglich, Beobachtungen aus verschiedenen Bistümern zu sammeln, Gemeinsamkeiten wie Unterschiede festzustellen und Anknüpfungspunkte für weitere Forschungsfragen zu formulieren.
Wer sich ermutigt fühlt, nach weiterem Quellenmaterial zu suchen und tiefer in ein Themenfeld einzutauchen, darf sich gerne auf eine Entdeckungsreise ins EAF begeben.
Sarah Mammola
Kurzinfos zur Tagung
- Veranstalter: Katholische Akademie, Kirchengeschichtlicher Verein für das Erzbistum Freiburg, Geschichtsverein der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Gesellschaft für Mittelrheinische Kirchengeschichte
- Veranstaltungsort: Erzbischöfliches Priesterseminar Collegium Borromaeum in Freiburg
- Themenschwerpunkt: Katholizismus im Südwesten Deutschlands zwischen dem Ende des Nationalsozialismus und dem Beginn des Zweiten Vatikanischen Konzils
- Sektionen: (1) Aufarbeitung NS und Besatzungszeit, (2) Konfessionsschulen und Schulstreit, (3) Caritas, (4) Laienkatholizismus, (5) Bewegungen
- Betrachtete Bistümer: Freiburg, Fulda, Limburg, Mainz, Rottenburg-Stuttgart, Speyer, Trier
