Insektenparadiese auf kirchlichem Boden - Blütenmeere statt Grünflächen

Das Hundertfüßer-Projekt „Schmetterlingsgarten und Blumenwiese“ in der Seelsorgeeinheit Ostrachtal

"Schöpfungsgärten" im weiteren Sinne des Wortes sind ein beliebtes Projekt im Hundertfüßer-Programm. Ein Beispiel, wie man es machen kann, gibt die Seelsorgeeinheit Ostrachtal mit Ihrem "Blütenmeer".

Es ist ein sonniger Vormittag im September. Um die katholische Pfarrkirche St. Luzia in Ostrach-Levertsweiler summt es zwischen bunten Blüten, während vier Männer die Köpfe zusammenstecken und die vielen verschiedenen Pflanzen begutachten.
 
Purpur-Sonnenhut, eine der Pflanzen auf der Blumenwiese
Es geht auf den Herbst zu, noch leuchten zahlreiche Blüten in ihren prächtigen Farben und Formen: Der violette Schmetterlingsflieder, Buddleja davidii , lockt mit seinem Duft besonders viele Insekten an. Aber auch am Schwarzen Holunder, Sambucus nigra, tummeln sich Schmetterlinge und verschiedene Bienenarten. Thymian und Wiesensalbei, Thymus vulgaris und Salviapratensis, verbreiten einen für Mensch und Tier angenehmen Geruch.
 
Allerdings sind auch viele gelbe Farbtupfen zu sehen, die zwar hübsch, aber eigentlich unerwünscht sind: Raps ist eine der Pflanzen, die sich neben anderen „Beikräutern“ selbst auf der Kirchwiese ausgesät haben. „Da müssen wir vielleicht an manchen Stellen nochmal fräsen und neu einsäen“, sagt Armin Weiß und zuckt gelassen mit den Schultern. Er ist Mesner in St. Luzia und hat – damals aus ganz pragmatischen Gründen - den ersten Anstoß für das Anlegen der Blühfläche gegeben. Denn das Gelände vor der Kirche ist stark abschüssig, das regelmäßige Mähen der früheren Wiese war mühsam und auf lange Sicht nicht zu bewerkstelligen. „Es war klar, da muss eine andere Lösung her“, erinnert sich Anton Meßmer, Verwaltungsbeauftragter für die katholischen Kirchengemeinden Ostrachtal, Wald und Deggenhausertal.
 
Armin Weiß, Mesner in St. Luzia, beim Unkraut jäten
Die Idee für eine insektenfreundliche Lösung entstand im Kontakt zu Klaus Reichle. Er ist pensionierter Lehrer und engagiert sich schon seit Jahren beim örtlichen NABU dafür, dass Grünflächen in Siedlungsräumen zu Blühflächen aufgewertet werden. Dank ihm ist diese einfache Maßnahme zur Biodiversitätsförderung schon auf dem Gelände von Kindergärten, Schulen und anderen Einrichtungen umgesetzt worden. „Die bunten Blumen sehen nicht nur schön aus“, erklärt er, „sondern sie bieten eben auch Nahrung für Insekten. Und diese Projekte fördern in unserer Gemeinde insgesamt das Bewusstsein für Artenschutz und Biodiversität“.
 
Viel Überredungskünste brauchte es bei diesen Argumenten nicht, um auch die Kirchengemeinde davon zu überzeugen, auf der Kirchwiese ein Insektenparadies anzulegen. Es stand allerdings noch die Frage nach der Finanzierung im Raum. In einem Newsletter hatte Anton Meßmer einmal vom Hundertfüßer-Programm der „Diözesanstelle für Schöpfung und Umwelt“ gelesen. „Das war genau das, was wir gebraucht haben: schnell und unkompliziert“, erinnert er sich. Und so konnte es zeitnah an die Umsetzung gehen.
 
Die Kirche St. Luzia in Levertsweiler
An dieser Stelle kam der vierte Mann ins Boot, der mit den anderen dreien an diesem Septembermorgen in der Blumenwiese steht: Markus Bronner. Klaus Reichle stellt den Kontakt her, die beiden kennen sich von den anderen Projekten im Ort. Bronner ist Gartenbauer aus Leidenschaft, das spürt man sofort. Herrschaftliche Gärten mehrerer Schlösser in Baden-Württemberg tragen seine Handschrift. Und doch liegen ihm gerade kleine Projekte wie die Kirchwiese in Ostrach besonders am Herzen. „Die Kunst ist doch, aus wenig was zu machen“, lacht er. „Und außerdem schätze ich jede Oma, die mir in der Freude über die Blütenpracht ein Lächeln schenkt.“
 
Bei der Planung der Bepflanzung spielten viele Aspekte eine Rolle. Es sollten keine Herbizide eingesetzt werden, stattdessen wurde gefräst und gesiebter Humus ausgebracht. Für die Blumenwiese wurde eine regionale Mischung ausgewählt, hinzu kamen etwa 500 Stauden und 15 bis 20 Büsche.
 
Die Witterung im ersten Standjahr 2022 war für die Blühfläche vor St. Luzia allerdings eine Herausforderung. Der Sommer war heiß und trocken, immer wieder musste Mesner Weiß künstlich bewässern. Dafür fällt das lästige Mähen weg, die Blumenwiese muss lediglich zweimal jährlich geschnitten werden. Insgesamt, erklärt Gartenbauer Bronner, kämen die Stauden und Blumen besser mit der Trockenheit zurecht als Gras. Aber es brauche eben etwas Geduld, bis der Boden durch die ausgesäten Arten vollständig bedeckt sei, so dass Unkräuter und die Verdunstung deutlich verringert würden.
 
Auch eine Blumenwiese braucht regelmäßige Pflege. Aber bitte nicht zu häufig.
„Für die Förderung von Artenschutz und Artenvielfalt ist das natürlich ein kleiner Tropfen auf den heißen Stein“, betont NABU -Mitglied Klaus Reichle. Viele Tropfen müssten noch dazu kommen, um eine Bewegung in Fluss zu bringen. Insgesamt sind allein in Ostrach schon über 10.000 Quadratmeter Fläche mit „Insektenfutter“ eingesät und bepflanzt worden. Und Dank Anton Meßmer macht die Idee auch über den Ort hinaus Schule: Bereits vier weitere Blühflächen mit Schmetterlingsgärten sind in Planung, bei den Kirchengemeinden im Umkreis, für die er als Verwaltungsbeauftragter zuständig ist.
 
So verabschieden sich die Herren Weiß, Meßmer, Reichle und Bronner an diesem Vormittag durchaus zufrieden über ihr Gemeinschaftswerk, auch wenn noch viel zu tun ist. In einem sind sie sich einig: Blütenmeer statt grüne Wiese, das ist der richtige Ansatz für eine Zukunft mit weniger Pflegeaufwand und mehr Artenvielfalt auf der Kirchwiese.
 
von Juliane Langer