Giovanni Maria Graf von Mastai-Ferretti wurde am 13. Mai 1792 in Senigallia (an der Adria nördlich von Ancona) geboren. 1802 nahm er ein Studium am Piaristenkolleg in Volterra auf, das er 1809 abschloss. Die nächsten Jahre verbrachte er wieder im Elternhaus und laborierte an einer epileptischen Erkrankung, die zwar abheilte, ihm jedoch eine zeitlebens große Erregbarkeit hinterließ. 1814 ging er nach Rom und wurde 1819 zum Priester geweiht. 1823–25 verbrachte er als Auditor mit einer päpstlichen Gesandtschaft in Chile. 1827 erhob man ihn zum Erzbischof von Spoleto, 1832 zum Bischof von Imola und 1840 zum Kardinal. Nach dem Tod von Papst Gregor XVI. (2. Februar 1831 bis 1. Juni 1846) wurde er am 16. Juni 1831 als Pius IX. dessen Nachfolger.
Wegen einiger Zugeständnisse, vor allem in der Verwaltung des Kirchenstaates, und seiner Sympathie für die nationale Einigungsbewegung Italiens war Pius IX. zunächst sehr populär, doch der Mythos vom liberalen Papst verging rasch: Pius weigerte sich, den Kirchenstaat in einen konstitutionellen Staat umzuwandeln und die italienischen Interessen im Krieg gegen Österreich zu unterstützen. Die wirtschaftliche Krise des Kirchenstaates und Pius’ Unfähigkeit, die anstehenden Probleme zu lösen, zwangen ihn, während der Revolution im November 1848 nach Gaeta zu fliehen. In Rom wurde unter großem Jubel die Republik ausgerufen. Unterstützt von mehreren restaurativen europäischen Mächten, kehrte Pius im April 1850 nach Rom zurück und stellte mit seinem Kardinal-Staatssekretär Antonelli und der Hilfe französischer Truppen das verhasste Polizeiregime wieder her. Im selben Jahr ließ Pius das Judengetto in Rom wieder errichten, verweigerte Juden den Zugang zu den meisten Berufen und setzte den Talmud auf die Liste der verbotenen Bücher. Der italienische Minister Graf Cavour konnte die allgemeine Empörung für eine nationale Einigung nutzen. Nach einem Volksentscheid 1860 gingen die Romagna, die Marken und Umbrien an Italien, der Kirchenstaat besaß damit nur noch Rom und Umgebung. Als während des deutsch-französischen Krieges die Hilfstruppen abgezogen wurden, besetzten die nationalen Italiener am 20. September 1870 Rom und lösten den Kirchenstaat auf. Rom wurde Hauptstadt des nunmehr völlig geeinten Königreichs Italien unter Viktor Emmanuell II. Pius lehnte das Garantiegesetz ab und betrachtete sich fortan als »Gefangener im Vatikan«.
Innerkirchlich baute Pius IX. die Hierarchie stetig weiter aus, förderte die Zentralisierung, stärkte die Neuscholastik in der Theologie und lehnte moderne Ideen strikt ab. 1864 erschien seine Aufsehen erregende Enzyklika »Quanta cura«, in der er 80 »hauptsächliche Irtümer unserer Zeit« wie Pantheismus, Nationalismus, Rationalismus, Liberalismus, Demokratie, Presse- und Gewissensfreiheit verdammte. Die katholische Kirche geriet so in wachsende Isolation. Dafür entfalteten sich die Marienfrömmigkeit (Dogma der Freiheit Mariens von der Erbsünde 1854) und die Verherrlichung der Person des Papstes in bislang nicht gekannter Weise. Anlässlich des Ersten Vatikanischen Konzils 1869/70 zementierte Pius seine »Neuerungen«, etwa den Primat mit Einschluss der lehramtlichen Unfehlbarkeit des Papstes in Glaubens- und Sittenfragen ohne beratende Unterstützung durch Synoden oder Konzile.
Am 7. Februar 1878 verschied Pius IX. nach dem längsten Pontifikat der Kirchengeschichte. Sein Nachfolger wurde Leo XIII. (20. Februar 1878 bis 20. Juli 1903).
Schon kurz nach dem Tod von Pius IX. betrieb man seine Heiligsprechung. Der Prozess wurde 1907 unter Pius X. (Heiliger) eröffnet, unter Pius XI. 1922 jedoch »per insufficienza della documentazione« eingestellt. 1954 rollte ihn Pius XII. erneut auf, 1985 erging die Anerkennung des heroischen Tugendgrads, und am 3. September 2000 sprach Johannes Paul II. ihn selig.
Die Reaktionen darauf waren gespalten: Konservative Kreise begrüßten die Seligsprechung. Jüdische Organisationen sprachen von einem Affront und warfen Pius IX. Antisemitismus vor. Die evangelischen und orthodoxen Kirchen beklagten den »Rückschritt für die Ökumene«, und das einstimmige Votum der deutschsprachigen katholischen Kirchenhistoriker besagte, diese Seligsprechung sei aufgrund der doch »erheblichen menschlichen Schwächen« von Pius nicht vertretbar.
Darstellung: in päpstlichen Gewändern
Attribute: Tiara, Kreuzstab (mit drei Querbalken)

Quelle: Herder-Verlag