Mutter Teresa (Agnes Gonxha Bojaxhiu)

Namenstage: Teresa

Funktion: Selige, Ordensgründerin

Gedenktag: 5. September

Agnes Gonxha Bojaxhiu kam am 27. August 1910 in Skopje, der Hauptstadt des noch bis 1913 unter der Oberhoheit der Türken stehenden Makedonien, zur Welt. Als Tochter eines zur katholischen Minderheit zählenden, aber wohlhabenden albanischen Bauunternehmers erhielt sie eine gute Schulbildung und wollte Lehrerin werden. 1928 trat sie unter dem Namen Teresa dem Orden der »Loreto Sisters« (Schwestern der heiligen Maria von Loreto) bei, der sich in erster Linie um die Erziehung von Mädchen in verschiedenen Ländern kümmerte. Ihre Novizen- und Studienjahre verbrachte sie im Mutterhaus des Ordens in der irischen Hauptstadt Dublin. Danach wurde sie nach Darjeeling (Darjiling) in Ostbengalen und schließlich nach Kalkutta geschickt, wo ihr die Leitung einer Missionsschule für »höhere Töchter« übertragen wurde. Als ihr in der brodelnden Millionenstadt das ganze Ausmaß des Elends der Mittellosen bewusst wurde, entschloss sie sich 1946, ihr Leben von Grund auf zu ändern und sich künftig nur noch den Ärmsten der Armen – egal welchen Glaubens – zu widmen. Sie ließ sich in der Krankenpflege ausbilden, trat aus dem Loreto-Orden aus, nahm die indische Staatsbürgerschaft an und siedelte in ein Elendsviertel Kalkuttas über, wo sie sich zusammen mit einigen ehemaligen Schülerinnen um Kranke und Sterbende sowie um ausgesetzte Säuglinge und Waisen des pakistanisch-indischen Kriegs kümmerte. 1948 gründete sie mit Unterstützung des Erzbischofs von Kalkutta (nach anfänglichem Widerstand von Papst Pius XII.) die Kongregation der »Missionaries of Charity«. Die obersten Regeln der Ordensschwestern sind, in Armut zu leben, niemals für Geld oder für Reiche zu arbeiten und die christliche Nächstenliebe mit ihrem Beispiel und Wirken zu verbreiten. Die Bekehrung wird Gottes Willen überlassen, ebenso jede moralische Wertung über Sterbende, Notleidende und sich selbst überlassene Kinder. Niemand wird bevormundet, sondern die Nonnen arbeiten als Gleiche unter Gleichen. Die Tracht der »Missionarinnen der Nächstenliebe« – ein schlichter weißer, mit blauen Streifen eingefasster Baumwoll-Sari – entspricht der Kleidung der untersten Hindu-Kaste, womit die Verbundenheit mit den »Unberührbaren« (Parias), den Rechtlosen und Unterdrückten, zum Ausdruck gebracht wird. Mutter Teresa war der Ansicht, dass die schlimmste Krankheit nicht die Lepra oder die Tuberkulose ist, sondern das Gefühl, von niemandem angesehen zu werden, ungeliebt und verlassen von jedermann zu sein. Einer ihrer Grundsätze lautete: »Lasse nie zu, dass du jemandem begegnest, der nicht nach der Begegnung mit dir glücklicher ist.« Oft berief sie sich auch auf das Matthäusevangelium im Neuen Testament: »Was ihr dem geringsten dieser meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.« (25, 40)
1950 eröffnete Mutter Teresa, von den Slumbewohnern längst »Engel der Armen und Sterbenden« genannt, am Stadtrand Kalkuttas eine erste Armenschule und eine kleine Krankenstation. Bis 1955 kamen weitere soziale und medizinische Einrichtungen hinzu: Ein Hospiz für Sterbende, eine Entbindungsstation, eine Tuberkuloseklinik, ein Heim für ledige Mütter sowie ein Heim für in den Straßen Kalkuttas aufgelesene Waisenkinder. Die erste Leprastation, in der für die Aussätzigen auch Arbeitsplätze geschaffen wurden, entstand 1958. Unermüdlich sammelte die zierliche Ordensfrau für ihr Lebenswerk Geld, ohne moralisch über den Spender zu urteilen, und warb um neue Mitglieder. Ab 1959 wurden die Aktivitäten des Ordens auch auf andere Städte Indiens ausgeweitet, und 1965 konnte in Caracas in Venezuela die erste Niederlassung außerhalb Indiens eingerichtet werden. Zwei Jahrzehnte nach der Gründung war der 1963 um eine Männerkongregation erweiterte Orden auf rund 1.800 aktive Mitglieder in 67 Ländern angewachsen.
1977 wurde Mutter Teresa von Paul VI. für ihre aufopferungsvolle Arbeit mit dem Friedenspreis des Papstes ausgezeichnet, der auf dessen Vorgänger Johannes XXIII. (1958–63; Seliger) zurückgeht. Zwei Jahre später erhielt sie den Balzan-Preis für Verdienste um Frieden und Brüderlichkeit unter den Nationen, und im Dezember 1979 wurde sie »für die Überwindung der Grenzen religiöser und ethnischer Unterschiede« mit dem Friedensnobelpreis geehrt. Dank der dadurch erlangten Weltberühmtheit standen ihr nun alle Türen offen, und sie reiste fortan unermüdlich, um bei den Großen dieser Welt Spendengelder zu sammeln. Obwohl Antikommunistin, nahm sie eine Einladung von Michail Gorbatschow nach Moskau ebenso an wie Einladungen der Staatsoberhäupter der westlichen Industriestaaten. Schon bald wurde das jährliche Spendenaufkommen für den Orden auf rund 100 Millionen US-Dollar geschätzt.
Mutter Teresa musste sich aber auch Kritik gefallen lassen. Man nannte sie »Managerin eines Wohltätigkeitskonzerns « und warf ihr religiösen Fundamentalismus vor, u. a. weil sie sich nicht nur gegen die Abtreibung, sondern trotz der Bevölkerungsexplosion in Indien auch gegen die Verwendung von Verhütungsmitteln aussprach und sich dadurch lediglich mit den Symptomen, nicht aber mit den Ursachen sozialer Not auseinandersetze. Die resolut auftretende Frau konterte mit der Antwort, dass der notleidende Mensch nicht darauf warten könne, dass sich die gesellschaftlichen Verhältnisse ändern. »Ich will mich zu den Ärmsten der Armen knien. Sie brauchen keine Diskussion, sondern Liebe.« 1989 musste sich Mutter Teresa einer schweren Herzoperation unterziehen, und nach neuen Herzproblemen 1991 gab sie die offizielle Leitung des Ordens mit Einverständnis des Vatikan an die 1958 vom Hinduismus zum katholischen Glauben übergetretene Schwester Nirmal ab, die Politik- und Rechtswissenschaften studiert hatte. Diese blieb jedoch stets im Hintergrund, da sie nicht über das Charisma von Mutter Teresa verfügte.
Ende 1995 erschienen unter dem Titel »A Simple Path« (Ein einfacher Weg) die Erinnerungen der inzwischen 85-jährigen Mutter Teresa, die sich trotz ihres ziemlich schlechten Gesundheitszustands nach wie vor der Pflege von Kranken und Bedürftigen widmete, weltweit in Buchform.
Am Abend des 5. September 1997, knapp drei Monate nach einer weiteren Europareise und einer Privataudienz bei Papst Johannes Paul II., erlag Mutter Teresa im Alter von 87 Jahren einem Herzinfarkt. Am nächsten Tag hätte sie in Kalkutta an einem Trauergottesdienst für die bei einem Verkehrsunfall in Paris ums Leben gekommene englische Prinzessin Diana teilnehmen wollen. Beide Frauen, die sich bei verschiedenen Anlässen getroffen hatten, einte ihr soziales Engagement.
Der Tod der von vielen bereits zu Lebzeiten als Heilige verehrten Mutter Teresa löste in der ganzen Welt Trauer aus. Papst Johannes Paul II. las in seiner Sommerresidenz Castel Gandolfo eine Messe für sie, und Indiens Regierungschef Inder Kumar Gujral ordnete für den »Apostel von Frieden und Liebe« ein Staatsbegräbnis mit allen protokollarischen Ehren an, obwohl ein solches Zeremoniell üblicherweise nur für das Staatsoberhaupt und den Ministerpräsidenten vorgesehen ist. Zunächst wurde der Leichnam in die St.-Thomas-Kirche überführt und aufgebahrt. Eine Woche lang nahmen hier Tausende von Trauernden Abschied. An der offiziellen Trauerfeier am 13. September im Netaji-Indoor-Sportstadion in Kalkutta nahmen rund 20.000 geladene Gästeteil, darunter Staatsoberhäupter und  Regierungsvertreter aus 23 Ländern. Nach dem Gottesdienst in katholischer Liturgie und einer Trauerrede des Erzbischofs von Kalkutta würdigten u. a. auch ein Moslem, ein Hindu und ein Buddhist das Wirken von Mutter Teresa, die dann nach einer Prozession durch die von Zehntausenden gesäumten Straßen Kalkuttas im Mutterhaus ihres Ordens ihre letzte Ruhestätte fand.
Mutter Teresa sagte einmal: »In der Stunde des Todes werden wir danach gerichtet werden, was wir für die Armen, die Hungrigen, Nackten, Heimatlosen gewesen sind.« Zum Zeitpunkt ihres Todes unterhielt der von ihr gegründete Orden mehrere hundert Niederlassungen in 122 Staaten und zählte insgesamt rund 10.000 Mitglieder.
Am 19. Oktober 2003, nur sechs Jahre nach ihrem Tod, wurde Mutter Teresa von Papst Johannes Paul II. vor rund 300.000 Gläubigen aus aller Welt auf dem Petersplatz in Rom seliggesprochen. Für die von Musik und Tänzen aus Indien umrahmte und von vielen Fernsehsendern weltweit übertragene Veranstaltung – eine der größten in der Geschichte des Vatikan – wurden in den vorderen Reihen Plätze für 2.000 Obdachlose, Kranke und Waisen reserviert, die von den »Missionarinnen der Nächstenliebe« betreut werden. Der an der Parkinson-Krankheit leidende 83-jährige Papst, der am 16. Oktober 2003 sein 25-jähriges Amtsjubiläum feierte (und am 2. April 2005 starb), wollte unter allen Umständen noch selbst die Seligsprechung des »Engels der Armen« vornehmen. Deshalb hatte er das Kirchengesetz außer Kraft gesetzt, das die Einleitung eines Verfahrens zur Seligsprechung eines Katholiken erst fünf Jahre nach dessen Tod ermöglicht. In Rekordzeit wurde das aufwändige Verfahren abgewickelt – so schnell wie kein anderes in den vergangenen 500 Jahren. Für Kontroversen sorgte jedoch das (für eine Seligsprechung nötige) Wunder, das Mutter Teresa ein Jahr nach ihrem Tod an einer krebskranken Inderin bewirkt haben soll. Indische Mediziner äußerten Zweifel daran, dass die Spontanheilung der 30-jährigen Monica Besra als Wunder einzustufen sei. Doch im Vatikan spielte das keine große Rolle – schließlich wurde Mutter Teresa in Indien schon zu Lebzeiten von vielen Christen und Nicht-Christen als Heilige verehrt. Es ist zudem abzusehen, dass sie schon in wenigen Jahren offiziell heiliggesprochen wird. Die Heiligkeit ist die höchste Auszeichnung für einen Katholiken. In der Regel vergehen Jahrzehnte zwischen der Seligsprechung und der Heiligsprechung, für die die dafür zuständige Kurienkongregation des Vatikan ein zweites Wunder verlangt. 

 

Quelle: Herder-Verlag

Dieser Text ist dem "Lexikon der Heiligen und Namenstage" entnommen. Albert Urban (Hg.), Herder-Verlag, Freiburg, 2010