Für ein sicheres Leben

Der Weg von Shahid

Shahid (Name von der Redaktion geändert) kam 2006 als 20-jähriger nach Europa, im Jahr 2015 über Karlsruhe nach Freiburg und hier wurde ihm in einem Wohnheim für Menschen, die aus politischen oder religiösen Gründen geflohen sind, ein Vierbettzimmer zugewiesen.
 
Kurz nach seiner Ankunft nahm er eine Stelle als Küchenhelfer in einer Reha-Einrichtung außerhalb Freiburgs an, seine Frühschicht begann um 6 Uhr, aus der Spätschicht kam er erst spät in der Nacht zurück.
 
Es war bekannt, dass in der vom Roten Kreuz getragenen Einrichtung immer wieder Drogenkontrollen durchgeführt wurden und Shahid befürchtete, das seine Mitbewohner ihm während seiner Abwesenheit z.B. „Stoff“ unter die Matratze schieben könnten. Er lebte ständig in Angst, ungerecht beschuldigt zu werden oder mit dem Gesetz und der Polizei in Konflikt zu kommen. Auch war wegen des Lärms rund ums Haus und im Gelände an ein ruhiges Schlafen nicht zu denken.
In dieser Anfangszeit kam Shahid, wann immer es möglich war, zu den Treffen der Integrationsinitiative „Mosaik am Mittwoch“ in Freiburg Bischofslinde. Er brachte sich, trotz mäßiger Deutschkenntnisse, in vielfältiger Weise ein, u.a. kochte er mit anderen Geflüchteten für die Mittwochsrunde.
 
Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich aber aufgrund der Lebensbedingungen zusehends, man sah es ihm auch äußerlich an. Bei einem Ehepaar fand er schließlich ein möbliertes Zimmer, eine „vorübergehende“ Bleibe.
Mit Hilfe der Initiative bekam er einen Ausbildungsplatz in einem Restaurant in Freiburg; überglücklich und mit viel Schwung begann er seine Kochlehre. Sein engagierter Küchenchef forderte und förderte ihn und er biss sich selbst durch die harten Zeiten der Landesberufsschule im Schwarzwald, die u.a. mit Dozierenden, die in breitem Dialekt und nur mit Tafelaufschrieben, ohne Hand Out, ihr Wissen weitergaben und ihm so das Lernen erschwerten. Er fotografierte die Informationen an der Tafel und ließ sie sich später übersetzen bzw. erklären. Hier erfuhr er auch, was es heißt, als Ausländer die Berufstheorie erlernen zu müssen. Einen sehr guten Förderunterricht bekam er in Freiburg, neben der Nachhilfe von Privatpersonen, von der ausbildungsbegleitenden Hilfe abH der Caritas, die ihn in Fachkunde und Fachrechnen unterstützte.
 
Sein unsicherer Bleibestatus veranlasste Shahid, sich Hilfe bei einer Rechtsanwältin zu suchen, die einen Teil seiner Ängste lindern konnte. 
Im März 2017 kam für Shahid die Anhörung seines Asylantrags vor dem BAMF. Sein Antrag wurde abgelehnt, doch er kämpfte weiter. 

Gemeinsam mit vielen Unterstützerinnen und Unterstützern stellte er u.a. einen Härtefallantrag und ließ sich von vielen Seiten beraten und helfen. Aufgrund der langen Zeit, die er im Bereich des Hotel- und Gaststättengewerbes versicherungspflichtig beschäftigt war und da er in einem Ausbildungsverhältnis stand, bekam er schließlich eine vorübergehende Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis.
 
Die Zwischenprüfung brachte er hinter sich und sein Ausbilder pushte ihn mit vielen Gelegenheiten, mögliche Prüfungsgerichte vor- und zuzubereiten, die er dann auch für Freunde und Bekannte kochte.
 
Die Gesellenprüfung war für ihn eine große psychische Herausforderung, sein Gesundheitszustand, sein Magen und der nächtliche Schlaf waren häufig nicht im Normalzustand. Er bestand den praktischen Teil der Gesellenprüfung, leider aber nicht den schriftlich-theoretischen Teil.
 
Doch auch jetzt ließ er sich nicht entmutigen. Auf keinen Fall wollte er nach seiner Ausbildungszeit arbeitslos sein; er nahm selbst schlechte Arbeitsbedingungen … und die Corona-Zeit in Kauf, und so hatte er durchgehend eine Arbeitsstelle. 
Von seinem Lohn gönnte er sich ein gutes Fahrrad, um, neben dem Fitnessstudio, einem Angebot der Sprachförderung und anderen Stellen, immer zwischen der Arbeit und zu Hause mobil sein zu können.
 
Zu Beginn 2022 bekam er in Freiburg in einem Hotel-Restaurant eine volle Stelle, mit zufriedenstellender Bezahlung, aber unter „üblichen Gaststätten-Bedingungen“. Sein Chef stellte ihm eine Bürgschaft aus, sodass er eine kleine Zweizimmerwohnung mieten konnte und somit die „Übergangslösung“ (s.o.) nach 7 ½ Jahren zu Ende war.
 
Mittlerweile hatte er auch eine unbeschränkte Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung, die er dazu nutzte, um nach vielen Jahren seine Eltern in Pakistan zu besuchen.
 
Im vierten Jahr seiner Vollzeitbeschäftigung belegte er einen Kurs zur Ausbildung zur Wach- und Sicherheitskraft. Die Tätigkeit reizte ihn, denn er erhoffte sich bessere, planbare Arbeitszeiten und einen Job, der ihn körperlich weniger belastete. Seine Sprachkenntnisse verbesserten sich zusehends und er bekam mehr Selbstsicherheit. Ende 2025 wechselte er zu einer Sicherheitsfirma; sein Job ist kein Spaziergang, aber er macht ihn bis heute gerne.
 
Rückblickend kann man sagen, Shahid hat sich mit seinen Fähigkeiten und seinem Durchhaltewillen, aber auch durch seine Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft gut in unsere Gesellschaft eingefügt. Alle, die ihn kennen und schätzen, wünschen ihm, dass es ihm auch weiterhin gut geht!
 
Für Shahid wie für viele andere Menschen mit Fluchterfahrung war die Freiburger Integrationsinitiative „Mosaik am Mittwoch“ in Bischofslinde – unter anderem mitbegründet durch engagierte Mitglieder der dortigen Kirchengemeinde  – ein fester Anker im Ankommensprozess. Gegründet als Integrations- und Begegnungscafé löst sich die Initiative immer mehr von der klassischen Aufteilung Ehrenamtliche-Geflüchtete und ist mittlerweile eine informative, interkulturelle Gruppe, ein Netzwerk von Menschen, die auch zusammen Kaffee trinken, Kuchen essen, Spiele spielen, Singen, Deutsch Sprechen und Diskutieren üben, gemeinsame Wanderungen unternehmen (mit den Naturfreunden Freiburg), Ausflüge und Besichtigungen planen, neue Ideen schmieden und Nachhilfe-Unterricht geben.