Ich hätte nie gedacht, dass ich mit Mitte zwanzig noch einmal ganz von vorne anfangen würde...

Nidal Osman lernt am Sprachenkolleg

Plötzlich ist alles anders
In Syrien stand ich kurz davor, mein Universitätsstudium abzuschließen. Ich hatte mir bereits eine berufliche Zukunft aufgebaut und arbeitete selbstständig in meinem kleinen IT-Unternehmen. Eigentlich hatte ich klare Vorstellungen von meinem weiteren Weg. Doch plötzlich veränderte sich aufgrund der politischen Situation alles. Was ich mir über Jahre aufgebaut hatte, war nicht mehr selbstverständlich. Ich bin Palästinenser und in Damaskus geboren. Nun sollte ich zum Militär eingezogen werden, was ich nicht wollte. Anstatt über meinen Studienabschluss nachzudenken, musste ich also überlegen, wie ich mein Leben und meine Zukunft überhaupt weiter gestalten konnte.
Die Suche nach einem neuen Weg in Deutschland
Als ich im Jahr 2024 nach Deutschland kam, kam ich mit dem Ziel, mein Studium eines Tages fortsetzen zu können. Doch der Weg dorthin war nicht nur wegen der fremden Sprache schwieriger als erwartet. Es gab viele bürokratische Hindernisse, ich konnte mein Studium nicht selbst finanzieren und gleichzeitig war eine Rückkehr in meine Heimat für mich keine Möglichkeit. Ich hatte das Gefühl, wieder ganz am Anfang zu stehen.
Sprache und Bürokratie als erste große Herausforderungen
Die größte Herausforderung war zunächst die deutsche Sprache. Am Anfang verstand ich kaum etwas. Gleichzeitig musste ich mich in einer neuen Gesellschaft zurechtfinden, deren Sprache, Kultur und Alltag mir fremd waren. Ich wollte unbedingt schnell Deutsch lernen und habe deswegen immer versucht, Kontakte zu knüpfen und angefangen, ehrenamtlich zu arbeiten: Ich habe Senioren ihr Handy erklärt und eingerichtet und ihnen bei Fragen mit dem Computer geholfen. Für mich bedeutet Integration nicht, die eigene Identität aufzugeben. Integration bedeutet, Teil einer Gesellschaft zu werden und selbst etwas zu ihr beizutragen.
Im Alltag und im privaten Leben konnte ich mich mit Deutsch schnell zurechtfinden. Aber die Bürokratie stellte mich vor große Herausforderungen: Ich wartete über zwei Jahre auf die Anerkennung meiner Zeugnisse aus Syrien und hatte keinen gesicherten Aufenthaltstitel. Daran hängen aber Wohnung, Arbeit, Studienplatz und das persönliche Gefühl von Ruhe und Sicherheit.
Trotz dieser Schwierigkeiten wollte ich nicht aufgeben. Ich wusste, dass die Sprache der Schlüssel zu meiner Zukunft ist und ich nicht nur Deutsch für den Alltag lernen will, sondern Deutsch auf hohem Niveau, das mir den Weg zurück an die Universität ermöglichen würde. Das Problem war, dass ich aufgrund meines unsicheren Aufenthaltsstatus nicht arbeiten durfte und mir die regulären Kursgebühren nicht leisten konnte. Es war enttäuschend, dass ich arbeiten und lernen wollte, aber aufgrund bürokratischer Hürden nicht vorankommen konnte.
Sprachenkolleg für ausländische Studierende - mehr als „nur“ Sprachunterricht
Dann erfuhr ich vom Sprachenkolleg für ausländische Studierende und hatte das Glück, dort über den Flücbtlingsfonds der Erzdiözese Freiburg ein Stipendium zum studienvorbereitenden Spracherwerb zu erhalten. Dies war endlich die Chance, auf die ich lange gehofft hatte.
Im Sprachenkolleg habe ich viel mehr bekommen als einen finanzierten Deutschkurs. Mir wurden Vertrauen und eine neue Perspektive geschenkt. Ich habe nicht nur Deutsch auf richtig hohem Niveau gelernt, sondern in der familiären und internationalen Atmosphäre Freundschaften und Hoffnung gefunden.
 
Ein neuer Rückschlag und Hoffnungslosigkeit
Leider verzögerte sich meine Zeugnisanerkennung und die Hoffnung auf einen Aufenthaltstitel weiter. Die politische Situation in Deutschland für Menschen aus Syrien hatte sich deutlich verschlechtert, was ich am eigenen Leib zu spüren bekam. Vor allem merkte ich das daran, dass die Bürokratie in den Ämtern stockte. Ich erlebte aber auch, dass sich die gesellschaftliche Stimmung in Deutschland geändert hat und Menschen negativ gegenüber Migranten eingestellt sind. Ich hatte in den letzten zwei Jahren so viel gekämpft und gewartet, und auch schon so viel erreicht, aber nun ging gar nichts mehr voran. Es war nicht einmal mehr klar, ob ich aufgrund der Aufenthaltsbestimmungen überhaupt hier bleiben dürfte. Ich war so verzweifelt, dass ich kurz vor der Prüfung alles aufgeben wollte, den Sprachkurs, meine Zukunftspläne…. weil ich nicht mehr gesehen habe, wie ich hier in der Gesellschaft Fuß fassen kann.
 
Menschen, die an mich glauben
Dass ich trotzdem noch hier bin und im Wintersemester 2026 mein Studium anfangen werde, liegt an den Menschen, die an mich geglaubt haben. Vor allem waren das meine Eltern, die mich wieder als Ingenieur sehen wollen, und meine Lehrkräfte und die Leitung des Sprachenkollegs. Sie haben bemerkt, dass ich hoffnungslos bin und mich angesprochen. Sie haben mir gesagt, dass Deutschland Menschen wie mich braucht und dass sie nicht wollen, dass ich aufgebe. Es bedeutet mir sehr viel, dass jemand hier an mich glaubt und das gab mir den Mut, weiterzumachen. Nach intensiver Vorbereitung bestand ich die DSH-Prüfung und bewarb mich anschließend für ein Informatikstudium. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht sicher, ob ich dauerhaft in Deutschland bleiben konnte. Trotzdem entschied ich mich zu diesem Schritt, weil ich nicht mehr wollte, dass Unsicherheit und Angst meine Zukunft bestimmen
 
Der Moment, in dem sich die Anstrengungen ausgezahlt haben
Als schließlich die Zusage der Universität kam und ich kurz darauf von der Ausländerbehörde über den Aufenthaltsstatus endlich auch die Möglichkeit erhielt, in Deutschland zu bleiben, war das ein ganz besonderer Moment. Die vielen Anstrengungen hatten sich am Ende doch gelohnt.
Ein neues Kapitel und ein persönlicher Erfolg
Heute beginne ich ein neues Kapitel meines Lebens. Mein Weg war überhaupt nicht einfach, aber er hat mir gezeigt, wie wichtig Durchhaltevermögen, Mut und die Unterstützung anderer Menschen sind.
Dieser Erfolg bedeutet mir auch auf persönlicher Ebene sehr viel. Meine Familie, die mich immer unterstützt hat, ist stolz auf das, was ich erreicht habe. Und auch ich selbst bin stolz darauf, trotz aller Schwierigkeiten weitergemacht, an meine Ziele geglaubt und meinen eigenen Weg gefunden zu haben.
Die Bedeutung von Chancen für Integration
Meine Geschichte zeigt, dass Integration Einsatz und Geduld braucht – aber auch Menschen und Institutionen, die Chancen ermöglichen. Für mich waren das das Sprachenkolleg für ausländische Studierende und das Stipendium. Diese Unterstützung hat mir geholfen, meine Ziele weiterzuverfolgen und meinen eigenen Weg in Deutschland zu gehen. Dafür bin ich sehr dankbar.
 
Autor: Nidal Osman, mit Unterstützung von KI
 
Nidal hat das Sprachenkolleg für ausländische Studierende in Freiburg besucht. Das Sprachenkolleg ist eine Einrichtung der Erzdiözese Freiburg, an der seit über 60 Jahren studienvorbereitende Intensivsprachkurse für ausländische Studienbewerber angeboten werden. Pro Kurs werden etwa 100 Studierende aus mehr als 50 Ländern auf die Aufnahmeprüfung an den Studienkollegs oder die Sprachprüfung (DSH) an den Universitäten vorbereitet. Mit dem Sprachlehrinstitut der Universität Freiburg besteht eine langjährige Kooperationsvereinbarung. Das Sprachenkolleg wird von dem Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg gefördert.
Neben der reinen Sprachvermittlung nimmt das Sprachenkolleg den ganzen Menschen und seine Wegbegleitung in den Blick. Gemeinsame Feiern, Ausflüge und kursübergreifende Aktivitäten stiften Gemeinschaft und ermöglichen das Erleben von Kultur und Landeskunde. Die Studierenden werden auch bei Schwierigkeiten und Herausforderungen, die über die reine Lernsituation hinausgehen, begleitet.