Mandarinen für Anika

Assans Weg von Gambia nach Freiburg

Der knallrote Rucksack auf Assans Rücken leuchtet im Freiburger Sonnenlicht, als er sein Fahrrad vor dem Café abstellt. Mittwochs ist Mentorinnen-Tag. Seit zweieinhalb Jahren trifft er sich mit Anika. Und jedes Mal bringt er mehr mit als nur Hausaufgaben: heute einen dicken Ordner, eine Wasserflasche, zwei Bananen – und eine Tüte Mandarinen. „Ich bin ihr wirklich dankbar“, sagt er und lächelt, während er die Früchte auf den Tisch legt. Nicht nur, weil sie ihm bei Formularen und Prüfungsvorbereitungen hilft. Sondern weil sie ihm zeigt, dass Integration mehr ist als Papierkram.
 
Assans Geschichte beginnt nicht in Freiburg, sondern am Strand von Gambia. „Morgens zum Meer joggen, im salzigen Wasser schwimmen, barfuß am Strand spazieren“, erinnert er sich. Die Sonne fehlt ihm hier, genau wie seine Mutter. Doch als der 17-Jährige nach einer dreimonatigen Odyssee in Deutschland ankommt, hat er nur eines im Kopf: Ankommen.
 
Das Christophorus Jugendwerk in Oberrimsingen wird seine erste Heimat. Hier lernt er Deutsch bis Niveau B1, macht 2021 seinen Hauptschulabschluss an der Erich Kiehn-Schule – und entdeckt seine Leidenschaft für Hauswirtschaft. „Ich habe schon als Kind gerne beim Kochen und Waschen geholfen. Deshalb ist das mein Traumberuf.“
 
Doch der Weg dorthin ist steinig. Die Sprache ist die größte Hürde. „Manchmal fehlen mir noch Vokabeln“, gibt er zu. Doch Assan ist ein Perfektionist. Pünktlichkeit, die er bei den Deutschen schätzt, wird sein Markenzeichen. Verabredungen mit Anika hält er immer ein. „Ich mag, dass die Deutschen so pünktlich sind – das kommt mir entgegen.“ Und seine Mentorin? „Ich bin zum ersten Mal Mentorin. Assan und ich haben uns gleich gut verstanden.“ Sie hilft ihm, Lücken zu schließen – in der Sprache, in den Hausaufgaben, im Verständnis für deutsche Regeln. „Respekt vor anderen zu zeigen und Geduld mit sich selbst zu haben“, das sei essenziell für Integration, findet Assan. Und: „Hilfen anzunehmen.“, ergänzt Anika. Genau das tut er.
 
Sein Ordner ist schwer – nicht nur wegen des Gewichts. Darin stecken die Beweise für seinen Erfolg: eine Eins als Anmeldenote für die Ausbildung in der Caritas-Akademie, gute bis sehr gute Noten in Klassenarbeiten. „Ich will unbedingt bestehen, später vielleicht sogar meinen Meister machen.“ Sein Traum? Ein eigenes Restaurant mit afrikanischer Küche – regional, gesund, mit dem Wissen um Vitamine und Heilkräuter, das er aus Gambia mitgebracht hat. „Ich kenne die Wirkung von Ingwer, Knoblauch, Honig. Das hilft gegen Erkältungen, Kopfschmerzen, stärkt das Immunsystem.“ Und wenn die Sonne mal wieder fehlt? „Dann nehme ich Vitamin D.“
 
Assan ist mehr als ein Flüchtling. Er ist der junge Mann, der auf Freiburger Fitnessparcours trainiert, der beim Tischtennis fair kämpft, der mit Freunden Volleyball spielt. Der dafür sorgt, dass sein Leben hier nicht nur funktioniert, sondern gelingt. Als er den Ordner zuklappt und Anika die Mandarinen überreicht, ist das mehr als eine Geste. Es ist ein Versprechen: „Ich gebe alles. Dafür lohnt es sich.“
 
 
Assans Geschichte wurde erstmals 2025 in der Broschüre „Erfolgsgeschichten“ des Campus Christophorus Jugendwerks veröffentlicht und für die Aktion des Erzbistums zur Interkulturellen Woche redaktionell überarbeitet. Er arbeitet nach seinem erfolgreichen Abschluss als Hauswirtschafter seit 2025 bei der Evangelischen Jugendhilfe Freiburg. Dort ist er in der Verhinderungspflege tätig und als Fachkraft für die hauswirtschaftlichen Abläufe verantwortlich. Mit seiner Mentorin Anika steht er weiterhin regelmäßig in Kontakt.
 
Das Christophorus Jugendwerk in Oberrimsingen (bei Breisach) ist eine Einrichtung des Caritasverbands in der Erzdiözese Freiburg e.V. und bietet seit 80 Jahren stationäre Jugendhilfe sowie schulische, berufliche und persönliche Integrationshilfe – insbesondere für männliche Jugendliche ab 14 Jahren, darunter auch unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (UMF). Zu den Angeboten zählen Wohngruppen, Clearingstellen und Betreuung in der Region Freiburg und Breisach.