Brände vs. Kirchenbücher

25.06.2026 | Ein paar Sätze zu Überlieferungsverlusten

Ob für die Geschichts-, Sozial-, Medizin- oder private Ahnenforschung (um nur eine kleine Auswahl zu nennen) – Kirchenbücher bieten wertvolle Informationen für viele Fragestellungen und Fachdisziplinen. Umso ärgerlicher ist es, wenn sie die Jahrhunderte nicht überstanden haben. Einige Bücher fielen wider aller Erwartungen in Privatbesitz und gelten faktisch als verschollen. Andere wiederum wurden durch Brände in den Kirchengemeinden so stark beschädigt oder zerstört, dass sie ebenfalls nicht mehr für eine Nutzung in Frage kommen. 

Brandspuren im Kirchenbuch aus Ittendorf.
Das Tragische bei Feuerereignissen ist, dass das Papier und damit die schriftlich fixierte Erinnerung unwiederbringlich weg sind. Eine Stufe darunter wären Brandschäden, die zwar Teile eines Textes zerstört haben, zugleich aber noch so viel übriggelassen haben, dass eine Rekonstruktion mit Hilfe des verbliebenen Kontextes möglich ist. Gerade die gleichförmigen Kirchenbucheinträge können diese Wiederherstellung erleichtern. In Espasingen kam zum Beispiel ein Taufbuch aus dem 19. Jahrhundert zu Schaden, in Ittendorf traf es ein Mischbuch (mit Taufen, Ehen und Beerdigungen) aus dem 17. Jahrhundert.
 
Während die Brandspuren an den Buchseiten Aufschluss über die vergangene Katastrophe geben, lassen sich zerstörte Kirchenbücher nur indirekt nachweisen. Für die Pfarreien im Badischen Teil der Diözese Freiburg liegt ein Überblickswerk von Hermann Franz vor, in dem auf Lücken und explizit auf Brände hingewiesen wird. Für den Hohenzoller’schen Teil der Diözese gibt es eine entsprechende Auflistung von Franz Haug. Wir wissen durch diese Erfassung der Bestände, wann es Verluste in der historischen Überlieferung gab – dazu können zwischenzeitlich neuere Schadensereignisse hinzugekommen sein und selbstverständlich muss nicht zwingend ein Feuer der Grund für eine "Lücke" gewesen sein.
 
Manche Taufen, Ehen sowie Beerdigungen konnten über die Befragung der noch lebenden Pfarrangehörigen erschlossen werden, wobei die individuelle Erinnerung zugleich ein Potenzial für Fehler mit sich bringt. 1813 verbrannten sämtliche Kirchenbücher in Lenzkirch. Der Pfarrer konnte mithilfe seiner Gemeinde ein paar Nachträge bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts vornehmen. Da die Pfarrei die Orte Ober- und Unterlenzkirch, Fischbach, Berg sowie Raitenbuch umfasste, war der Verlust durchaus groß. Einen Rekonstruktionsversuch nahm auch der Pfarrer in Zell am Andelsbach nach einem Feuer im Jahr 1758 vor und kam immerhin bis ins Jahr 1702 zurück. Im anderen Zell, im Wiesental, passierte das verheerende Unglück 1823. Es war dem Pfarrer möglich, die vorgenommenen Taufen nach mündlicher Überlieferung bis 1768 aufzuzeichnen, die Ehen und Beerdigungen hingegen nur bis 1806. Einen erheblichen Verlust gab es in Schwaningen zu beklagen: 1911 verbrannten alle Kirchenbücher und konnten nur lückenhaft bis 1870 rekonstruiert werden – es hätte dort eine Dokumentation seit 1643 gegeben. 
 
Im Zweiten Weltkrieg kam es wegen der Bombenangriffe in den letzten Kriegsjahren zur Zerstörung von Kirchenbüchern. Zuvor hatte es staatliche Sicherungsmaßnahmen gegeben und es waren Zweitschriften bei den Amtsgerichten bzw. Jahresübersichten für das Ordinariat angefertigt worden, sodass Lücken für bestimmte Zeitspannen später geschlossen werden konnten. Für die Pfarrei Freiburg-St. Martin sind ab 1820 nur diese Abschriften erhalten, da die Originalbücher in der Bombennacht vom 27. November 1944 verbrannten.
 
Selbstverständlich sind in der Vergangenheit nicht nur die Kirchenbücher durch einen Brand im Pfarrhaus beschädigt oder zerstört worden. Es konnte auch Pfarrarchive in Teilen oder vollständig treffen, aber dazu soll es in einem eigenen Blogbeitrag gehen.
 
 
Sarah Mammola
 
Literatur
  • Hermann Franz: Die Kirchenbücher in Baden (Inventare der nichtstaatlichen Archive in Baden-Württemberg 4), Karlsruhe 3. Aufl. 1957 [Erstauflage 1912].
  • Franz Haug: Verzeichnis der Kirchenbücher in Hohenzollern, in: Hohenzollerische Jahreshefte 9 (1941-1949), S. 5-29.
  • Eva Marie Lehner: Taufe - Ehe - Tod. Praktiken des Verzeichnens in frühneuzeitlichen Kirchenbüchern (Historische Wissensforschung 22), Göttingen 2023.