Die Geisterarbeiter von Überlingen

24.02.2026 | Ein Fall für das EAF-Mystery-Team

Es scheint zunächst völlig unverdächtig. Auf zwei Fotoglasplatten aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts sieht man Isolierungsarbeiten am Überlinger Münster, ein typisches Baustellenszenario der Zeit mit zwei kleinen Sägemaschinen, ein paar Spitzhacken und Bruchstein. Um die Gerätschaften herum stehen acht Handwerker mit energischen Gesichtern. Doch etwas ist seltsam an den Aufnahmen. Die Körper der Männer verblassen vor der Umgebung. Sie sind fast durchsichtig. Handelt es sich dabei um Geister? Sind es Männer, die möglicherweise bei einem grauenhaften Unfall zu Schaden kamen und nun dazu verdammt sind, ewig und rastlos am Münster zu arbeiten, sodass sich nun ihr schemenhaftes Abbild in diesen Aufnahmen manifestiert?

Mitnichten. Einerseits sind diese „Geisterarbeiter” weder in den Beständen zum Bau des Überlinger Münsters noch als lokale Legende aktenkundig. Zum anderen handelt es sich hierbei um einen fotografischen Effekt, der schon weit vor der digitalen Fotobearbeitung und KI bekannt war und möglicherweise bewusst eingesetzt wurde. Der Trick besteht dabei in einer Doppelbelichtung von verschiedenen Bildern oder einem Effekt der sogenannten Langzeitbelichtung. In der Geschichte der Fotografie wurden diese Techniken bereits oft genutzt, sie hatten sogar Ende des 19. Jahrhunderts bis Anfang des 20. Jahrhunderts Hochkonjunktur im Bereich der Geisterfotografie. Der zugrundeliegende Effekt wird jedoch auch heute noch genutzt. 
Doppelbelichtung
Bei einer Doppelbelichtung werden zwei Aufnahmen auf demselben lichtempfindlichen Trägermaterial – früher meist ein Film, heute Fotosensor – gespeichert. In der analogen Fotografie geschah das oft ganz banal: Nach der ersten Aufnahme wurde der Film nicht weitertransportiert, sodass eine zweite Belichtung exakt auf dasselbe Bildfeld fiel – manchmal aus Versehen, manchmal als bewusster künstlerischer Effekt.
Physikalisch betrachtet addieren sich dabei die Helligkeitsinformationen beider Szenen. Licht wirkt auf Film oder Sensor kumulativ: Wo in beiden Aufnahmen viel Licht auftrifft, entstehen besonders helle Bildbereiche; dunkle Partien bleiben vergleichsweise transparent. Dadurch scheinen Motive ineinanderzufließen – Personen wirken geisterhaft über Landschaften gelegt, Gesichter schweben im Raum oder Körper erscheinen halb durchsichtig.
In der digitalen Bildbearbeitung lässt sich dieser Effekt leicht nachvollziehen: Legt man zwei Bildebenen übereinander und wählt einen Modus wie „Negativ multiplizieren“ (Screen), werden die Helligkeitswerte ähnlich verrechnet wie bei zwei überlagerten Belichtungen. Was früher also als „Geistererscheinung“ gedeutet wurde, ist in Wirklichkeit ein gut verstandener physikalischer Überlagerungseffekt von Licht.
Langzeitbelichtung
Ein weiterer Ursprung geisterhafter Anmutungen liegt in der Langzeitbelichtung. Die Belichtungszeit bezeichnet die Dauer, in der Film oder Sensor Licht sammeln. Im Alltag der Fotografie sind das meist nur Bruchteile einer Sekunde – kurz genug, um Bewegungen „einzufrieren“.
Wird die Belichtungszeit jedoch auf mehrere Sekunden, Minuten oder sogar Stunden verlängert, summiert sich alles Licht, das in dieser Zeit auf das Aufnahmemedium trifft. Das ist besonders bei Nachtaufnahmen, in dunklen Innenräumen oder in der Astrofotografie relevant. Damit das Bild dabei nicht überbelichtet wird, nutzt man entweder geringe ISO-Werte, eine kleine Blendenöffnung (z. B. f/11 oder kleiner) oder Neutraldichtefilter (ND-Filter), die das einfallende Licht gleichmäßig reduzieren. Ein Stativ ist dabei unverzichtbar, da sonst jede kleinste Bewegung der Kamera zu Unschärfe führt. Dieser Effekt kann auch genutzt werden um bei überfüllten Plätzen bei langer Belichtung Personen aus einem Bild "auszublenden" (wenn die Belichtungszeit entsprechend sehr lang gewählt wurde).
Der „Geistereffekt“ entsteht, wenn sich ein Objekt nur kurzzeitig im Bildausschnitt befindet, aber lang genug um nicht völlig transparent zu erscheinen. Da es während der gesamten Belichtungsdauer nur für einen Bruchteil der Zeit Licht reflektiert, trägt es entsprechend wenig zur Gesamtbelichtung bei. Das Resultat: Die Umgebung erscheint klar und stabil, während die sich bewegende Person oder das vorbeifahrende Fahrzeug transparent, verschwommen oder schemenhaft wirkt.
 
Die Geisterarbeiter
Wie hier deutlich wird, ist das Auftreten schemenhafter, geisterhafter Artefakte lediglich eine Frage der (Belichtungs-)Zeit. Betrachtet man nun das Bild der Arbeiter vom Überlinger Münster, so sind die Voraussetzungen für geisterhafte Artefakte in den Fotografien tatsächlich gegeben. Zum einen waren Innenaufnahmen in Kirchen früher sehr generell herausfordernd, da es wenig Licht gab und die Kameratechnik noch nicht so ausgereift war. Auch bei eher schlechten Wetterbedingungen kann dies manchmal der Fall sein. Man hat also höchstwahrscheinlich mit längeren Belichtungszeiten und einem Stativ gearbeitet. Ob die Personen erst während des Fotos ins Bild getreten sind oder sich bereits bewegt haben, lässt sich anhand des Bildmaterials jedoch nicht klären. Anhand der weichen Umrandungen und Unschärfen, z. B. bei der Person ganz rechts im Bild, kann man aber deutlich eine Bewegung erkennen. Dies spricht insgesamt alos gegen Geister und eher für einen Fotoeffekt mit künstlichen Artefakten infolge einer Langzeitbelichtung.
 
Tony Franzky
 
 Archivalien
EAF Glasplatten Überlinger Münster - Vorläufige Verzeichnungsnummer 41-1 bzw. 41-11