Bemerkenswerte Handschriften und was man dagegen tun kann

12.03.2026 |

Früher erhielt man bei Arztbesuchen ein handgeschriebenes Rezept, mit dem man in die Apotheke ging. Aus Neugierde hat man einen Blick darauf geworden und schnell festgestellt, dass man da nur Linien oder Krakel sieht. Man wunderte sich, wie jemand so schreiben kann und wie es dem Apotheker oder der Apothekerin überhaupt gelingen konnte, das Medikament zu ermitteln – aber es funktionierte wie auf magische Weise. So ein ähnliches Erlebnis hat man gelegentlich in einem Archiv und idealerweise ist man selbst diejenige Person, für die andere Handschriften kein unüberwindbares Hindernis darstellen. Allerdings: ein paar Individuen verstanden es, die Dechiffrierungsaufgabe zu einer besonderen Herausforderung zu machen.

Die Beispiele im Folgenden stammen aus unterschiedlichen Zeiten (meist 19. Jahrhundert) und haben gemeinsam, dass es wohl den wenigsten ohne Mühe gelingt, die Texte gleich mitzulesen. Wer sich daran versuchen mag, darf dies gerne bei den Ausschnitten oder über ein vertieftes Aktenstudium im EAF. Um das obige Bild vom Rezept aufzugreifen: am Ende des Beitrags sind ein paar Tipps, was man bei akuten Fällen von Paläografie-Mangel unternehmen kann.
 
Erfreulicherweise ist das Lesen alter Schriften etwas, das man erlernen kann. Als hilfreich erweist sich, wenn man grob einschätzen kann, worum es geht oder gehen könnte. Erste Anhaltspunkte dafür lassen sich den Überlieferungsinformationen (Metadaten) entnehmen. Der Kontext der folgenden Seite ist durch die Bestandszugehörigkeit und den Titel gegeben; es handelt sich um einen Auszug aus dem „Aufführungstagebuch der Freiburger Domkapelle“ aus dem Nachlass des Domkapellmeisters Leopold Lumpp (Na 111, Nr. 1).
 
EAF, Na 111/1
 
Ein Überblick über die Seite und das Sammeln weiterer Hinweise kann die Leseversuche unterstützen. Im obigen Beispiel lässt sich feststellen, dass wir uns im Jahr 1847 befinden. Die tabellarische Form weist eine Beschriftung der Spalten und damit wiederkehrende Elemente auf, die man sich für die inhaltliche Erschließung näher anschauen sollte. Eine horizontale Linie sowie die Nummerierungen in der ersten Spalte grenzen die Tagebucheinträge voneinander ab und schaffen auf diese Weise Einheiten. 
 
EAF, Na 111/8
Ein wichtiger Baustein zum Kontext geht, sofern vorhanden, aus der Betreffzeile hervor (wie heutzutage bei den E-Mails). Sie ist durch die Einrückung schnell erkennbar. „Gehorsamste Bitte des Dompräbendars L[eopold] Lumpp, Befreiung von Pastoral-Geschäften betreffend“ fasst bereits komprimiert zusammen, was im Schriftstück zu erwarten ist. Dadurch kann man sich vor dem Leseversuch auf bestimmte Wörter einstellen, die einem hierbei begegnen könnten, oder deren Bedeutung vorab nachschlagen – vielleicht weiß man nämlich nicht, was „Pastoral“ meint.   
 
Personennamen und Orte
Personennamen und Orte stellen wegen ihrer vielfältigen Schreibweisen eine Herausforderung dar – das wissen nicht zuletzt die vielen Nutzerinnen und Nutzer, die zur Ahnenforschung ins EAF kommen und auf den Mikrofilmen der Kirchenbücher die Namen ihrer Vorfahren finden möchten. Ein flüchtiger Stil erschwert des Rätsels Lösung, ob es nun „Schneider“ oder „Schnieder“ heißen soll.

Namen tauchen im Text auf, als Unterschriften oder in gekürzter Form als Paraphen. Die Doppelvariante, dass neben der Unterschrift der Name in gut lesbarer (Druck-)Schrift anzufügen ist, wäre nicht selten wünschenswert gewesen. Eine Hilfestellung kann die Funktion bieten, denn wenn ein Amt oder Abteilung bekannt ist, kommt man möglicherweise über andere Quellen zu dem Wissen, wer das fragliche Dokument gezeichnet hat.
 
Unterschrift Raimund Jeblinger
Für das Personal in der Erzdiözese Freiburg gibt es den sog. Personalschematismus mit den einzelnen Einrichtungen, Kontaktinformationen, Verantwortlichen sowie einem alphabetischen Namensregister. Beim folgenden Beispiel wäre die Zuordnung zum Erzbischöflichen Bauamt Freiburg eine relevante Zusatzinformation, die man mit dem Datum des Schreibens kombinieren könnte, um schließlich herauszufinden, dass der Leiter selbst - Raimund Jeblinger - hier unterschieben hat.
 
Bei den Orten ist die Schreibweise in der Vergangenheit nicht zwingend normiert gewesen oder hat sich zwischenzeitlich verändert, deshalb sollte man mit (aus heutiger Sicht) ‚kreativen‘ Schreibungen rechnen. Hat man Karlsruhe in der Variante mit „K“ vor Augen, würde man die früher gebräuchliche Form Carlsruhe womöglich nicht mit der Stadt in Verbindung bringen. Hinzu kommt, dass Anfangsbuchstaben oft schwierig zu identifizieren sind. Ein Bezug zur umliegenden Region kann angenommen werden, allerdings bewegten sich die Menschen früher auch schon in einem größeren Radius. 
 
 
Sarah Mammola
 
Ich habe Paläografie-Mangel - was hilft?
  • 1. Schriftentabellen
Um sich einen ersten Eindruck über die Schrift zu verschaffen, helfen Schrifttafeln. Je nach Entstehungszeit gab es typische Erscheinungsformen im Schriftbild. Das Wissen darüber erleichtert den Einstieg, weil man grob einschätzen kann, wie einzelne Buchstaben geschrieben wurden. 

In Buchform gibt es einige Standardwerke, so etwa von Kurt Dülfer/Hans-Enno Korn: Schrifttafeln zur deutschen Paläographie des 16.-20. Jahrhunderts (Veröffentlichungen der Archivschule Marburg 2), Marburg 13. Aufl. 2013, ISBN: 978-3-923833-28-3. 
 
  • 2. Beharrlichkeit 
Bei den ersten Leseversuchen erkennt man erst nur einzelne Buchstaben. Das kann demotivierend wirken, ist man doch anderes gewohnt. Nach einer Weile erschließen sich die ersten Kombinationen (z. B. ‚sch‘) und Silben (z. B. ‚ver ‘), später dann ganze Wörter. Hat man einmal ein Wort ermittelt, kann man ähnlich aussehende Textstellen miteinander vergleichen, und identifiziert ein Schreibmuster. Die Regelmäßigkeit ergibt die für eine Person typische (Hand-)Schrift. Die Leselücken verschwinden allmählich, selbst wenn das Lesetempo nicht spürbar zunimmt.
 
  • 3. (online) Kurse in Paläografie
Hat man sich dazu entschieden, sich eingehender mit dem Lesen alter Schriften zu beschäftigen, könnten Kurse an einer weiterbildenden Einrichtung (Uni, VHS) das Richtige sein. Manche Archive bieten Unterstützung oder Übungen an. 
Inzwischen gibt es kostenlose Onlineangebote, die sowohl die grundlegende Theorie vermitteln als auch praktische Beispiele zur Verfügung stellen. Hier eine paar Beispiele:
-„Digitale Schriftkunde“ von den Staatlichen Archiven Bayerns
-„Ad fontes“ von der Universität Zürich 
 
  • 4. Automatisierte Texterkennung und Anwendungen
Ausgehend von einem Digitalisat kann man einen Text über eine Software erkennen lassen. Der Rückgriff auf dieses technische Hilfsmittel ist nachvollziehbarerweise sehr beliebt, denn nicht jeder bringt die Motivation auf, sich über einen längeren Zeitraum hinweg und im Selbststudium mit dem Lesen von Handschriften zu befassen.
Während die Fehlerquote der ersten Transkriptionen in der Vergangenheit noch hoch war, wurden die eingesetzten Modelle stetig weitertrainiert und verbessert. Für die Erwartungshaltung sollte gewusst sein: es besteht weiterhin ein qualitativer Unterschied bei den gelieferten Ergebnissen, denn gedruckte Texte schneiden weitaus besser ab als ihre handgeschriebenen Pendants. 
Für die Nutzung von Texterkennungsprogrammen können Kosten anfallen, so etwa bei Transkribus. Es gibt zahlreiche Alternativen, die auf freier Software basieren, etwa eScriptorium oder Tesseract.