Online verfügbar: Die Kriegsberichte der Erzdiözese Freiburg
30.10.2025 |
Sonderdrucke aus dem Freiburger Diözesan-Archiv (FDA)
Oftmals werden sehr detailliert die Bombardierungen und die Kampfhandlungen beim Einmarsch der Alliierten dargestellt, mitunter werden Getötete und Verwundete gezählt.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Rolle, die der Seelsorger in seiner Gemeinde während des Kriegs und nach der Besetzung erfüllt hat. Das geläufige Narrativ besagt, die christlichen Kirchen seien nahezu die einzigen Institutionen gewesen, die die Zeit des Nationalsozialismus funktionsfähig überstanden hätten. Sie seien daher für die Besatzungsmächte Partner für den Wiederaufbau und die Demokratisierung Deutschlands geworden und hätten in der Folge wichtige Positionen in Politik und Gesellschaft eingenommen. Untersuchungen zu diesem Thema konzentrierten sich bislang meist auf Bischöfe – mit den Kriegsberichten kommen auch einfache Gemeindepfarrer in den Blick.
Ein zentrales Thema sind die Bombardierungen. Gerade die Berichte aus den Städten zeigen, wie unterschiedlich das Ausmaß war. Während Konstanz überhaupt nicht bombardierte wurde und Heidelberg die alliierten Luftangriffe mit vergleichsweise geringen materiellen Schäden und rund 240 Opfern überstand, erlebte Freiburg bis Ende 1944 mehr als ein Dutzend Luftangriffe, wobei allein am 27. November 1944 fast 2.800 Menschen getötet und 80% der Innenstadt zerstört wurden. Große Unterschiede gab es auch dabei, wie die Besetzung verlief. Teils wurde der Einmarsch der Alliierten kaum bemerkt, teils gab es heftige Kämpfe mit großen Verlusten auf beiden Seiten.
Viele der Berichte gehen zeitlich weit über das Kriegsende hinaus und schildern den Alltag in den letzten Kriegstagen und der ersten Nachkriegszeit. Mangel an Lebensmitteln und Gebrauchsgütern gab es allerorten, ebenso eine oftmals gewaltige Wohnungsnot aufgrund der Zerstörungen durch Fliegerbomben und Artilleriebeschuss, der Aufnahme von Evakuierten und später Heimatvertriebenen, oder der Ansprüche der Besatzungsmächte. Auch über das Verhalten und das Schicksal der örtlichen NS-Funktionäre wird meist berichtet, wobei es offenbar nicht wenigen gelang, rasch wieder auf der Sonnenseite zu landen.
Insgesamt liegen aus den rund 950 damals bestehenden Pfarrgemeinden gut 1.100 Berichte vor, die einen reichen Fundus gehaltvoller Quellen für die orts , regional- und mentalitätsgeschichtliche Forschung bieten. Diese werden derzeit im Rahmen eines großen, auf mehrere Jahre angelegten Projekts in der Zeitschrift „Freiburger Diözesan-Archiv“ veröffentlicht. Bislang konnten in fünf Teilen mit zusammen rund 1.600 Druckseiten mehr als 800 Berichte zugänglich gemacht werden, weitere rund 70 Berichte werden noch im Jahr 2025 folgen, die restlichen bis 2027. Das EAF stellt die gedruckt vorliegenden Berichte als recherchierbare digitale „Sonderdrucke“ (pdf-Dateien) online bereit.
Mit der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reiches am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg in Europa. Weniger als zwei Wochen später, am 17. Mai 1945, forderte Erzbischof Conrad Gröber sämtliche Pfarrämter dazu auf, aus ihrer Perspektive über die wichtigsten Ereignisse der letzten Kriegs- und ersten Nachkriegstage zu berichten. Dazu hatte er fünf Leitfragen formuliert, an denen sich die Geistlichen orientieren sollten. Manche Pfarrer antworteten binnen weniger Tage, andere erst Monate oder Jahre später, nachdem sie zweimal oder gar dreimal gemahnt worden waren. Einige Berichte kamen auch nie in Freiburg an, sei es, dass sie nicht geschrieben wurden, sei es, dass sie unterwegs verlorengegangen sind.
Einzelne Schreiben sind sehr lapidar und gehen gar nicht auf die Fragen ein – ein Beispiel ist die Postkarte des Pfarrers von Rauenberg: „Die Pfarrei Rauenberg hatte den ganz besonderen Schutz Gottes; von Kriegsereignissen kann hier nicht geredet werden. Glück auf!“ Andere sind sehr viel umfangreicher und gehen zeitlich, inhaltlich und geographisch weit über das hinaus, was der Erzbischof verlangt hatte. Als Beispiel sei der Bericht aus Achdorf genannt, der auf insgesamt 36 einzeilig getippten Seiten eine für die gesamte Region interessante und wertvolle „Kriegschronik“ darstellt.
Oftmals werden sehr detailliert die Bombardierungen und die Kampfhandlungen beim Einmarsch der Alliierten dargestellt, mitunter werden Getötete und Verwundete gezählt.
Auch die Schilderung der Schäden an Bauwerken ist nicht selten sehr eingehend. Immer wieder werden die Plünderungen durch Besatzungssoldaten, befreite Zwangsarbeiter oder Einheimische thematisiert, ebenso wie sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen. Interessant sind die bisweilen (scheinbar) genauen Zahlen, aber noch interessanter ist vielleicht, zu beobachten, wie die Berichterstatter mit dem Thema der sexuellen Gewalt als Mittel der Kriegsführung umgehen. Manchmal werden die Übergriffe in einem sachlich-kühlen Ton geschildert oder sogar angezweifelt, ab und an wird gar die ‚Schuld‘ an Vergewaltigungen beim Opfer gesucht. Und einzelne Pfarrer konstatieren, Frauen und Mädchen des Ortes würden sich den fremden Soldaten „an den Hals werfen“ oder sich ihnen für Vergünstigungen hingeben.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Rolle, die der Seelsorger in seiner Gemeinde während des Kriegs und nach der Besetzung erfüllt hat. Das geläufige Narrativ besagt, die christlichen Kirchen seien nahezu die einzigen Institutionen gewesen, die die Zeit des Nationalsozialismus funktionsfähig überstanden hätten. Sie seien daher für die Besatzungsmächte Partner für den Wiederaufbau und die Demokratisierung Deutschlands geworden und hätten in der Folge wichtige Positionen in Politik und Gesellschaft eingenommen. Untersuchungen zu diesem Thema konzentrierten sich bislang meist auf Bischöfe – mit den Kriegsberichten kommen auch einfache Gemeindepfarrer in den Blick.
Einer der Pfarrer – Heinrich Magnani aus Hettingen – räumt in seinem Bericht mit der weit verbreiteten Schutzbehauptung auf, man habe von den NS-Gräueln nichts gewusst: „1.) Die Judenverfolgung. […] Haben wir das gewußt? Ja, wir haben es ja selbst miterlebt! […] 2.) Das Massensterben in den Anstalten: […] Wußten wir das? Ja, aber nicht in seinem Umfang. […] 3.) Morde an Juden und Polen: […] Nur mit Entsetzen hörten wir die Soldaten davon erzählen, wir wollten es gar nicht glauben, nun aber hören wir über diese Wirklichkeit.“
Ein zentrales Thema sind die Bombardierungen. Gerade die Berichte aus den Städten zeigen, wie unterschiedlich das Ausmaß war. Während Konstanz überhaupt nicht bombardierte wurde und Heidelberg die alliierten Luftangriffe mit vergleichsweise geringen materiellen Schäden und rund 240 Opfern überstand, erlebte Freiburg bis Ende 1944 mehr als ein Dutzend Luftangriffe, wobei allein am 27. November 1944 fast 2.800 Menschen getötet und 80% der Innenstadt zerstört wurden. Große Unterschiede gab es auch dabei, wie die Besetzung verlief. Teils wurde der Einmarsch der Alliierten kaum bemerkt, teils gab es heftige Kämpfe mit großen Verlusten auf beiden Seiten.
Viele der Berichte gehen zeitlich weit über das Kriegsende hinaus und schildern den Alltag in den letzten Kriegstagen und der ersten Nachkriegszeit. Mangel an Lebensmitteln und Gebrauchsgütern gab es allerorten, ebenso eine oftmals gewaltige Wohnungsnot aufgrund der Zerstörungen durch Fliegerbomben und Artilleriebeschuss, der Aufnahme von Evakuierten und später Heimatvertriebenen, oder der Ansprüche der Besatzungsmächte. Auch über das Verhalten und das Schicksal der örtlichen NS-Funktionäre wird meist berichtet, wobei es offenbar nicht wenigen gelang, rasch wieder auf der Sonnenseite zu landen.
Insgesamt liegen aus den rund 950 damals bestehenden Pfarrgemeinden gut 1.100 Berichte vor, die einen reichen Fundus gehaltvoller Quellen für die orts , regional- und mentalitätsgeschichtliche Forschung bieten. Diese werden derzeit im Rahmen eines großen, auf mehrere Jahre angelegten Projekts in der Zeitschrift „Freiburger Diözesan-Archiv“ veröffentlicht. Bislang konnten in fünf Teilen mit zusammen rund 1.600 Druckseiten mehr als 800 Berichte zugänglich gemacht werden, weitere rund 70 Berichte werden noch im Jahr 2025 folgen, die restlichen bis 2027. Das EAF stellt die gedruckt vorliegenden Berichte als recherchierbare digitale „Sonderdrucke“ (pdf-Dateien) online bereit.
Christoph Schmider


