Kurioses aus den Kirchenbüchern (2): Die Wespe
13.05.2025 |
Im Archiv geht es häufig um Leben und Tod. Nicht, dass die Arbeit besonders gefährlich wäre: Dass jemand zwischen Rollregalen zerquetscht oder von einem herabfallenden Folianten erschlagen wird, ist recht unwahrscheinlich. Auch das Risiko, an den Folgen einer von Schimmelpilzen verursachten Mykose zu sterben, dürfte erheblich geringer sein als jenes, auf dem Arbeitsweg bei einem Verkehrsunfall ums Leben zu kommen. Aber ein nicht unerheblicher Teil der in Archiven verwahrten Unterlagen hängen unmittelbar mit dem Leben von Menschen zusammen oder gelangen erst nach deren Tod dorthin – man denke nur an Personalakten oder Nachlässe. Auch die in vielen Archiven zu findenden weltlichen oder kirchlichen Standesbücher haben direkt mit Leben und Ableben zu tun: Tauf- oder Geburtsbücher zum Beispiel, Ehebücher oder Sterbebücher.
Aber es gibt auch Todesfälle, die ursächlich von archivischem oder vorarchivischem Schriftgut verursacht werden, wie der vor einigen Jahren in einem im EAF verwahrten Kirchenbuch entdeckte mumifizierte Leichnam einer Wespe beweist. Sie wurde, so scheint es zumindest, beim Zuklappen eines Tauf-, Ehe- und Totenbuchs der Pfarrei Kappelrodeck erschlagen – jedenfalls ist der datierte, aber nicht unterzeichnete Sterbeeintrag so zu verstehen. Da der Fall längst verjährt ist, wird wohl nie mehr zweifelsfrei geklärt werden, ob es sich dabei um einen Unfall, also fahrlässige Tötung, um Totschlag oder gar um Mord handelte. Auch wurden offensichtlich keinerlei polizeiliche Ermittlungen angestellt, die zur Identifizierung des mutmaßlichen Täters hätten führen können.
Der Nachruf lautet wörtlich: „Am 6. Oktober 1940 starb plötzlich durch Unfall, Vulgara Vespa 63 Tage alt. Ruht in Friede!“ An diesem Nachruf – oder besser: Sterbeeintrag – ist manches auffällig. Da ist zunächst der Umstand, dass er nicht an der richtigen Stelle bzw. im richtigen Kirchenbuch zu finden ist: Ein Sterbeeintrag aus dem Jahr 1940 gehört eigentlich nicht in ein kombiniertes Tauf-, Ehe- und Sterbebuch mit einer Gesamtlaufzeit von 1705 bis 1728, sondern in das entsprechende Totenbuch, das im Fall der Pfarrei Kappelrodeck eine Laufzeit von 1908 bis 1946 hat. Allerdings lag es für den Schreiber des Eintrags natürlich nahe, ihn an der Stelle anzubringen, an der Frau Vulgara Vespa ihre letzte Ruhestätte gefunden hat – gewissermaßen als Grabinschrift.
Verwunderlich ist darüber hinaus die genaue Angabe des Lebensalters zum Zeitpunkt des Todes. Nicht, dass dies in Sterbebüchern unüblich wäre – im Gegenteil. Aber es stellt sich natürlich die Frage, woher der Schreiber der Grabinschrift so genau Bescheid wissen konnte, denn es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass die Tote ein Ausweisdokument oder gar eine Geburtsurkunde mit sich führte. Gleichwohl ist die Angabe „63 Tage“ durchaus realistisch, denn gemeine Wespen kommen üblicherweise zwischen etwa Mitte Mai und Mitte August zur Welt. Die im Kappelrodecker Kirchenbuch Verblichene, oder besser von diesem Erschlagene, wäre demnach am 4. August geboren. Wobei allerdings die Frage unbeantwortet bleiben muss, woher der Verfasser des Eintrags das so genau wusste. War er etwa bei der Geburt dabei?
Als Schreiber des Nachrufs – und somit auch als Totschläger – kommt im Grunde nur der damalige Pfarrer von Kappelrodeck in Frage. Zum einen deswegen, weil das Führen der Kirchenbücher Aufgabe des Pfarrers war, und zum anderen, weil wohl nur ein des Lateinischen kundiger und in der Zoologie bewanderter Mensch in der Lage gewesen sein dürfte, den wissenschaftlichen Namen der Wespe korrekt anzugeben. Als Pfarrer von Kappelrodeck amtierte seit 1936 der in Unterprechtal geborene Josef Kern (1891 – 1955), der zwar anscheinend kein profilierter Entomologe war, sich als Landkind aber in der heimischen Insektenwelt einigermaßen ausgekannt haben dürfte.
Christoph Schmider
Benutzte Archivalien
-K1/5015, Kappelrodeck-St. Nikolaus, Sterbebuch 1908-1946
-Personalakte Josef Kern (gest. 1955)


