Aktenzeichen - in Zeiten von KI wichtiger denn je!
03.06.2025 |
Die Entwicklung der digitalen Technologie und insbesondere die Recherchemöglichkeit in Datenbanken versprach insbesondere für Zeitgenossen mit geringem Ordnungssinn ein Segen zu werden. Man hoffte, alles über die Suchfunktion im großen Container zu finden, auch wenn es dort ohne jegliche Struktur und Ordnung abgelegt wurde. Diese Denkweise mündete folgerichtig in der Frage, wozu die moderne Schriftgutverwaltung überhaupt noch Aktenzeichen brauche. Ja, wenn eines Tages sogar die Künstliche Intelligenz in den Prozessen die Zuordnung von Dokumenten zur richtigen Akte automatisch übernimmt, dann sind Aktenzeichen wirklich Makulatur.
Doch diese Überlegung übersieht die Tatsachen. Der von Vertretern dieser Meinung gerne als Ausrede verwendete Spruch „Wer aufräumt, ist nur faul zum Suchen“ verkennt, dass in Wahrheit das Aufräumen das Suchen nicht verhindert, sondern nur erleichtert – zumindest, wenn man den Suchbegriff auf das Herschaffen bzw. Beibringen einer Information oder auch eines Gegenstandes ausweitet. Wenn ich z. B. meinen Schlüssel brauche, dann setze ich eine Aktivität in Gang, um diesen zu holen (in der Datenbank starte ich eine Such-Funktion), und bin dabei viel schneller erfolgreich, wenn ich weiß, in welcher Schublade oder auf welchem Regal ich suchen muss, als wenn ich erstmal die halbe Wohnung auf den Kopf stellen muss. Und wenn ich nicht genau weiß, welchen Schlüssel ich brauche, dann habe ich es viel leichter, wenn ich in derselben Schublade fünf nebeneinander finde und so den richtigen auswählen kann, als wenn ich die Schlüssel im Haus verteilt habe und letztendlich nicht weiß, ob ich alle gefunden habe oder einer noch irgendwo schlummert...
In der Datenbanksuche – das wird keiner bestreiten – ist es natürlich einfacher, ein Stichwort in die Volltextsuche einzugeben (wie wir es in Google tun), als in der Attributensuche zu differenzieren, in welches Suchfeld ich mein Stichwort eintrage (Geschäftszeichen, Betreff, Adresse usw.). Aber die Volltextsuche bringt mir eine viel längere und unsortierte Trefferliste mit zum Teil Einträgen, die mich gar nicht interessieren, aber dennoch präsentiert werden, weil das Suchwort in irgendeinem Feld enthalten war.
Kurioserweise erlangen in IT-Fachkreisen die Begriffe „Struktur“ und „Ordnung“ seit einiger Zeit wieder vermehrt an Bedeutung, nämlich gerade im Zusammenhang mit der Künstlichen Intelligenz. Für diese ist Struktur nicht nur nicht überflüssig, sondern geradezu notwendig. Um sie zu schulen, muss man ihr „zeigen“, in welchem Bereich sie die Informationen „erlernen“ soll. Und da ist es viel effektiver, wenn man ihr als „Lehrmaterial“ kleinere Einheiten vorgeben kann, als wenn sie sich im großen Container alles aneignen muss, das meiste davon umsonst. Also lieber dünnere Fachbücher zum Büffeln geben, als das ganze zwölfbändige Lexikon...
In der Schriftgutverwaltung sorgen Aktenzeichen dafür, dass das Schriftgut nach einheitlichen Grundsätzen geordnet, registriert, abgelegt, und später auch ausgesondert werden kann. Was heute für Bürokräfte ein Wegweiser bei ihrer Arbeit ist, könnte also eines Tages auch der KI zunutze werden. So würde eine elektronische Unterrichtseinheit im Erzbischöflichen Ordinariat z. B. lauten: Dokumente mit Personalfall lege im Bereich 97* ab, wobei du Religionslehrer zu 97.6* schiebst und Priester zu 97.1*. Und wenn im Betreff des Schreibens das Wort ‹Orgel› erscheint, dann gehe zum Bestand 94.16.11*.
Eine strukturierte Ablage erweist sich aber auch in anderen Fachbereichen als sinnvoll, wie es das folgende, weniger alltägliche Beispiel aus der Musikwelt veranschaulichen soll:
Der österreichische Jurist und Historiker Ludwig Ritter von Köchel hat sich an die Herausforderung gewagt, sämtliche Werke von Wolfgang Amadeus Mozart chronologisch zu ordnen und mit Nummern zu versehen. Herausgekommen ist das weit verbreitete Köchelverzeichnis (KV), das mit einem der frühesten Klavierwerke des achtjährigen Komponisten beginnt (KV 1) und mit dem Requiem endet (KV 626). Köchels Vorgehen war gewagt, denn bereits zu seinen Lebzeiten sind weitere Werke Mozarts aufgetaucht, erst recht in späteren Jahren. Darüber hinaus waren auch manche Datierungen zu korrigieren, so dass mehrere Neuauflagen des Verzeichnisses erscheinen und an vielen Stellen Anhänge in die numerische Ordnung eingefügt werden mussten. Dadurch sah das Köchelverzeichnis 100 Jahre nach seinem Erscheinen so aufgebläht aus, wie es der folgende Ausschnitt von (ursprünglich) zehn Nummern exemplarisch zeigt:
Der österreichische Jurist und Historiker Ludwig Ritter von Köchel hat sich an die Herausforderung gewagt, sämtliche Werke von Wolfgang Amadeus Mozart chronologisch zu ordnen und mit Nummern zu versehen. Herausgekommen ist das weit verbreitete Köchelverzeichnis (KV), das mit einem der frühesten Klavierwerke des achtjährigen Komponisten beginnt (KV 1) und mit dem Requiem endet (KV 626). Köchels Vorgehen war gewagt, denn bereits zu seinen Lebzeiten sind weitere Werke Mozarts aufgetaucht, erst recht in späteren Jahren. Darüber hinaus waren auch manche Datierungen zu korrigieren, so dass mehrere Neuauflagen des Verzeichnisses erscheinen und an vielen Stellen Anhänge in die numerische Ordnung eingefügt werden mussten. Dadurch sah das Köchelverzeichnis 100 Jahre nach seinem Erscheinen so aufgebläht aus, wie es der folgende Ausschnitt von (ursprünglich) zehn Nummern exemplarisch zeigt:
Diese Unübersichtlichkeit wagte man in der neuesten, im September 2024 erschienenen Auflage so zu bereinigen, dass man die höchste, bisher als unantastbar geltende Nummer 626 (Requiem) aufgab und alle zwischengeschobenen Werke mit neuen Nummern darüber versah. Damit wurde allerdings auch die von Köchel beabsichtigte Chronologie endgültig aufgegeben.
Geschickter dagegen ist Anthony van Hoboken vorgegangen. Der niederländische Musikwissenschaftler erstellte ein „thematisch-bibliographisches“ Werkverzeichnis der Kompositionen von Joseph Haydn (Hob). Er stellte nicht die Chronologie in den Vordergrund, sondern strukturierte das Gesamtœuvre zunächst nach Gattungen und bildete 32 Gruppen (Aktenzeichen!), von Gruppe I (Sinfonien) bis Gruppe XXXII (Pasticcios). Die Ordnung innerhalb der einzelnen Gruppen erfolgte zwar initial chronologisch, diese wurde aber natürlich mit jeder späteren Ergänzung aufgelöst, was aber keine Nachteile bringt. Die Grundordnung kann nämlich im Gegensatz zum Köchelverzeichnis bewahrt werden, denn eine neu entdeckte Sinfonie wird der Gruppe I zugeordnet, ein Klavierkonzert der Gruppe VII usw. Umgekehrt erkennt der kundige Fachmann an einer ihm unbekannten Werknummer XXII/12 sofort, dass es sich um eine Messe handeln muss, denn die Gruppe XXII sind die Messen.
Struktur und Ordnung waren schon immer und sind auch heute für die natürliche Intelligenz eine Stütze, sie werden es aber auch künftig für die künstliche Intelligenz bleiben und sind somit auch in Zukunft alles andere als überflüssig.
László Strauß

