Wir möchten uns in diesem Beitrag dem Freiburger Archiv Soziale Bewegungen e. V. widmen. Der hauptamtliche Leiter, Michael Koltan, hat sich die Zeit für uns und alle unsere Fragen genommen. Wir wollten das Interview unbedingt führen, weil uns der kollegiale Austausch wichtig ist und der Einblick in eine kleinere Einrichtung durchaus den eigenen Horizont erweitern kann. Viele grundsätzliche Probleme und Herausforderungen treten in der Form schlicht in mittleren und großen Archiven nicht auf.
Die letzten zwei Deutschen Archivtage unterstrichen, dass Archive für die Demokratie (2023) und für eine resiliente Gesellschaft (2024) von großer Bedeutung sind. Mit seinem Sammlungsschwerpunkt entspricht das Archiv Soziale Bewegungen in Freiburg dieser Beschreibung wie kaum ein anderes.
Zu Besuch bei Michael Koltan vom Archiv Soziale Bewegungen in Freiburg
04.02.2025 |
Sarah Mammola und Tony Franzky
Ein paar Informationen vorab
Das Freiburger Archiv Soziale Bewegungen gibt es seit 1985 und es ist weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Neben dem hauptamtlichen Leiter ist eine weitere Person auf Minijob-Basis hier tätig sowie zwei Ehrenamtliche, deren Engagement unentbehrlich für den laufenden Betrieb und die Erschließung der Bestände ist.
Auf derzeit 300 Regalmeter verteilen sich Flugblätter, Zeitschriftentitel, Broschüren, Plakate, Fotos, Transparente, Ton- und Filmdokumente. Die Zeitschriften werden überregional gesammelt und, obwohl sie sogenannte „graue Literatur“ sind, gibt es sie manchmal in ganz Deutschland nur noch hier. Darin zeigt sich die Bedeutung kleinerer Einrichtungen, die man vielleicht nicht immer präsent hat: bei ihnen kommt an, was größere Häuser nicht interessiert und nach der reinen Lehre für sie nicht archivwürdig ist.
Auf derzeit 300 Regalmeter verteilen sich Flugblätter, Zeitschriftentitel, Broschüren, Plakate, Fotos, Transparente, Ton- und Filmdokumente. Die Zeitschriften werden überregional gesammelt und, obwohl sie sogenannte „graue Literatur“ sind, gibt es sie manchmal in ganz Deutschland nur noch hier. Darin zeigt sich die Bedeutung kleinerer Einrichtungen, die man vielleicht nicht immer präsent hat: bei ihnen kommt an, was größere Häuser nicht interessiert und nach der reinen Lehre für sie nicht archivwürdig ist.
Die Finanzierungssituation bereitet allerdings Sorgen, weil sie teils starken Schwankungen unterliegt. Das Jahresbudget umfasst ca. 70.000-80.000 Euro und davon muss alles bezahlt werden: Personal, Miete, Strom, andere laufenden Kosten, Anschaffungen. Der im Haushalt der Stadt Freiburg veranschlagte Jahreszuschuss beträgt aktuell etwas mehr als 40.000 Euro; daneben gibt es noch Mittel vom Land Baden-Württemberg. Alles Weitere kommt über Spenden und den ein oder anderen Fördertopf, um den sich Herr Koltan bemühen muss. Zur finanziellen Unterstützung hat sich ein Förderkreis gebildet, dessen Spenden unverzichtbar für den Erhalt des Archivs sind, dessen Beiträge jedoch rückläufig sind – insgesamt also eine Situation, die so nicht haltbar ist und aufgrund der gesellschaftlichen Bedeutung des Archivs verbessert werden muss.
Zum Interview mit Michael Koltan
- Ihr habt ein breites Sammlungsangebot. Wofür interessieren sich die Nutzer:innen am meisten?
Die meistgenutzten Hauptgruppen stehen direkt nebeneinander im Raum. Es sind unsere Bestände 5. Studenten-Bewegungen, 9. Linke Gruppen, 12. Anti-AKW-Bewegung und 14. Stadtentwicklung und Häuserkampf. Im Untergeschoss liegt noch der Bestand 7. Feministische Bewegungen, der ebenfalls sehr nachgefragt wird. Manche Bezeichnungen wirken heutzutage eher unpassend oder veraltet, aber wir erhalten sie bei den älteren Teilen der Sammlungen und vergeben bei den Neuzuwächsen geeignetere Begriffe.
- Woher bekommt ihr eure Bestände?
Unsere Sammlung setzt sich aus zahlreichen größeren und kleineren Abgaben zusammen. Die Menschen geben manchmal einzelne Schreiben ab und manchmal werden uns gleich mehrere Kartons angeboten, die beim Aufräumen gefunden wurden.
1986 kam beispielsweise ein massiver Holzschrank ins damals noch neue Archiv. Er war gefüllt mit Zeitschriften und Flugblättern, allesamt sauberer beschriftet und Klarsichthüllen verpackt. Heute bildet diese Ablieferung etwa die Hälfte von Bestand 5.
1986 kam beispielsweise ein massiver Holzschrank ins damals noch neue Archiv. Er war gefüllt mit Zeitschriften und Flugblättern, allesamt sauberer beschriftet und Klarsichthüllen verpackt. Heute bildet diese Ablieferung etwa die Hälfte von Bestand 5.
- Gibt es einen Bestand, den du sehr gerne ins Archiv aufnehmen wollen würdest?
Wenn ich mir etwas wünschen könnte, wäre es der Nachlass von Lore Haag. Sie war eine sehr bedeutende Aktivistin zu Zeiten der Anti-AKW-Bewegung.
- Welche Neuanlieferung bearbeitet ihr aktuell und wie kamt ihr dazu?
Das wären die acht Umzugskartons mit Zeitschriften aus dem Redaktionsarchiv „s’Blättle“, einer Alternativzeitung aus den 1970/80er Jahren aus Stuttgart. Die Zeitschriftensammlung kam über einen persönlichen Kontakt zu uns; eine ehemalige Archivreferendarin war bei einem Ausflug nach Freiburg hier zu Besuch. Einige Zeit später hat sie die Sammlung im Uniarchiv Stuttgart entdeckt, dabei an uns gedacht und Kontakt aufgenommen, weil die Reihe aus ihrer Sicht sehr gut in unser Archiv passen würde. Das sehen wir genauso. Wir sind sehr glücklich über diesen Neuzugang und er wird auch bereits von einem Praktikanten verzeichnet.
- Kann man ein Praktikum bei euch absolvieren und was muss man dazu wissen?
Ja, sehr gerne. Das Praktikum sollte wenigstens sechs Wochen dauern. Vorwissen ist nicht nötig, denn wir arbeiten die Personen ein.
- Macht ihr Kooperationen, etwa mit der Uni Freiburg oder anderen Archiven?
Ja, gerade wirken wir bei einem Forschungsprojekt zu lesbischen Frauen im Südwesten mit. Zuvor haben wir beispielsweise bei einem Projekt zum Thema Rechtsextremismus mitgemacht.
Ansonsten begrüßen wir regelmäßig Referendar:innen vom Landesarchiv Baden-Württemberg. Wenn sie nach Freiburg kommen, besuchen sie gerne mal das Staatsarchiv und uns – ein richtiger Kontrast.
Ansonsten begrüßen wir regelmäßig Referendar:innen vom Landesarchiv Baden-Württemberg. Wenn sie nach Freiburg kommen, besuchen sie gerne mal das Staatsarchiv und uns – ein richtiger Kontrast.
- Wie funktioniert die Nutzung bei euch?
Man kann vorab online recherchieren, aber ich führe grundsätzlich eine ausführliche Besprechung durch, auch mal am Telefon. Ich sehe es als meine Aufgabe, die Leute durch das Archiv zu leiten und mein Wissen über unsere Bestände weiterzugeben. Vor Ort zeige ich weitere Suchmöglichkeiten über unser Datenbanksystem auf oder lege den Nutzer:innen an uns abgegebene Abschlussarbeiten vor, damit sie übergreifende Zusammenhänge nachlesen und neue Anregungen zum eigenen Thema bekommen können.
- Womit seid ihr beschäftigt?
Ganz aktuell mit einem Raumausbau und den dafür anfallenden Kosten. Wir konnten einen Nebenraum im Untergeschoss für das Archiv anmieten und haben rund 100 Regalmeter neu angeschafft – wofür wir aktuell noch keine Finanzierung haben. Allerdings benötigen wir den Platz, auch wenn das noch höhere Mietkosten bedeutet. Vor Weihnachten wollen wir deshalb eine Crowdfunding-Kampagne starten, um die Kosten für den Umbau und die neu angeschafften Regale hereinzubekommen.
Ansonsten wird nebenbei gescannt, etwa die Flugblätter, und wir lassen Transkripte von unseren Audiodateien mit Whisper erstellen.
Ansonsten wird nebenbei gescannt, etwa die Flugblätter, und wir lassen Transkripte von unseren Audiodateien mit Whisper erstellen.
- Was sind die derzeit größten Herausforderungen?
Die Finanzierung und die Nachfolgeregelung. Unser Budget ist sehr knapp und wenn man um jeden Euro kämpfen muss, macht es das nicht unbedingt einfacher, Mitarbeitende zu gewinnen oder die eigene Nachfolge zu regeln. Auf Ehrenamtliche sind wir regelrecht angewiesen. Einen neuen Scanner bräuchten wir auch.
- Noch eine persönliche Frage zum Schluss: Wie kamst du zum Archiv Soziale Bewegungen?
Ich kam aus der Aktivismus-Szene und wollte mich im Archiv Soziale Bewegungen über die Studentenbewegung informieren. Ich habe die Zeitschriften dazu eingesehen, sie dann gleich noch ehrenamtlich verpackt und verzeichnet. 1986 kam dann eine größere Abgabe, die den Grundstock von Bestand 5 gebildet hat. Das hat mich so sehr interessiert, dass ich auch den ehrenamtlich bearbeitet habe. Mein Ehrenamt habe ich bis 2020 fortgeführt, eigentlich bin ich Informatiker. Nachdem mein Vorgänger in Rente gegangen ist, habe ich die Leitung übernommen. In etwa zehn Jahren möchte ich den Stab weitergeben und hoffe auf eine bis dahin solide Finanzierung für das Archiv Soziale Bewegungen.
Lieber Michael, wir bedanken uns herzlich für deine Gastfreundschaft und die spannenden Eindrücke in (d)ein außergewöhnliches Archiv. Wir hoffen, es bleibt uns allen noch sehr lange erhalten.
Sarah Mammola und Tony Franzky
Nutzung
- die wichtigsten Informationen und Kontaktdaten sind auf der Homepage des Archivs Soziale Bewegungen in Freiburg zu finden
- spannende Reihe “der Monat vor 50 Jahren“ mit Informationen zur Chronologie der Bewegungsgeschichte und einer Auswahl digitalisierter Dokumente
Ein aktueller Appell an die Träger der Archive
Der Verband deutscher Archivarinnen und Archivare e. V. (VdA) hat kürzlich sein Positionspapier "Eine freiheitliche Gesellschaft braucht starke Archive" mit neun Punkten sowie eine Pressemitteilung formuliert. Darin wird unter anderem die desolate Finanzierungssituation der Archive in freier Trägerschaft angesprochen. Auf das Schreiben sei an dieser Stelle verwiesen, weil es die gesellschaftliche Relevanz des Archivs Soziale Bewegungen von anderer Seite beleuchtet.
>> Zum Positionspapier des VdA


