Wie ein Foto sich selbst datiert

13.01.2025 | Indiziensuche in der persönlichen Fotodokumentation

Eine der wichtigsten Errungenschaften der digitalen Fotografie ist die Tatsache, dass der mit einem Klick entstandenen Bilddatei sofort das Metadatum „Aufnahmezeit“ mitgegeben wird. Diese Information vermissen nicht nur Historiker mitunter sehr, sondern auch viele Privatpersonen bei ihren heimischen Fotosammlungen, etwa wenn man im Karton mit den teils vergilbten Papierabzügen wühlt und wissen möchte, ob man auf dem einen Bild noch vier Jahre alt war oder doch schon fünf. In neuerer Zeit haben zwar Fotolabors den Monat und das Jahr auf die Rückseite der Abzüge aufgedruckt, die aber lediglich eine Aussage über den Zeitpunkt der Entwicklung und des Erstabzugs gaben, nicht jedoch über die Entstehung der Aufnahme. Manchmal befand sich ein Film mehr als ein Jahr in der Kamera. Und wenn man viele Monate später einen weiteren Abzug nachbestellte, dann war mit dem komplett falschen Datum auf der Rückseite die Verwirrung ganz da.

Oft ist nicht nur im Hinblick auf die abgebildeten Personen eine präzisere Datierung interessant. (Hobby-)Heimatforscher erfreuen sich an dem vermeintlich irrelevanten Hintergrund oft mehr, wenn sie an der historischen Aufnahme ein interessantes Detail entdecken oder einfach den vertrauten Straßenzug in der alten Ansicht sehen. Dann ist plötzlich das alte Postgebäude oder der alte Daimler im Hintergrund viel wichtiger als die Oma als junges Mädchen im Vordergrund.
 
Doch genau solche Hintergrunddetails können zuweilen sehr nützliche Hinweise zur chronologischen Einordnung einer Aufnahme liefern – nämlich tempora ante quem und tempora post quem. Das heißt: auf dem Bild ist erkennbar, dass ein zeitlich genau bestimmbares Ereignis noch nicht stattgefunden hat, also die Aufnahme noch davor stattfand (tempus ante quem) oder dass ein zeitlich genau bestimmbares Ereignis schon stattgefunden hat, also die Aufnahme danach stattfand (tempus post quem). Wenn also die Oma das Kleid, das sie auf dem Bild trägt, erst zur Erstkommunion 1939 bekommen hat und das Postgebäude 1943 zerstört wurde, dann entstand das fragliche Foto in dieser Zeitspanne zwischen 1939 und 1943.
 
Diesbezüglich hatte der Verfasser dieser Zeilen einst ein sehr eindrückliches Erlebnis, das es Wert ist, hier dargestellt zu werden, auch wenn die fragliche (hier abgebildete) historische Aufnahme nicht aus dem Erzbistum Freiburg stammt.
 
Quelle: http://fovarosunkbudapest.network.hu/kepek/budapest_regen/budapest_anno__regi_erzsebethid
 
Der Verfasser legte seinem Vater eine alte Ansicht von Budapest vor. Beide – Vater und Sohn – sind begeisterte Liebhaber dieser Stadt und der Vater darüber hinaus ein passionierter Kenner der Geschichte des öffentlichen Nahverkehrs dort. Er schaute sich das Foto an und sagte nach einem kurzen Nachdenken: Ein Sommertag im Juli/August 1941 mittags.

Daraufhin erklärte er dem verblüfften Sohn alle Indizien, die die zeitliche Einordnung so präzise ermöglichten. Tempus ante quem: Die alte Elisabethbrücke (im Hintergrund) wurde am 14. Januar 1944 gesprengt. Die motorisierten Fahrzeuge fahren auf der „falschen“ Seite; die Umstellung von Links- auf den Rechtsverkehr erfolgte in Budapest am 9. November 1941. Zwei Umstände also, vor denen die Aufnahme erfolgen musste.
Tempus post quem: Der Scheinwerfer der Straßenbahn ist luftschutzbedingt abgedeckt, nur ein dünner Schlitz durfte freigelassen werden. Diese Verordnung wurde in Ungarn 1940 erlassen. Die Straßenbahn links im Hintergrund gehört zu einer bestimmten Serie, deren ersten Fahrzeuge ab dem Herbst 1940 ausgeliefert wurden. Da das Bild aber eindeutig im Sommer entstand, kann das nicht mehr 1940 sein. Zwei Umstände also, nach denen die Aufnahme erfolgen musste. Dass die Straßenbahnlinie 17 erst im Juni 1941 reaktiviert wurde, erwähnte der Vater nicht, aber das bestätigt nur seine zeitliche Einordnung.
 
Für die Aufnahme im Sommer sprechen der kräftig belaubte Baum sowie der Umstand, dass auf der Fahrerseite des Busses als natürliche Klimaanlage die Tür entfernt ist. Für die Mittagszeit spricht der am kurzen Schatten erkennbare hohe Sonnenstand aus Süden.
 
Das Erinnerungsvermögen des alten Herrn ist außergewöhnlich und kann so nicht vorausgesetzt werden. Wann eine markante Veränderung während unserer Lebenszeit erfolgt ist, muss man das nicht unbedingt wissen, das lässt sich heutzutage leicht eruieren. Aber dazu muss man wissen, dass eine Veränderung stattgefunden hat. 
 
Machen Sie mal die Probe aufs Exempel: Wissen Sie noch, wie das Netz des öffentlichen Nahverkehrs in Ihrer Stadt vor zehn Jahren ausgesehen hat, welche Linie es noch gab oder noch nicht gab? Wissen Sie noch, welche Gebäude in einer wichtigen Hauptstraße vor zehn Jahren noch gar nicht standen, sondern sie erst seitdem gebaut wurden?
 
László Strauß