Sprechmaschine

17.07.2024 |

In zahlreichen Pfarrarchiven gibt es Akten, deren Titel mit Wörtern wie „öffentliches Ärgernis“ oder „Unsittlichkeit“ deftige Inhalte versprechen. Dies ist freilich kein Wunder, sondern im bis Anfang des 21. Jahrhunderts geltenden, 1884 von Gustav Adolf Beh konzipierten, 1907 und 1961 aktualisierten Aktenplan ausdrücklich vorgesehen. 

Was in diesen Akten enthalten ist, eignet sich allerdings nur selten dazu, heutige Sensationsgelüste zu befriedigen – eher sorgt es für Verwunderung darüber, was noch vor einem halben oder ganzen Jahrhundert als Ärgernis erregend oder unsittlich galt: „Unmäßigkeit“, „Nachtschwärmerei“, „Modeauswüchse“, „Tanzbesuch der Schuljugend“ oder „Baden an öffentlichen Orten“. Aber manchmal verbergen sich in diesen Akten sogar richtig spannende Geschichten, wie beispielsweise in der Akte Nr. 159 aus dem Pfarrarchiv der Freiburger Münsterpfarrei (Dompfarrei). Dort ist ein aus zwei Schriftstücken bestehender Vorgang aus dem Jahr 1798 zu finden, den einige Zeit später jemand mit dem Betreff „Unfug einer Sprechmaschine“ und dem vom Aktenplan – in der Fassung von 1907 – vorgegebenen Aktenzeichen „XXII h“ versehen hat. 
 
EAF, PfA Freiburg-Dompfarrei 159, Aktendeckel
EAF, PfA Freiburg-Dompfarrei 159, Aktendeckel

Das erste der beiden Schreiben, vorhanden als zwar nicht unterzeichnetes, aber höchstwahrscheinlich von Münsterpfarrer Bernhard Galura eigenhändig verfasstes, auf den 21. September 1798 datiertes Konzept, richtet sich an die „Wohllöbl[iche] K[aiserlich] K[önigliche] V[order]ö[sterreichische] Landes-Polizei-Direction!“ Nach einer in wohlgesetzten Worten verfassten Einleitung sagt der Münsterpfarrer, es sei seine Absicht, die Polizei „auf die Sprachmaschine, welche wirklich in unserer Stadt geduldet wird, aufmerksam zu machen.“ Galura, ein hoch gebildeter und aufgeklärter Theologe, glaubte zwar nicht, „daß ein vernünftiger Mensch hier etwas anders vermuthe, als einen künstlichen Betrug.“ Doch er zweifelte offenbar an der Vernunft seiner Mitmenschen, denn er fuhr fort: „Hätte derselbe keine bösen Folgen, und denkten alle Menschen gleich richtig, so könnte dieses Blendwerk ganz wohl geduldet werden; allein niemand ist befugt, mit seiner Kunst Schaden zu stiften, und dieß ist hier wirklich der Fall.“ 
Was Galura dann an Folgen aufzählt, ist in der Tat einigermaßen besorgniserregend – und lässt zugleich Schlüsse darauf zu, was es mit dieser „Sprechmaschine“ auf sich gehabt haben könnte: 
 
1tens ist es erprobte Thatsache, daß die Leute in wahrem Ernste hingehen, über verborgene Dinge eine Auskunft zu erhalten.
2tens: Daran halten sich die Leute, und daraus entstehen Unglüke; Trennungen in den Ehen, Mißvergnügen, ungegründete Bangigkeiten, einfältige Täuschungen etc.
3tens werden die Leute vom wahren Vertrauen auf Gottes Vorsehung (welche die Zukunft vor uns verborgen hat), vom Gebete und dem Beweggrund eigener Rechtschaffenheit abgeführet, und verleitet, sich an einen Ausspruch zu halten, dessen Ursprung sie sich nicht erklären können. Der Mensch ist von Natur geneigt, das Angenehme zu glauben, das Unangenehme aber zu fürchten. Das dumme Zutrauen, mit dem auch bessere Leute die Orakelsprüche ihrer Schiksale auffangen, ist lächerlich und auffallend, und dies ist dem wahren Glauben an eine Vorsehung, welche die Schiksale aller Menschen regieret, höchst schädlich. Das Heidenthum bestand nie in einer Wirklichkeit, sondern im einfältigen Glauben an das, was nicht war. 
4tens ward mir die Anzeige gemacht, daß die Bauersleute anfangen, mit Rosenkränzen und betend zu dieser Maschine zu kommen, als giengen sie an einen Wallfartsort, und um sich eine günstige Antwort zu verschaffen; sie sagen, daß in den lezten Zeiten solche Zeichen und Wunder geschehen werden. Der Urheber dieser mir gemachten Anzeige hat solche Leute betend angetroffen, und sie mit einer Zufriedenheit nach Haus gehen gesehen, als hätten sie mit Gott gesprochen.
 
Für Galura war somit erwiesen, „daß diese Maschine höchst schädlich sey“, und er bat dringend darum, „im Namen der guten Sache und aller Leute, die durch einen Betrug sich verführen lassen, dieser Sache nicht nur in Freyburg sondern im ganzen Lande ein schnelles Ende zu machen.
 
Schon am nächsten Tag, dem 22. September 1798, erhielt Galura die Antwort von der Polizeidirektion – womit zum Einen bewiesen ist, dass Behörden seinerzeit keineswegs grundsätzlich langsam arbeiteten, und zum Anderen, dass die Post, zumindest innerhalb der Stadt Freiburg, fast schon E-Mail-Geschwindigkeit erreichte und somit erheblich schneller war als heute. Was die Frage nach sich ziehen könnte, wie sie transportiert wurde, denn Fahrradkuriere gab es seinerzeit definitiv noch nicht.
 
Man habe, so die Polizeibehörde, schon bevor die Maschine nach Freiburg gekommen sei, „hinlängliche Vorsichts Maßregeln getroffen“ und den Betreiber „nachdrucksamst angewiesen, keine alberne Frage zu beantworten, noch vielweniger aber seine Machine Repliken über zukünftige Dinge herstottern zu lassen“ und diese Anordnung „durch die Aufsicht eines Polizey Soldatens unterstüzet“. Durch Galuras Schreiben habe man nun allerdings erfahren müssen, dass „der Aberglauben in diesem physischen Experiment Stoff zur Nahrung finde, und überhaupt bei der minder unterrichteten und besonderer Eindrucke empfänglichen Klasse der Neügierigen Begriffe veranlasset werden, welche üble Wirkungen hervorbringen“. Daher habe man augenblicklich „die Anstößige Sprach-Machine“ verboten und dem Eigentümer klar gemacht, dass „sich dieses Verbotte auf die gesammten k.k. Vorlande ausdehne.“ 
 
Damit war der Fall, zumindest für die Freiburger Münsterpfarrei, anscheinend erledigt, denn in deren Akten findet sich weiter nichts. Für uns aber könnte die Geschichte jetzt erst richtig interessant werden und Anlass für weitergehende Forschungen bieten. Just am 22. September 1798 veröffentlichte nämlich der Gürtler Ignaz Wagner in der Freiburger Zeitung eine Anzeige, in der er mehrere „mechanische Kunststücke“ anbot. Darunter waren ein „mechanisches Treibhaus mit dreyerley Gewächsen“, ein „mechanischer Türk, schön gekleidet“, und eine „große Sprachmaschine, als Sultaninn gekleidet. Diese Maschine spricht sehr deutlich und beantwortet alle ihr vorgelegten Fragen, man mag sie laut, oder leise fragen.
 
Zeitungsanzeige aus: Freiburger Zeitung, 1798-09-22
 
Dies wirft Fragen auf, die auch die Sprechmaschine mutmaßlich nicht hätte beantworten können:
  • Handelte es sich bei der Maschine, die Galuras Missfallen erregt hatte, um die von Wolfgang von Kempelen, die im ausgehenden 18. Jahrhundert für Furore gesorgt hatte, oder um eine Nachahmung? Ob Kempelen oder seine Sprechmaschine jemals in Freiburg war, scheint (bislang) nicht erforscht. 
  • Stimmt Wagners Angabe, die von ihm angebotenen „Kunststücke“ seien „von dem berühmten Mechanikus Hrn. von Philidor verfertiget“? Einen Mechaniker namens von Philidor kennt die deutsche Wikipedia nicht – aber vielleicht ist der Zauberkünstler und Schausteller Paul Philidor gemeint, den die englische Wikipedia verzeichnet?
Immerhin lässt sich mit Hilfe des Freiburger Adressbuchs von 1798 nachweisen, dass Ignaz Wagner nebenher beim Korps der „Freyburger Freywilligen“ in der „Kompagnie von Herrn Hauptmann Bob“ als Schreiber und Feldwebel fungierte – was freilich in Sachen „Sprechmaschine“ nicht wirklich weiterhilft.
 
Christoph Schmider
 

Nutzung

Die Signatur zur Bestellung der Akte lautet: PfA Freiburg-Dompfarrei 159. Sie dürfen die Akte gerne in unserem Lesesaal einsehen; vereinbaren Sie vorab einen Termin und geben Sie bitte auch die Signatur an.