Archivvorstellung: Landeskirchliches Archiv Karlsruhe

24.01.2024 |

Jede der evangelischen Landeskirchen Deutschlands besitzt heutzutage ein eigenständiges Archiv. In den knapp 400 Jahren zwischen der Reformation und der Ratifizierung der Weimarer Verfassung 1919 waren in den evangelisch geprägten Gebieten die protestantischen Kirchen häufig die Landeskirchen des jeweils herrschenden Adelsgeschlechts. Nach dem Übergang zur Weimarer Republik und dem damit einhergehenden Ende der geistlichen Herrschaft der adeligen Landesherren wurden viele evangelische Landeskirchen zu eigenständigen Behörden, die für die Führung der Schriftgutverwaltung und Archivierung selbst verantwortlich waren. In den Jahrzehnten zwischen 1920 und 1970 gründeten viele von ihnen ihre eigenen Archive. 

Dies ereignete sich auch in Baden, wo die Vereinigte Evangelisch-protestantische Kirche bis Ende 1918 dem Großherzog unterstand. Seit 1907 residiert die kirchliche Verwaltung in dem noch immer aktuellen Dienstsitz, dem Evangelischen Oberkirchenrat in Karlsruhe. Dort entstand 1939 das badische Landeskirchenarchiv, als der erste hauptamtliche Archivleiter Hermann Erbacher in zwei Kellerräume einzog, von denen einer das Magazin und der zweite den Lesesaal und Büro darstellte. 
 
Blick in den Archivlesesaal (links) und den Magazingang mit Herrn Erbacher (rechts), 1953

Der Bestand des Landeskirchlichen Archivs umfasst primär die selbst gebildeten amtlichen Verwaltungsakten des Ev. Oberkirchenrats. Erst unter Erbachers Nachfolger Hermann Rückleben wurden Unterlagen ab 1974 aus landeskirchlichen Ämtern, Vereinen und Einrichtungen dem Gesamtbestand hinzugefügt. Das älteste Schriftgut im Landeskirchlichen Archiv umfasst Unterlagen aus Kirchengüter- oder Kirchenfinanzverwaltungen, durch die bis ins späte 15. Jahrhundert das kirchliche Handeln in Baden dokumentiert werden kann. Abgesehen davon machen Nachlässe von Persönlichkeiten der badischen Kirchengeschichte und anderes Sammlungsgut (wie Feldpostbriefe oder Bilder und Fotos) einen Teil des Archivbestands aus. Mit ca. 2100 Bänden wird ferner etwa ein Fünftel aller badischen Kirchenbücher im 2010 eingeweihten Neuen Magazin im Evangelischen Oberkirchenrat gelagert. 

Unter der Leitung von Hermann Rückleben wurde auch die Archivpflege ab 1989 fester Bestandteil der Arbeit im Landeskirchlichen Archiv, als zum ersten Mal der Posten eines festangestellten Archivpflegers besetzt wurde. Die im selben Jahr erlassene Verordnung über das Archivwesen legte die rechtliche Basis für die Fachaufsicht des Landeskirchlichen Archivs über die Pfarr- und Dekanatsarchive Badens fest. Mit dem „Kirchlichen Gesetz über das Archivwesen in der Evangelischen Landeskirche in Baden“ aus dem Jahr 2022 wurde diese Fachaufgabe erneut rechtlich bestätigt. Bei den Archivpflegeterminen vor Ort werden die Bedingungen überprüft, Kassationen durchgeführt und Pfarramtsangestellte in der Schriftgutverwaltung und Archivierung geschult. Eine Verzeichnung der Bestände findet durch den/die Archivpfleger*in statt. Da sich bei ca. 700 Pfarr- und Kirchengemeinden in Baden noch nicht überall ein vom Landeskirchlichen Archiv eingerichtetes Archiv befinden kann, wird die Verzeichnung unerschlossener Überlieferungen durch vier Projektkräfte vorgenommen, die bis Ende 2025 für eine weitreichende Verbreitung von Pfarrarchiven sorgen sollen. 
 
Sicht auf das Archiv und die Bibliothek, 2021

Sowohl für die interne Verwaltung als auch die Pfarrämter und Dekanate ist darüber hinaus die digitale Langzeitarchivierung Teil der Archivpflege. Das Landeskirchliche Archiv unterhält dafür in Kooperation mit den anderen evangelischen und katholischen Kirchenarchiven Baden-Württembergs ein eigenes Digitales Magazin. Das landeskirchliche Archiv ist ferner involviert in den Aufbau einer digitalen Ablage und Aktenführung in der gesamten Landeskirche. Die enge Anbindung an die eigene Verwaltung wird auch durch Schulungen in Schriftgutverwaltung und Archivierung ausgedrückt, die für die Mitarbeitenden in der badischen Landeskirche regelmäßig angeboten werden. Ein besonderes Charakteristikum des Landeskirchlichen Archivs ist die Restaurierungswerkstatt, in der die Bestandserhaltung von Kirchenbüchern und Verwaltungsakten der badischen Landeskirche gewährleistet wird. 

Abgesehen von der Tätigkeit für den Verwaltungsträger und von der Archivpflege steht das Landeskirchliche Archiv auch der Öffentlichkeit zur Verfügung. Familienforscher*innen und Wissenschaftler*innen, v.a. Kirchenhistoriker*innen, Architekt*innen oder Denkmalpfleger*innen, suchen den Lesesaal des Ev. Oberkirchenrats auf, den das Archiv und die Landeskirchliche Bibliothek gemeinsam betreiben. Dort haben die Nutzer*innen Zugriff auf Sekundärquellen wie Ortssippen- und Familienbücher oder genealogische Fachliteratur. Gerade ungeübte Familienforscher*innen oder ausländische Besucher*innen nehmen außerdem gerne die fachliche Beratung durch die Lesesaalaufsicht in Anspruch. 

Blick ins neue Magazin mit Rollregalanlage
Insgesamt beherbergt das Landeskirchliche Archiv auf mehr als 1000 m² über 3000 lfd. Meter Archivgut, das Leben und Wirken der badischen Landeskirche dokumentiert, der Rechtssicherheit dient, einen besonderen historischen oder künstlerischen Wert hat oder für die wissenschaftliche und heimatgeschichtliche Forschung von Bedeutung ist. Seine Arbeit dokumentiert das Landeskirchliche Archiv auf seiner Homepage www.archiv-ekiba.de, wo ein Blog regelmäßig mit neuen Beiträgen der Mitarbeitenden gefüllt sowie der Podcast „Laufender Meter“ in unregelmäßigen Abständen veröffentlicht wird.
 
 
Dr. Michael Hallerberg
Bereichsleitung Landeskirchliches Archiv Karlsruhe
 
 
Nutzungsangebote und Kontakt