Die katholische Pfarrkirche St. Bernhard, im Westen der Stadt Baden-Baden, am Fuße des Balzenbergs gelegen, wurde in den Jahren 1911 bis 1914 erbaut. Der „hochbegabte Architekt“ Johannes Schroth (Zitat des ehemaligen Erzbischöflichen Baudirektors August Vogel) fand 1911 in zähem Ringen mit der Kirchenbaubehörde und den Wünschen des Baden-Badener Gesamtstiftungsrats eine imposante Grundrißlösung für einen überkuppelten Zentralraum der betenden Gemeinde und eine „byzantinisch-frühchristlich“ wirkende Architektur von monumentalem Charakter. Deren „beuronisch“ stilisierte Dekoration und künstlerische Innenausstattung wurde mit sorgsam bedachten Materialien und Motiven von Offenburger und Karlsruher Künstlern geschaffen.
Die Bernharduskirche, mit ihrem Patron dem Seligen Bernhard von Baden, verdient als ehedem Aufsehen erregender Kirchenbau der Jugendstilzeit und als für die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg bahnbrechendes Unternehmen am Beginn moderner Sakralbaukunst in der Erzdiözese Freiburg besondere Beachtung. Der großzügig gestaltete Treppenaufgang, flankiert von zwei feststehenden Säulen mit den Statuen der Apostel Petrus und Paulus, führt hinauf zu einem einzigartigen Kuppelbau, welcher der Hagia Sophia nachempfunden ist. Der helle Sandstein und das grüne Kupferdach bilden eine Einheit, die ein sehr freundliches und offenes Erscheinungsbild abgibt. Die Westfassade beeindruckt und lädt ein, die Kirche außen und innen zu entdecken. Ein zentrales Element des Eingangsbereichs ist ein Bild aus Glasmosaik, das Christus als Weltenrichter in der Mitte und zu seiner Linken und Rechten jeweils sechs Engel zeigt.
Machen wir uns nun auf den Weg um gemeinsam das Gotteshaus zu erkunden:
Ich trete über die Türschwelle hinein in einen anderen Raum – Licht durchflutet ihn und der Alltagslärm liegt hinter mir und eine wunderbare Ruhe umhüllt mich. Vor mir, als Mittelpunkt des Eingangsbaus der Kirche, befindet sich das Weihwasserbecken. Es liegt in einer Diagonalen zwischen zwei Seitennischen, der Pietà und der Taufkapelle.
Im Hintergrund der Taufkapelle sticht das farbige Mosaik von Otto Rünzi hervor, welches Jesus bei seiner Taufe im Jordan darstellt (Mt 3,13-17). Ich folge der Deckenmalerei, welche stilisierte Lilien, Rosen und einige kleine bunte Vögel zeigt; sie führt weiter über die Decke des Rundgangs und öffnet sich in Form einer stilisierten Wolkenbank hin zur Kuppel. Dabei fällt mir besonders die Gestalt des Thomas auf. Alle Apostelgestalten an den 12 Säulen richten ihren Blick nach vorne, nach unten oder zur Seite. Nur einer macht eine Ausnahme: Thomas. Er blickt ganz nach oben, er ist gebannt von dem, was er schauen darf. Thomas gibt mir die Richtung an, in die ich schauen muss.
So suche ich mir einen Platz unterhalb der 40 Meter hohen und 21 Meter breiten Kuppel. Im Zentrum sehe ich das Lamm Gottes – Jesus den Christus, geopfert wie ein Lamm – für uns Menschen – auch heute – für mich, Alpha und Omega – Anfang und Ende, Christus gestern – heute – in Ewigkeit. Diese Mitte wird durch die vierundzwanzig Ältesten und die vier LEBEwesen umkreist. In der Offenbarung des Johannes heißt es in Kapitel 4, Vers 10: „… dann werfen sich die vierundzwanzig Ältesten vor dem, der auf dem Thron sitzt, nieder und beten ihn an, der in alle Ewigkeit lebt. Und sie legen ihre goldenen Kränze »ihre Kronen« vor seinem Thron nieder…“
Über mir, über meinem Kopf, erhebt sich die Kuppel von St. Bernhard. Die Kuppel - wie eine Krone - eine Königskrone - meine Krone. Ich bin gekrönt. Auch ich darf meine Krone, mein Leben, unserm Gott JAHWE hinhalten – dem Lamm Gottes. Die Krone verweist auf das Himmlische Jerusalem – auf das Leben bei und mit Gott. In dem ich unter der Kuppeldecke stehe oder sitze, habe auch ich Anteil am Himmlischen Jerusalem, am Leben mit und bei Gott – gestern – heute – in Ewigkeit. Im äußeren Kreis um die Kuppelmitte sehe ich die große musizierende himmlische Schar. In der Offenbarung des Johannes in Kapitel 19 heißt es dazu:
„…Halleluja! Das Heil und die Herrlichkeit und die Macht ist bei unserm Gott. Seine Urteile sind wahr und gerecht… Halleluja! … Da hörte ich etwas wie den Ruf einer großen Schar und wie das Rauschen gewaltiger Wassermassen und wie das Rollenmächtiger Donner: Halleluja! Denn König geworden ist der Herr, unser Gott, der Herrscher über die ganze Schöpfung. Wir wollen uns freuen und jubeln und ihm die Ehre erweisen. …“ Sie huldigt dem Lamme und steht auf der großen Wolkenbank; dem Himmelszelt mit seinen vielen Sternen. Die Kuppel setzt sich in die Säulen hinein fort, auch auf ihnen finde ich wieder die stilisierten Wolken; dieses Himmlische will zum Ausdruck bringen, dass hier immer wieder das Licht Gottes durchbricht.
Mein Blick schweift weiter nach unten zu den 12 starken Säulen der Apostel. Die Figuren stammen von Emil Sutor aus Karlsruhe. Schwerpunkt der Apostel ist der Ausdruck und die Linie, sie haben kein normales Körpermaß und sind auch nicht farblich gefasst. Doch fällt mir auf, dass einige Teile in Gold gehalten sind. In Höhe des Zelebrationsaltars sehe ich die Apostel Petrus und Paulus, welche mir schon auf den Säulen vor der Kirche begegnet sind. All diese Apostel, sie sind Zeugen Jesu Christi, Zeugen des Auferstandenen und symbolisieren die Gemeinschaft der christlichen Kirche. Unter ihnen, in den Kirchenbänken, sitzen die Gläubigen, das Volk Gottes. Wir sind die Kirche von heute und sind somit Zeugen des Glaubens und beauftragt, die Botschaft weiter zu tragen und auch weiter zu leben, von Generation zu Generation.
Ich wende mich dem Hochaltar zu. In der Kuppel ist das Lamm Gottes Zentrum, „das hinweg nimmt die Sünde der Welt“, wie es beim Hochaltar der Tabernakel ist. Im feierlich dekorierten, wie ein frühchristlicher Tempel wirkenden Chorraum wurde die Hochaltarwand von Johannes Schroth mit einem „beuronisch“ stilisierten Tabernakelaltar und dem großen Nischenbild des Heiligen Abendmahls (Gebrüder Moroder) zu einer großen einheitlichen Wirkung gestaltet. Und auch in der Darstellung des Abendmahls entdecke ich wieder einen Verweis. Der ungläubige Thomas an der linken Bildseite verweist auf Jesus Christus, das Lamm Gottes.
Über der Hochaltarwand sehe ich die Kreuzesdarstellung mit Johannes und Maria. Am Kreuz hat Jesus sein Blut vergossen, seinen Leib hingegeben. Eine Symbiose gehen Zelebrationsaltar, Ambo, Oster- und Altarkerzenleuchter des Karlsruher Künstlers Frido Lehr auf der Altarinsel ein. Sie ist das Bindeglied zwischen Chorraum und Hauptschiff und zugleich Mitte jeder Messfeier.
In der Decke des Chorraums finden sich die vier alttestamentlichen Motive, der Opferaltar Abrahms (Gen 22,9), das Manna mit den Zelten (Ex 17,31), die Bundeslade (Num 10,33) und die Schlange (Num 21,8). Unter den vier Motiven steht Johannes der Täufer in der Gestalt einer überlebensgroßen Figur, er steht quasi an der Wende zwischen Altem und Neuem Testament.
Ich wende meinen Blick zur linken Chorseitennische mit dem Muttergottesaltar. Maria, die Mutter Gottes thront und bietet den kleinen Jesusknaben als Heil der Welt auf ihrem Schoß dar. Zu ihrer Linken und Rechten sind die Szenen der Verkündigung durch den Erzengel Gabriel und der Geburt Christi auf Reliefplatten zu sehen.
Dem Marienaltar gegenüber, betrachte ich den Josefsaltar. Hier erkenne ich den Nährvater Josef mit dem heranwachsenden Jesusknaben, was die väterliche Verantwortung für die Erziehung in der Familie darstellt. Zur Linken kniet der Selige Bernhard von Baden, Vorbild der Jugend im Glauben. Zur Rechten der Heilige Aloisius, der die sittliche Reinheit verkörpert. Beide Seitenaltäre sind Alabasterarbeiten des von Johannes Schroth sehr geschätzten Karlsruher Bildhauers Jakob Balser. Er sagte über ihn:
„Seine Werke atmen in hohem künstlerischem Gewande eine tief religiöse Empfindung aus.“
Wenn ich meinen Blick wieder in Richtung Ausgangsbau der Kirche wende, kann ich auf der Empore die seit 1921 mächtig thronende Orgel sehen. Ihr originaler Freipfeifenprospekt im Art Déco birgt seit 2009 wieder den Klang, der dazugehört. Eine aufwändige Restaurierung der Firma Matz und Luge ließ das prächtige spätromantische Instrument nach einem klanglich entstellenden Umbau 1958 wieder auferstehen. Somit steht dieses bedeutende Ausstattungsstück (III/Pedal/46 Register) für „Jugendstil in Raum und Klang“. Gestärkt durch die vielen Eindrücke und mein Gebet verlasse ich die Bernharduskirche und mein Blick schweift über Baden-Badens Weststadt.
Text: Christian Braun, Ute Wick
Fotos: Christoph Schmitz